Heiko Mell

Von der Lehre bis zum Dr.-Ing.?

Frage 1 

Momentan bin ich 24 Jahre alt.

Antwort 1 

Jede (!) Altersangabe eines lebenden Menschen gilt nur für den Zeitpunkt, in dem sie ausgesprochen wird. Das ist unabwendbar – im nächsten Jahr werden Sie dann wieder ein Jahr älter sein. Das ist so selbstverständlich, dass man den Status quo nicht mit „momentan“ hervorhebt, verzichten Sie darauf.

Frage 2 

Nach dem erweiterten Realschulabschluss hatte ich meine Ausbildung zum Werkzeugmechaniker durch gute Leistungen verkürzen können. Danach habe ich die Technikerschule in Abendform (vier Jahre) erfolgreich mit sehr gutem Schnitt abgeschlossen. Durch die Abendschule und Ausbildung habe ich daher nahezu sieben Jahre Berufserfahrung.

Antwort 2

Das mit den sieben Jahren verstehe ich nicht ganz: Einmal zählt die Lehre (Ausbildung) bei der Berufspraxis nicht mit (man wird ja noch täglich ausgebildet!), dann bringt eine Abendschule überhaupt keine Berufserfahrung; diese könnte nur aus einer „tagsüber“ parallel laufenden Anstellung als Werkzeugmechaniker resultieren, aber davon schreiben Sie nichts. Außerdem spielt die Frage der Praxis hier eigentlich gar keine Rolle, für das Zentralthema Ihrer Frage schon einmal absolut nicht.

Ich nörgele hier an solchen Details nicht ohne Absicht herum, ich will Ihnen etwa vorhandene Schwächen verdeutlichen und rate stets zur optimalen Präzision bei allen Aussagen.

Frage 3

Die Technikerschule bot mir ein Kooperationsprogramm mit einer englischen Universität an. Dabei war es mir möglich, mein finales Jahr des B. Eng. in Aeronautical and Mechanical Engineering an einer englischen Universität zu beenden. 

Ab dem nächsten Semester studiere ich an jener Universität mit dem Ziel M. Sc. in Mechanical Engineering. Dieser Studiengang wird zwei Semester dauern, womit ich demnächst vor der Berufsfrage stehe.

In dem Zusammenhang kam mir auch der Gedanke an eine Promotion, da ich während meiner beruflichen Tätigkeit (das muss jene Zeit sein, die Sie in Ihrer chronologischen Darstellung vergessen haben; H. Mell) in der Forschung bzw. im Prototypenbau gearbeitet habe. Weiterhin hat mir mein Abschlussprojekt große Einblicke in die Materialforschung mit Verbundfasermaterialien gewährt. 

Meine Laufbahn möchte ich in der Forschung und Entwicklung weiterführen. Ebenso möchte ich gern Führungsaufgaben wahrnehmen.

Antwort 3 

Noch einmal zu den Details: Sofern Sie bisher „in der Forschung bzw. im Prototypenbau gearbeitet“ haben, dann war das vor dem Bachelor-Examen, also als Facharbeiter, eventuell noch während eines Praktikums. Aus einer solchen sehr praxisorientierten Tätigkeit auf eine spätere Leidenschaft für die völlig anders gelagerten Aufgaben eines Dr.-Ing. in F+E zu schließen, muss nicht falsch sein, ist aber gewagt!

Aus der Bachelor-Arbeit auf eine solche Leidenschaft zu schließen, ist ebenfalls nicht risikolos. Es ging ja dabei um eine Vorstufe zum Bachelor. Ein solcher wird aber typischerweise nicht in F+E eingesetzt, der Job dort ist eher dem Master bzw. dem Dr.-Ing. vorbehalten. Selbstverständlich dürfen Sie sich für einen späteren Einsatz in Forschung und Entwicklung interessieren – ich erlaube mir nur den Hinweis, dass Sie Ihr mögliches Zielgebiet vermutlich bisher nur aus deutlich „tieferer“ Sicht betrachten konnten.

Mit Ihrer nächsten Frage kommen wir von den Details zum Grundsätzlichen:

Frage 4

Wie lange dauern Promotionen in diesem Bereich und mit welchem Gehalt kann ich während dieser Phase rechnen? Außerdem interessiere ich mich für die Häufigkeit der notwendigen Besuche in der Universität und für den „Aufwand“ während der Jahre. Probleme mit großen Belastungen habe ich nicht, jedoch bin ich verheiratet, die Planung der nächsten Jahre ist ein wichtiger Aspekt unseres Lebens.

Antwort 4

Ich gehe einmal davon aus, dass Sie aus einem nichtakademischen familiären Umfeld stammen. Das ist noch nicht einmal ansatzweise kritisch oder gar negativ. Ganz im Gegenteil: Sie haben auf dieser vermuteten Basis eine eindrucksvolle Leistung erbracht, die Respekt verdient. Es sind aber mit dieser Konstellation Besonderheiten verbunden:

Sie sind nicht durch ein Umfeld geprägt, in dem akademische Abschlüsse aller Art (auch Promotionen oder sogar noch weitergehende Grade) zum selbstverständlichen Alltag gehören.

Wäre das so, hätten Sie vielleicht Erfahrungen mit Tante X, zweifach promoviert, aber notorisch arbeitslos und eher den Freuden des Lebens zugewandt. Und mit Onkel Y, ohne Promotion, aber auf der Karriereleiter eines bedeutenden Unternehmens steil nach oben unterwegs. Der Vorteil dabei: Man sieht den Wert solcher Abschlüsse eher gelassen und schaut mehr auf die alles entscheidende Persönlichkeit hinter den „Titeln“.

Ohne dieses Umfeld neigt man, oft befeuert durch die ganze Familie, in der noch niemand studiert hatte, zu einer Überbewertung bestimmter Abschlüsse für die eigene Karriere. Und so wollen recht oft Menschen, die auf dem zweiten Bildungsweg „unten“ angefangen haben, unbedingt bis „ganz oben“ auf der akademischen Qualifikationsleiter hinauf. Das ist nicht weiter schlimm, Sie sollten nur wissen, dass es diesen mehr psychologisch als rein sachlich begründeten Effekt gibt und ihn bei einer sorgfältigen Planung berücksichtigen.

Sagen wir es so: Der Master von Ihrer englischen Universität reicht völlig aus, um Vorstandsmitglied eines Konzerns zu werden. Ihre vermutliche Herkunft birgt hingegen die Gefahr, die Bedeutung weiterer Abschlüsse, insbesondere die einer Promotion, überzubewerten.

Natürlich kann eine gewerbliche Lehre in Verbindung mit einer Technikerausbildung niemals schaden, selbst bei einer Karriere als Hochschullehrer nicht. Allerdings gibt es Gepflogenheiten, ungeschriebene Regeln und bewährte Grenzen, die in Ihrem Falle etwa so lauten: Eine Lehre vor dem Studium und eine Promotion danach sind eigentlich zu viel des Guten. Der spätere Dr.-Ing. wird grundsätzlich mit derart anspruchsvollen Aufgaben betraut, dass der frühere Aufwand für den Erwerb seines Basis-Wissens kaum noch gerechtfertigt ist.

Und man darf auch nicht vergessen, dass jener Dr.-Ing., der den klassischen Weg über das Abitur mit breiter Allgemeinbildung und Leistungskurs in Mathematik gegangen ist, ja in der Zeit, die bei Ihnen für Lehre und Technikerschule „draufgegangen“ ist, nicht etwa „nichts“ gelernt hat. Sondern irgendetwas, das Sie nicht mitbringen werden – sich aber eventuell noch zusätzlich aneignen müssten, um wettbewerbsfähig zu sein.

Selbstverständlich können Sie in dieser Frage frei entscheiden. Und wenn das Feuer, unbedingt Dr.-Ing. sein zu wollen, sehr heiß brennt, dann müssen Sie den Weg gehen. Manchen Menschen nützt so etwas auch dann, wenn es mit dem eigentlichen Berufserfolg gar nichts zu tun hat. Sie würden ohne einen solchen krönenden Bildungsabschluss vielleicht sogar unglücklich werden – und jede der unvermeidlich kommenden beruflichen Niederlagen und Rückschläge fälschlicherweise auf die fehlende Promotion zurückführen.

Ich signalisiere allerdings Skepsis gegenüber dem Promotionsprojekt. Dabei stütze ich mich besonders auch auf Ihre Frage/4. Sie wissen so wenig über die Details des Projekts und stellen so ungewöhnliche Fragen, dass Ihnen noch viele Lernprozesse bevorstehen würden.

Ich will dennoch eine Antwort auf Ihre Fragen versuchen: Die klassische Promotion im Ingenieurbereich dauert in Deutschland etwa fünf Jahre. Scheitern Sie dabei, haben Sie weniger als Sie vorher hatten (aus der Sicht des Arbeitsmarktes). Die Geschichte mit der Häufigkeit der Besuche an der Universität während dieser Zeit verstehe ich nicht. Sie gehen wohl von einer nebenberuflichen Promotion aus, die ihre eigenen Probleme hat (deren Scheitern jedoch eher versteckt werden könnte).

Ich rate Ihnen sogar von F+E als Zielbereich eher ab. Sie haben als künftiger Master einen starken Praxisbezug durch Lehre und techniker-Ausbildung. Nutzen Sie den für Ihren beruflichen Einsatz, suchen Sie sich Tätigkeiten, wo diese Ihre Basis Vor-, nicht eher Nachteil ist.

Mit Ihrer Frage nach dem üblichen Gehalt für Promovierende kann ich gar nichts anfangen. Sehr viele dieser Kandidaten sind während jener fünf Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäts-Instituten oder Lehrstühlen nach den Regeln des öffentlichen Dienstes angestellt. Bei einer nebenberuflichen Promotion (die mit Hauptjob einer- und Familie andererseits sehr anstrengend sein kann) bestimmt die hauptberuflich eingenommene Position das Einkommen.

Wer vor allem aufs Geld schaut, muss mit der Erkenntnis leben: Eine „sichere Bank“ mit der Garantie späterer höherer Einkommen ist die Promotion längst nicht mehr. Wer nach dem Master direkt in die Industrie geht, kann (!) in den folgenden fünf Jahren einen erheblichen Karrierevorsprung erarbeitet haben, den sein ehemaliger Kommilitone niemals mehr aufholt.

Immer noch gelten zwei sichere Empfehlungen in Sachen Promotion: Sie empfiehlt sich uneingeschränkt, wenn Sie sich vor den Spiegel stellen und sagen „Ich wäre schon sehr gerne Dr.-Ing.“ und sie ist zwingend erforderlich, wenn Sie mit einer Laufbahn z. B. als Hochschulprofessor liebäugeln. Der Rest ist weitgehend Ermessenssache.

Frage-Nr.: 2.966
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-12

Von Heiko Mell

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