Heiko Mell

Ist der Text auch wohlwollend genug?

Frage: Wegen Rationalisierung werde ich in wenigen Wochen von meiner Firma entlassen. Wir werden uns in bestem Einvernehmen trennen. Die zu zahlende Abfindung wird sehr hoch sein.
Man hat mir versichert, daß ich auch ein sehr gutes Arbeitszeugnis erhalten werde. In der Beilage habe ich das mir von meinem Vorgesetzten zur Prüfung überlassene Konzept beigefügt. Für einen Laien auf dem Gebiet Arbeitszeugnis wie mein Vorgesetzter (der sich „hochgearbeitet“ hat, zu dem ich beruflich ein sehr positives Verhältnis habe und der sich leider vergeblich sehr für meine Weiterbeschäftigung bei meiner Firma eingesetzt hat) und ich es sind sieht das Zeugnis auf den ersten Blick auch „sehr gut“ aus. Je länger ich aber darüber grübele und je mehr Bücher ich zu diesem Thema lese, um so mehr komme ich zu dem Ergebnis, daß es unbeabsichtigterweise einige „Holperigkeiten“ enthält. Ich befürchte, daß diese von einem versierten Personalchef negativ bewertet werden könnten.

Als Holperigkeit werte ich … (es folgen einige Zitate aus dem Text, der Autor).Ich würde mich freuen, wenn Sie das Arbeitszeugnis einmal diesbezüglich bewerten könnten.
Gibt es im Text (ungewollterweise) Formulierungen, die objektiv gesehen positiv, im „Arbeitszeugnis-Code“ aber negativ zu bewerten sind?

Antwort:

Wir müssen, verehrte Leserin, das Zeugnis in den wesentlichen Passagen hier vorstellen, sonst vermag niemand mit der Antwort etwas anzufangen:“Frau Dr.-Ing. …, geboren am …, war in unserem Unternehmen vom … 91 bis … 96 als … in der Abteilung … in der XY-Technik tätig. Nach kurzer Einarbeitungszeit war sie für die Anwendungstechnik in der Produktgruppe … zuständig.

Zu ihren Aufgaben gehörten die technische Kundenberatung, die Durchführung von kundenspezifischen Applikationen, Gerätevorführungen sowie die Ausbildung von Mitarbeitern und Geschäftspartnern der ABC-Firmengruppe. Eine umfassende, kompetente Beratung und Aufgabenerledigung waren für sie selbstverständlich. Weiterhin unterstützte sie die Entwicklungsabteilung bei Produktneuentwicklungen und die Marketingabteilung bei Produktneueinführungen sowie Wettbewerbsanalysen. Im Rahmen von Forschungsprojekten koordinierte sie die Zusammenarbeit unseres Unternehmens mit Universitäten und Hochschulen.

Frau Dr. … verfügt über umfassende und vielseitige Fachkenntnisse, auch in Randbereichen. Aus eigenem Antrieb zum Teil in ihrer Freizeit nahm sie jede Möglichkeit wahr, durch Weiterbildung auf dem neuesten fachlichen Stand zu bleiben. Die erworbenen Fähigkeiten hat sie praktisch umgesetzt.

Durch ihre hohe fachliche Leistung und ihre überzeugende Persönlichkeit erwarb sie sich die volle Anerkennung und hohe Wertschätzung ihrer Vorgesetzten, Kollegen und Geschäftspartner unseres Unternehmens.

Die übertragenen Aufgaben hat sie immer zu unserer vollsten Zufriedenheit erfüllt. Sie zeigt hohe Einsatzbereitschaft, arbeitet selbständig, zielstrebig, zuverlässig und genau.

Ihr persönliches Verhalten war stets vorbildlich.

Das Arbeitsverhältnis von Frau Dr. … wurde wegen Rationalisierungsmaßnahmen in der Abteilung, in der sie arbeitete, unter Einhaltung der Sozialauswahl in beiderseitigem besten Einvernehmen mit dem heutigen Tag beendet. Wir bedauern diese Entwicklung sehr, da wir mit Frau Dr. …. eine ausgezeichnete Mitarbeiterin verlieren.

Wir danken für ihre bisherige wertvolle Arbeit und wünschen ihr auf ihrem weiteren Berufs- und Lebensweg alles Gute und weiterhin viel Erfolg.“Ende des Zitats. Ich bin sehr dankbar für dieses praktische Beispiel. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit der aktuellen Entlassungswelle nehmen Fragen dieser Art zu.

Zunächst ein bißchen Grundsätzliches zum Zeugnis:Daß diese Dokumente so kompliziert sind, weil sie nicht wahr sein dürfen(!), hat sich vermutlich herumgesprochen. Negatives darf gar nicht drinstehen, auch wenn es zweifelsfrei den Tatsachen entspräche (was sehr, sehr oft der Fall ist!).Ein positiv formuliertes Zeugnis nun kann mindestens drei verschiedene Ursachen haben:

1. Es ist tatsächlich positiv gemeint.

2. Papier ist geduldig, Formulierungen kosten nichts. Wenn man als Arbeitgeber den Mitarbeiter schon entläßt, dann gibt man gern zumindest etwas Balsam auf die Wunde. Dieses Vorgehen ist in Fällen, in denen der Mitarbeiter tatsächlich nichts für seine Entlassung kann, durchaus üblich.

3. In komplizierten Entlassungsfällen (z.B. solchen mit ausgehandelten Aufhebungsverträgen, die wiederum höhere Abfindungssummen enthalten, bei Einschaltung von Anwälten oder gar Gerichten) wird ein „wohlwollendes Zeugnis“ häufig lange vor dem Ausstellungstermin schriftlich vereinbart.

Daraus ergeben sich nun folgende Schlußfolgerungen:

a) Die Leute, die immer behaupten, ein Zeugnis sei von fremden Lesern schwer zu interpretieren, haben völlig recht: Das ist eine Kunst, die nur in ständiger Übung befindliche Fachleute vollbringen können.

b) Nachdem die o.g. Punkte 2 und 3 am Wert eines positiv formulierten Zeugnisses knabbern, bleibt die Erkenntnis: Ein positives Zeugnis ist ein nettes Indiz, beweist aber allein noch nichts.Ein kritisches Zeugnis jedoch wird stets sehr ernst genommen. Das geht auf die Lebenserfahrung zurück: Gutes über andere will der Mensch bewiesen haben, Schlechtes hingegen glaubt er sofort.

Daraus lernen wir: Man hat besser ein positives Zeugnis.Wie nun bekommt man eines? Am besten nach einer Methode gemäß Punkt 1 obiger Aufzählung: Man stellt den „Käufer“ seiner Arbeitskraft absolut zufrieden, hat zum Chef auch noch persönlich ein gutes Verhältnis („Ihr Chef denkt über Sie wie Sie über ihn“) dann ist dieser normalerweise auch bestrebt, ein gutes Zeugnis zu schreiben. Selbst wenn er dabei mangels Übung Formfehler begeht, so weiß doch der lesende Fachmann seine Absicht richtig zu interpretieren.

Oder auch: Wenn der Chef ein positiv-warmherziges Urteil über einen Mitarbeiter zu Papier bringen will, so merkt man das als versierter Leser schon. Und als Warnung an Gutgläubige: Auch wenn der Chef nicht Negatives sagen darf als Fachmann sieht man dem Text schon an, daß hier zwar Formalvorschriften beachtet wurden, daß aber dennoch am kritischen Urteil des Chefs kein Zweifel bestehen kann. Schließlich muß ein schlechtes Zeugnis nicht immer falsch sein.

Bei der Gelegenheit: Einen bundesweit einheitlichen „Code“, mit dem das „wahre Urteil“ von Chefs geheimnisvoll verschlüsselt wird, gibt es nicht!

Gäbe es ihn, müßte ein Mann mit meiner Erfahrung ihn kennen.Es gibt mach meinem allerbesten Wissen und Gewissen nur die allseits bekannte Umsetzung der Schulnoten in eine Formulierung, in der „Zufriedenheit“ vorkommt. Aber selbst hier ist die Meinung der Fachleute nicht übereinstimmend. Manche Firmen entziehen sich dem bewußt, um nicht auf ihre Aussage „festgelegt“ werden zu können. Jetzt hat ein Landesarbeitsgericht auch noch die beliebte, aber unschöne Top-Formulierung „vollste“ Zufriedenheit als unsinnig bezeichnet und Arbeitgebern freigestellt, sie aus Abneigung gegen diesen sprachlichen Gewaltakt prinzipiell nicht zu benutzen (ich komme hoffentlich bald darauf zurück, meine Anfrage an die Sprachberatungsstelle der Dudenredaktion läuft).

Ich ahne aber, wie die Mär vom „Code“ entstanden ist: Sehr viele Menschen haben ein sehr unvollkommenes Sprachgefühl. Und wenn sie nun erleben, wie ein begabterer oder erfahrener Spezialist aus dem Gesamtzusammenhang(!) eines solchen Zeugnisses auf dieses oder jenes tippt und häufig damit richtig liegt , vermuten sie „Geheimes“.Nun zum Text des Beispiel-Dokumentes:Leider muß ich mit einer Warnung beginnen: Es gibt in Zeugnissen mitunter einzelne Kriterien, die ein ganzes Bild überlagern. Wie bei einem Gebrauchtwagen, bei dem die Diskussion über einen Rostfleck relativ bedeutungslos wird, wenn plötzlich ein Unfallschaden größerer Art entdeckt wird.

Und ein solcher Fall tritt bei einem Zeugnis immer dann ein, wenn die „Umstände des Ausscheidens“ nicht so sind wie sie sein sollten. Letzteres ist ganz einfach: Der Arbeitnehmer geht „auf eigenen Wunsch“, der Arbeitgeber bedauert das. Kein „gegenseitiges Einvernehmen“, kein reines „verläßt uns zum ….“Alle anderen Varianten sind bei weitem nicht so gut. So zum Beispiel die hier erwähnte Entlassung „wegen Rationalisierungsmaßnahmen“. Man kann das drehen und wenden, wie man will: Etwas bleibt hängen. Sie, verehrte Leserin, sind draußen, andere sind noch da. Die Theorie, daß auf wirtschaftlichen Erfolg bedachte Unternehmen ihre besten Leute zuerst entlassen, ist so ungeheuer schwer zu beweisen.

Natürlich, die Sozialauswahl. Bitte bedenken Sie dabei, daß ich diese Betrachtung auch aus der Sicht von 1999 oder 2011 schreibe. Auch dann nämlich wird man das Dokument noch lesen und kaum noch etwas wissen über Wirtschaftskrisen von vor drei oder gar fünfzehn Jahren.Hinzu kommt, daß es Bewerbungsempfänger gibt, beispielsweise im Bereich mittelständischer Unternehmen, die bezweifeln das Prinzip, weil sie selbst es intern umgehen (können).

Mit Fug und Recht können Sie jetzt fragen: „Was kann ich denn dafür, das ist bei uns einfach so, niemand hätte etwas dagegen tun können.“Einmal spielt das im Leben nur bedingt eine Rolle. Gerechtigkeit gibt es ohnehin nicht. Denken Sie nur an den Autounfall, nach dem der Sänger bleibend seine Stimme verliert. Danach ist er „raus aus dem Geschäft“, ob er nun die Schuld am Unfall hatte oder nicht.

Zum anderen werde ich nicht müde zu sagen: Halten Sie Ihre „Papiere sauber“. Unternehmen Sie alles, um in einem solchen Fall entweder schon vor der Kündigung, spätestens aber in der Kündigungsfrist einen neuen Job zu bekommen, lassen Sie sich dann ein Ausscheiden „auf eigenen Wunsch“ bescheinigen; notfalls pfeifen Sie auf die Abfindung (sie ist ohnehin das am teuersten verdiente Geld des ganzen Berufslebens und verträgt sich z.B. steuerlich nicht mit einem auf Arbeitnehmerinitiative erfolgten Ausscheiden).

Aber: Ein Zeugnis mit dem „eigenen Wunsch“ lohnt nur, wenn sich nahtlos das nächste Arbeitsverhältnis anschließt. Sonst wären Sie „arbeitslos auf eigenen Wunsch“ eine wirkliche Katastrophe.

Zum Rest: Ihre Bedenken sind nicht berechtigt. Es ist ein (nach Schulnoten) „sehr gutes“, wohlwollend und erkennbar warmherzig geschriebenes Dokument. Formal haben Sie mit einigen Detailfragen nicht Unrecht, aber das ist zu feinsinnig gesehen. So sind Zeugnisse in der Praxis eben. Man spürt, hier wollte jemand Gutes sagen.

Das Problem dieses Dokumentes liegt einmal darin, daß nicht jeder(!) spätere Leser glaubt, hier hätte wirklich ein Arbeitgeber die besten Leute zuerst …. Dann wird der Leser sich (2011!) fragen, warum Sie bis zum letzten Tag gewartet und sich nicht rechtzeitig nahtlos eine neue Position besorgt hätten. Und dann könnte er von den Formulierungen und Wertungen des Dokumentes auch noch ein paar Prozent wieder abziehen, weil „bei der Entlassung ein bißchen Schönfärben üblich ist“. Die Grundregel lautet leider: „Man wird besser nicht entlassen.“

Bedenken Sie: Wir lebten, als alle „Spielregeln“ entstanden, als Gepflogenheiten sich bildeten und Maßstäbe geprägt wurden, in einer reinen Erfolgsgesellschaft. Daß derzeit für viele Menschen völlig ohne eigene Schuld der Erfolg trotz aller Bemühungen gar nicht (mehr) erreichbar ist, schafft nicht gleich neue Spielregeln. Diese hängen vom Denken der Menschen ab, das wiederum ändert sich immer erst mit mehrjähriger Verzögerung.

Als Trost: Bleibt dies das einzige „Entlassungszeugnis“ Ihres Lebens, wächst Gras darüber. Geschieht Ihnen das öfter, verstärkt der Wiederholungsfall die Bedenken jedoch.

Kurzantwort:

1. Ein Fachmann erkennt auch an einem evtl. „holperigen“ Text eines Zeugnisses, ob der Schreiber Gutes sagen wollte.

2. Die am Schluß eines Zeugnisses dokumentierte arbeitgeberseitige Entlassung reduziert den Wert davorstehender positiver Urteile deutlich.

3. Abfindungen sind teuer erkauftes Geld, ein „problemloses“ Zeugnis ist demgegenüber unbezahlbar.

Frage-Nr.: 1117
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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