Heiko Mell

Abiturzeugnis werten oder nicht?

Frage: Gern lese ich Ihre Antworten und zwar nicht unbedingt deswegen, weil mir die gleichen Fragen auf den Nägeln brennen, sondern vor allem, um zu sehen, wie altgediente Führungskräfte denken und nach welchen Kriterien sie letztlich einen Kandidaten bewerten.

Nun wäre mir aber vor allem bei der Bewertung eines dargestellten Lebenslaufes (Frage 1.118) beinahe der Kragen geplatzt (Ich habe den Eindruck, Sie können harte Worte vertragen).
Z. B. die Abitur-Note. Haben Sie sich nach erfolgreichem Studium, einer guten industriellen Karriere mal gefragt, wer Sie im Abitur benotet hat? Zudem nehme ich doch an, daß Sie sich im Studium erheblich weiterentwickelt haben und auch Ihre Interessen sich so geändert haben, daß sie später der Industrie nützlich waren.
Was macht man mit Einser-Abiturienten aus einem ehrgeizigen Elternhaus, die mit 30 plötzlich (zu recht) das Gefühl haben, bisher eine Menge verpaßt zu haben und dann das nachholen, was eigentlich in die Oberstufenzeit gehört hätte?

Ist ein Einser-Abiturient automatisch auch ein guter Mann für den Beruf?

Oder anders herum: ein mittelmäßiger Abiturient automatisch ein Mann für den Nein-Stapel, auch nach einem sehr guten Examen an der Hochschule? Gefährlich!

Antwort:

Gefährlich in der Tat, ginge man so vor, wie Sie es beschreiben. Mache ich aber nicht, habe ich auch in jener Frage nicht (bitte nachlesen). Es ging um einen Einser-TH-Absolventen mit nur zehn Semestern Studiendauer. Ich schrieb ihm:“Das also ist Ihr Potential, das können Sie. Und was haben Sie bisher aus diesen Anlagen gemacht? Abitur mit fast 20 und fast (Note) drei und das noch mit so dramatischen Leistungsfächern wie Kunst. Na ja.““Na ja“ trifft es gut. Nichts von wegen „auf den Nein-Stapel“.

Aber doch hochgezogene Analytiker-Augenbrauen.Gefordert habe ich ein Einser-Abitur niemals, ein gutes reicht mir. Persönlich mag ich 1,9. Nicht gut genug, um „verdächtig“ nach „Eierkopf“ auszusehen, aber mit der „1“ vor dem Komma doch respektabel.

Mir scheint, die Entscheidungsträger zerfallen in zwei Gruppen: Die mit brillantem Abitur halten die Note auch bei Bewerbern für interessant (nie für entscheidend). Die mit schwächeren Noten hingegen stehen auf dem Standpunkt, das bedeute gar nichts. Wie das Leben so spielt.

Ich gestehe jedem das Recht auf zunehmende Reife im fortgeschrittenen Alter zu freue mich aber dennoch, wenn jemand immer, wo er auch hingestellt wurde, gute (nicht zwangsläufig brillante) Leistungen erbrachte. So etwas kann nämlich in Fleisch und Blut übergehen. Während ein „Bei jenem Lehrer konnte ich nicht; als ich diese Freundin hatte, wollte ich nicht“ nur zu leicht auch später zu ständigen Schwankungen führt. Einfacher ist: Es gibt keine Ausreden niemals!

Ich habe noch nie jemanden allein wegen schlechter Abiturzeugnisse abgelehnt. Aber Bonuspunkte deswegen mag ich auch nicht vergeben.

Kurzantwort:

Ich habe noch nie jemanden allein wegen schlechter Abiturzeugnisse abgelehnt. Aber Bonuspunkte deswegen mag ich auch nicht vergeben.

Frage-Nr.: 1144
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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