Heiko Mell

Wie komme ich an ein gutes?

Frage: Ich bin Mitte 30, arbeite seit einigen Jahren in einem mittelständischen Betrieb und bin im wesentlichen recht zufrieden. Der Hauptgrund für einen beabsichtigten Wechsel liegt denn auch in der Person meines Vorgesetzten, dessen charakterliche Qualitäten und dessen Arbeitsqualität (nicht nur) von mir negativ beurteilt werden und der meiner Vermutung nach meine Arbeitsweise seinerseits schlecht beurteilt.

Ich bin ein Mensch, der durchaus seine Meinung sagt und dadurch auch mit jemandem in Konflikt gerät, auf dessen „good will“ er beim Ausstellen eines Zeugnisses angewiesen ist.
Zur Vervollständigung des Bildes sei hinzugefügt, daß jener Vorgesetzte derart von sich überzeugt ist (er ist noch recht jung), daß er sich anmaßen wird, ein Zeugnis zu schreiben, ohne überhaupt um die üblichen Formulierungen zu wissen.

Selbst bei als gut unterstellter Beurteilung der von mir geleisteten Arbeit wird er also kaum ein Zeugnis schreiben können, das unter Personalmanagern als gut gilt.

Wie komme ich unter diesen Bedingungen zu einem Zeugnis, das meiner von verschiedenen Seiten als gut beurteilten Arbeitsqualität gerecht wird?

Antwort:

Ich kann Ihnen helfen – falls Sie sich helfen lassen wollen!

1. Wenn Sie so denken wie Sie schreiben, haben Sie ein viel größeres Problem als Sie bisher wußten: Für den Fall, daß Ihr Chef „nichts taugt“, sind Sie bei einem Arbeitgeber tätig, der Leute in Führungspositionen hievt, die einen miesen Charakter haben und nichts leisten – und der das hinterher weder merkt noch korrigiert. Also sind Sie bei einer „Murksfirma“. Wie sind Sie dahingekommen, wer wollte unbedingt dahin, wer hat das im Vorstellungsgespräch nicht gesehen? (Merken Sie etwas? Ein „guter Mann“ ist und war nie bei einer „Murksfirma“!)

2. Arbeitgeber (Bewerbungsempfänger z. B.) wollen Angestellte, die in einem möglichst großen Spektrum denkbarer Umstände problemlos „funktionieren“. Natürlich gibt es „Idioten“ (man verzeihe mir, aber es liest sich griffiger so) auf Chefsesseln (ebenso wie auf Sachbearbeiterstühlen). Aber der mögliche neue Arbeitgeber hat ebenfalls solche Leute (garantiert). Und sucht Bewerber, die auch dann noch gute Leistungen bringen, wenn der Chef „ein bißchen schwierig ist“ (so die offizielle Definition). Als Trost: Je höher Sie aufsteigen, desto „schwieriger“ scheinen Chefs zu werden.

3. Den ersten Satz Ihres letzten Absatzes können Sie vergessen – darum geht es nicht und dazu kommt es ja gar nicht (außerdem bewerten Profis Zeugnisse auch unter dem Aspekt, wo sie wohl herstammen mögen).

4. Den „Fall“, den Sie im letzten Satz schildern, gibt es gar nicht! Nicht „verschiedene Seiten“ beurteilen Ihre Leistung, sondern nur „der Arbeitgeber“, der das wiederum an Ihren Chef delegiert. Die Definition „Ich bin gut, alle sagen das, bloß mein Chef nicht“ gibt es nicht! „Gut“ sind Sie erst, wenn Sie so arbeiten, daß Ihre diversen Chefs (im Berufsleben) Sie entsprechend einstufen. Im Moment sind Sie wie ein Sportler, der sagt: „Ich bin der beste Läufer der Welt – nur im Wettkampf verliere ich immer.“ Ihr Wettkampfergebnis ist das Arbeitgeberurteil. Es gibt keine andere Basis für den Erfolg – so wie ein Eiskunstläufer „nichts“ ist ohne positives Votum der Preisrichter.

5. Alleiniger Kern Ihres Problems ist der zweite Absatz. In diesem System bekommen derartige Leute derartige Probleme. Konkret: Wenn Sie so weitermachen, haben Sie als karriereinteressierter Angestellter keine große Zukunft, das läßt sich vorhersagen.

6. Ich sehe nur eine Lösung: Arbeiten Sie an sich, kommen Sie zu einer anderen Einstellung zu Menschen, von denen Sie abhängen. Versuchen Sie einmal, die Dinge mit den Augen Ihres Chefs zu sehen. Vielleicht müssen Sie das eines Tages. Und akzeptieren Sie die Basisdefinition für abhängig Beschäftigte: Ein guter Angestellter (auch ein guter Ingenieur!) ist jemand, den sein Arbeitgeber dafür hält. Hält Ihrer? Arbeiten Sie daran. Es geht, wenn Sie es wirklich wollen.

Kurzantwort:

Ihr Chef denkt über Sie, wie Sie über ihn. Und dann geht er hin und formuliert Ihr Zeugnis.

Frage-Nr.: 1257
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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