Heiko Mell

Wichtig oder überschätzt?

Frage: Ich stoße in Ihrer Karriereberatung immer wieder auf das Problem der Wichtigkeit von Arbeitszeugnissen.
Offenbar handelt es sich hier um ein besonders auch für die deutsche Gesellschaftsstruktur typisches Problem, das mich besonders hinsichtlich seiner individuellen Auswirkungen interessiert und auch betrifft.

So gilt mein ganzes Mitgefühl meinem Kollegen, der kürzlich als Einsender einer Frage (1243) auftrat. Wenn es also aufgrund von mangelnder Risikofreudigkeit, persönlicher Vorurteile aufgrund bestimmter Lebensdaten der Bewerber oder persönlicher Ängste von Entscheidungsträgern im Personalmanagement dazu führt, daß auch sehr fähige (dies setze ich einmal voraus) Ingenieure an der Ausübung ihres Berufes gehindert werden, so kann meine tabuverletzende Aufforderung an jene nur lauten: Schreibt eure Arbeitszeugnisse selbst!

Antwort:

Was der letzte Satz Ihrer hier zitierten Einsendung soll, weiß ich nicht. Wenn er bedeutet, daß die Mitarbeiter dann auch noch (mit falschem Namen) unterschreiben sollen, ist das ein Aufruf zur Urkundenfälschung. Bedeutet er hingegen, man solle versuchen, den Arbeitgeber zu überreden, einen eigenen Entwurf für das Dokument erarbeiten zu dürfen, dann kann ich dazu nur sagen: Wichtig ist, welche Aussage der Arbeitgeber mit einer rechtsgültigen Unterschrift besiegelt. Wer den Entwurf konzipierte, ist unerheblich.

Die Deutschen, die es tatsächlich mit Zeugnissen (und anderen amtlichen Dokumenten, vergessen wir das nicht) mehr „haben“ als viele andere, zerfallen in zwei Gruppen: die eine findet Zeugnisse grundsätzlich angemessen und brauchbar, die andere nicht. Nun gibt es aber noch zwei Gruppen in unserem Land: die eine hat gute Zeugnisse, die andere nicht. Und wie das Leben so spielt: Fast decken sich die Akzeptanten des Systems mit den Eigentümern guter Dokumente – und umgekehrt. Wer hätte das gedacht?

Trösten Sie sich mit einer in meinen Augen absolut unangreifbaren These: Gäbe es diese Regeln nicht, gäbe es andere. Und wieder gäbe es Gewinner und Verlierer. Was immer Sie an Auswahlkriterien zugrunde legen: Von 100 Bewerbern bekommt nur einer die Position – und hinterläßt 99 am Auswahlsystem zweifelnde Kandidaten.

Nehmen wir an, die Zeugnisse würden abgeschafft, die Einholung von Referenzen würde verboten. Dann bliebe der Bewerbungsempfänger allein auf sein Urteil über die vollmundigen Qualifikationsbehauptungen des Bewerbers angewiesen. Welches Instrument hätte er, um „Spreu vom Weizen“ zu trennen? Er müßte die in seinen Augen besten Kandidaten ausprobieren dürfen: einstellen, beobachten – bei Mißfallen feuern (das Arbeitsrecht wäre natürlich auch entsprechend zu ändern). Anders ginge es nicht.

Macht nichts, meinen Sie, das klänge doch ganz vernünftig? Na dann lesen Sie weiter: Wer von den getesteten Kandidaten bliebe letztlich auf dem Job? Richtig, es wäre der, den der neue Vorgesetzte gut beurteilt.

Was hätte man damit erreicht? Wieder müßte sich ein abhängig Beschäftigter (= offizielle Angestelltendefinition) so aufführen, daß sein Vorgesetzter/Arbeitgeber dauerhaft mit ihm zufrieden wäre. Fehlte diese Chef-Zufriedenheit, würde der Mitarbeiter im fiktiven „neuen“ System schneller als heute gefeuert. Jetzt, im klassisch-deutschen System, bekommt er bei nicht hinreichender Zufriedenheit des Chefs meist nur ein schlechtes Zeugnis, dafür ist man mit Entlassungen „nur“ wegen nicht ganz so toller Leistungen eher zurückhaltend.

Nein, am Grundprinzip, daß in einer Marktwirtschaft die Zufriedenheit des „Käufers“ (= Arbeitgeber) das alles dominierende Kriterium ist, kommen wir nicht vorbei. Ob wir mit Zeugnissen und gleichzeitig einem extrem arbeitnehmerfreundlichen (die Kündigung erschwerenden) Arbeitsrecht oder ohne solche Dokumente und dafür mit „Hire and fire“-Politik arbeiten, macht insgesamt kaum einen Unterschied. Mancher „Verkäufer“ stellt halt seine „Kunden“ zufrieden und mancher nicht – das Prinzip bleibt.

Kurzantwort:

Arbeitszeugnisse sind ein unvollkommenes, von vielen ungeliebtes Instrument. Aber auch ihre Abschaffung würde nichts am Prinzip ändern: Ein Arbeitnehmer muß zur Zufriedenheit seines Arbeitgebers tätig sein, sonst bekommt er Probleme.

Frage-Nr.: 1256
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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