Heiko Mell 18.09.2018, 11:09 Uhr

Nebenberufliche Promotion

Frage

Sie empfehlen „nebenbei“ zu promovieren – und das als Ingenieur. Ich selbst habe ein Traineeprogramm absolviert – nach meiner Promotion.

Ich halte es für unmöglich, als Trainee und erst recht nicht danach „on the job“ promovieren zu wollen. Von fertigen Trainees wird im Anschluss ein voller Einsatz für das Unternehmen erwartet.

Dann macht man beides schlecht. Eine Ingenieurpromotion ist ein Vollzeitjob. Der gute Mann sollte die Promotion abhaken und nur eine gute Karriere machen.

Antwort

Sie, verehrter Herr Professor, sagen uns leider nicht, welchen meiner Beiträge Sie meinen. Sicher habe ich auch einmal einem Einsender empfohlen, über eine nebenberufliche Promotion nachzudenken, aber pauschal oder als gleichberechtigte Alternative zur Standardlösung empfohlen habe ich sie ganz sicher nicht.

Ich habe hier mit einem ganz speziellen Problem zu kämpfen: Nahezu jeder Mensch hält die Besonderheiten seines Berufsweges für beispielhaft, empfiehlt sich entsprechenden Nachahmern und geht in Opposition, wenn anderen Rat‧suchenden aus wohlerwogenen Gründen von eben diesem Weg abgeraten wird.

So erinnere ich mich lebhaft an eine Einsendung zum Thema Promotion, in der sich der Absender sehr engagiert darüber beschwerte, dass ich den damaligen Fragesteller eben nicht auf die „sich doch anbietende und überzeugende“ nebenberufliche Promotion hingewiesen hatte. Sie dürfen raten, welchen Weg er selbst gegangen war.

In der Sache gebe ich Ihnen absolut recht, soweit es Ihr Beispiel betrifft. Aber der Status eines Trainees bei einem Topkonzern ist eine absolute Ausnahme. Auf der anderen Seite werden viele Diplomingenieure bzw. Master in mittleren Betrieben mit Routinefunktionen betraut, langweilen sich z. T. sogar und hätten durchaus noch Kapazitäten frei für eine nebenberufliche Promotion. Manchmal findet ein Interessent auch einen Arbeitgeber, der das Projekt unterstützt, z. B. durch Reduzierung von Arbeitszeit und Gehalt.

Sie jedoch sind den klassischen Weg gegangen, der sich immer anbietet, wenn es möglich ist: Studium, anschließende Promotion, dann durch beides und die eigene Persönlichkeit qualifiziert für den Eliteeinstieg bei einem Topkonzern. Und heute sind Sie Hochschullehrer an einer der renommiertesten technischen Universitäten des Landes. Wenn man das Potenzial für diesen Weg hat, sollte man ihn auch gehen. Andere wie jener von Ihnen so genannte „gute Mann“ müssen sich ihren individuellen Pfad etwas mühsamer suchen und erschließen. Aber auch sie verdienen unsere Anerkennung.

Service für Querleser:

Man soll sich bei der Auswahl der späteren Tätigkeitsrichtungen auch danach richten, was man hat, kann und mitbringt. Das gilt z. B. für eine besonders intensive praxisorientierte Basis vor dem Studium.

Frage-Nr.: 2.967
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-09-14

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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