Heiko Mell

Gut oder bloß mittelmäßig?

Frage: Von meinem zweiten Arbeitgeber erhielt ich das beigefügte Zeugnis. Ich bin damit äußerst unzufrieden. Nicht zuletzt wegen der im vierten Abschnitt verwendeten Beurteilung „stets zu unserer vollen Zufriedenheit“. Des weiteren vermisse ich Aussagen zu Führungsverhalten, Eigeninitiative, wie sie sicherlich in einer Führungsposition erforderlich ist, gestalterischen Fähigkeiten usw. Der Stil des Zeugnisses insgesamt erscheint mir wenig warmherzig oder wohlwollend. Die Abschlußformulierung „wir bedauern …“, fehlt.

Von meinem ersten Arbeitgeber, bei dem ich ebenfalls vier Jahre als Projektleiter tätig war, erhielt ich eine durchweg sehr gute Beurteilung.

Wird nun der zukünftige Empfänger meiner Bewerbung nicht zwangsläufig vermuten, ich sei der gestiegenen Verantwortung in meiner zweiten Position nicht gerecht geworden?

Antwort:

Mir fehlt etwas in Ihrer Zuschrift. Etwa ein Absatz mit folgendem Inhalt:“Ich bin ganz sicher, daß meine Vorgesetzten jederzeit absolut ohne Einschränkungen sehr zufrieden mit meiner Arbeit und mit meiner Person inkl. aller meiner Eigenschaften waren. Auch das Verhältnis zu meinen Chefs war immer hervorragend und von gegenseitigem Vertrauen, von Achtung und Zuneigung geprägt.“

Dann könnte man prüfen, ob das alles im Zeugnis zum Ausdruck kommt. Aber es gäbe immer noch die Möglichkeit, daß Ihre Chefs Sie und das Verhältnis zueinander anders beurteilen als Sie das tun. Konkret: Das Zeugnis ist Chef-(Arbeitgeber-)Sache. Erst wenn es entgegen den Tatsachen und entgegen den Empfindungen(!) und Bewertungen des Chefs formuliert wurde, ist es grundsätzlich zu beanstanden. Oder: Keinesfalls sind alle schlechten Zeugnisse auch falsch. Wären sie es, dann hätte jeder Arbeitnehmer einen Rechtsanspruch auf ein sehr gutes Zeugnis, es gäbe einen bundeseinheitlichen Standardtext und niemand würde ihn mehr lesen.

Nun zum konkreten Dokument: Es geht um einen heute 37jährigen Dipl.-Ing., der vier Jahre in einem Werk des Unternehmens tätig war. Er begann als Projektleiter und übernahm nach einem Jahr die Leitung des Konstruktionsbüros mit etwa 10 Mitarbeitern. Nach der sachlichen Beschreibung der Aufgaben erfolgt auf dem nur eine knappe Seite umfassenden Dokument die „Würdigung von Führung und Leistung“ in einem kurzen Absatz:

„Herr … zeichnete sich durch fundiertes Fachwissen aus. Er arbeitete sich schnell in die ihm übertragenen Aufgaben ein, die er zuverlässig, stets zu unserer vollen Zufriedenheit durchführte. Herr … besitzt eine schnelle Auffassungsgabe und war bereit, jederzeit zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Sein Verhalten gegenüber Mitarbeitern und Vorgesetzten war ohne Tadel.“

Dann folgt direkt der Schlußsatz: „Das Arbeitsverhältnis mit Herrn endet zum … auf Wunsch des Mitarbeiters, da er eine berufliche Chance wahrnehmen möchte, die ihm in unserem Hause nicht geboten werden kann. Wir danken Herrn … für seine Mitarbeit und wünschen ihm für seine berufliche Zukunft viel Erfolg.“

Immer wieder muß betont werden, daß die Zeugnisanalyse keine auf Formeln beruhende Wissenschaft ist. Es geht im Gegenteil um die Anwendung von Erfahrungswerten, um pragmatische Überlegungen und um psychologisches Einfühlungsvermögen. In der Sache beeinflußt die Person des Schreibers die Aussage und die Person des Lesers die Interpretation.

Noch eine Warnung vorab: Laufen Sie bitte nicht mit diesem Artikel in der Hand zum ehemaligen Arbeitgeber und fordern auf der Basis dieses „Beweises“ Nachbesserungen. Arbeitgeber mögen keine Argumentationshilfe für ihre Angestellten durch Dritte. Letztere können Berater oder Autoren ebenso sein wie Anwälte etc.

Zur Interpretation:Für die Position des Mitarbeiters und die Dauer der Dienstzeit ist das Dokument sehr kurz. Lob + Wohlwollen brauchen Platz, daran wurde hier jedoch gespart. Ganz besonders fällt die Kürze der Beurteilung und Wertung auf. Irgendeine Form von Wärme oder Zuneigung des Chefs gegenüber dem Angestellten wird nicht erkennbar. Die Kernformel mit der Zufriedenheit steht formal für die Schulnote „gut“, es fehlt jedoch „Fleisch am Knochen“, um eine rundum gute Bewertung glaubhaft zu machen.

Auffällig: Es wird nichts über Sacherfolge gesagt. Es werden keine Einzelbeispiele für tolle Arbeitsergebnisse erwähnt („… hat er unserem Unternehmen durch seine Konstruktionen einen Vorsprung auf dem Markt verschafft“ oder „….. konnten wir aufgrund der Ergebnisse seiner Arbeit deutliche Kosteneinsparungen in der Fertigung erzielen“).

Es gibt keine Aussage zur Mitarbeiterführung (hier ist, bei zehn Mitarbeitern gibt es kaum Zweifel, die Interpretation erlaubt: Führen kann er nicht besonders gut). Es wird kein besonderes Vertrauensverhältnis zum Vorgesetzten deutlich. Völlig zum Tenor passend und daher auch nicht weiter auffallend: Kein Bedauern des Unternehmens über den „Verlust“.Anmerkung dazu: Niemand kann gezwungen werden, etwas zu bedauern. Das muß man schon dem Arbeitgeber überlassen. Also nicht: Ein gutes Zeugnis muß das Bedauern des Ausscheidens enthalten. Sondern: Das Bedauern „adelt“ ein sonst gutes Zeugnis zusätzlich, verleiht etwa einem „Gut“ noch ein „Plus“.

Eine Schlüsselbemerkung könnte in der Formulierung über die anderweitige Chance liegen, die der Mitarbeiter sich draußen sucht und die ihm „in unserem Hause nicht geboten werden kann“. Darüber könnte sich der Chef geärgert haben. Nicht über die Chance, sondern darüber, daß der Mitarbeiter nur drei Jahre nach einer großen Beförderung schon wieder ging, um anderswo „noch mehr“ zu werden. Vielleicht hatte der Chef eine längere Dienstzeit im neuen Job erwartet. Aus dieser Enttäuschung erwächst keine große Zufriedenheit.

Was ich vermute: Es dürfte weitere wesentliche Einschränkungen des früheren Vorgesetzten in seinem Urteil über Sie gegeben haben.

Mein Rat: Kümmern Sie sich vorrangig darum, was das war. Da Sie so problemlos ein besseres Zeugnis einfordern, scheinen Sie keinerlei Arbeitgeber-Vorbehalte Ihnen gegenüber für denkbar zu halten. Um künftige Fehlinterpretationen und daraus resultierende Schwierigkeiten mit Chefs zu vermeiden, sollten Sie das vertrauliche Gespräch mit Ihrem alten Vorgesetzten suchen und die Kernfrage stellen: „Welche Schwächen haben Sie bei mir erkannt, wo waren Sie mit mir nicht zufrieden?“Gesamtwertung des vorgelegten Dokumentes: Es kommt aus einem großen Konzernverbund, die wissen dort, was sie tun (formulieren). Wo etwas fehlt, war es vermutlich Absicht. Das Zeugnis ist insgesamt „nicht toll“, insbesondere die fehlenden Aussagen zu guten Sachergebnissen und zur Führung fallen ins Gewicht. Keine Wärme, kein Bedauern. Etwa „befriedigend“, nicht mehr.

Kurzantwort:

Bei jeder Kritik des Betroffenen an einem Arbeitszeugnis ist zunächst einmal zu prüfen, wie denn der Arbeitgeber/Vorgesetzte während der Beschäftigungszeit den Arbeitnehmer und seine Arbeit beurteilt hat. Erst wenn das Zeugnis das nicht wiedergibt, sind Anstrengungen um ein „besseres“ Dokument berechtigt sonst hätte sich der Mitarbeiter während der Tätigkeit um eine bessere Beurteilung kümmern müssen.

Frage-Nr.: 1151
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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