Heiko Mell

Hausarbeiten statt Überstunden?

Frage: Vor 4,5 Jahren habe ich ein Maschinenbau-Verbundstudium an der FH in … angefangen und gleichzeitig eine 2,5-jährige Ausbildung im gewerblichen Bereich absolviert. In den folgenden zwei Jahren habe ich als Facharbeiter gearbeitet. Nun sitze ich an meiner Diplomarbeit und werde das Studium auch in der Regelstudienzeit von zehn Semestern absolvieren.

Ich suche einen Arbeitgeber und schreibe zur Zeit Bewerbungen.

Jetzt mein Problem: Ich fühle mich nach diesem Studium, welches ich ja nebenberuflich absolviert habe, noch nicht „am Ende“ und möchte gerne noch weiter studieren und lernen. Dies möchte ich aber auf keinen Fall in Vollzeit machen, da mir die tägliche Arbeit nicht nur Geld, sondern auch unbezahlbare Erfahrungen bringt.

Deshalb habe ich mir wieder einen Verbundstudiengang, diesmal Technische Betriebswirtschaft als Weiterbildung für Ingenieure ausgesucht. Nach meiner Terminplanung hätte ich erst zehn Monate Zeit, mich unbelastet in die neue Stelle einzuarbeiten und könnte dann in 2,5 Jahren nebenberuflich dieses Studium absolvieren.

Soll ich bei Bewerbungen und Vorstellungsgesprächen gleich mit meinen Studienplänen aufwarten oder erst einmal nebenbei studieren ohne den neuen Arbeitgeber zu informieren?

Antwort:

Sie klingen nach Ihrem ersten genannten Studium noch so frisch, dynamisch und irgendwie „unausgelastet“, dass es sofort auffällt. Also schaue ich mir Ihren – zum Glück beigelegten – Lebenslauf an:

Es ist gar nicht Ihr erstes Studium, das Sie jetzt absolviert haben, es ist Ihr zweites. Nach dem Abitur hatten Sie sechs Semester an einer Universität „auf Lehramt“ studiert; ein Abschluss ist nicht erkennbar. Da ist es dann schon verständlich, dass Sie jetzt meinen, Sie könnten noch mehr (lernen).

Nicht verstanden habe ich, warum Sie Ihr Maschinenbaustudium „nebenberuflich“ nennen. Ich sehe bei einem „Verbundstudium“ das „Studium“ als Hauptwort und würde von einer „zeitgleich nebenbei“ absolvierten gewerblichen Ausbildung sprechen. Auch würde ich davon ausgehen, dass Ihre Facharbeitertätigkeit nicht 8 h am Tag, 40 h die Woche, lief, sondern „neben dem Studium“ in Teilzeit. Oder was bedeutet „Verbundstudium“ sonst?

Auch nicht verstehen kann ich, was an Ihrem geplanten neuen nebenberuflichen Studium ein „Verbund“ sein soll. Falls wieder eine praktische Ausbildung dazugehören sollte: Machen Sie bitte bloß nicht noch eine Lehre, eine genügt völlig.

Damit kein Missverständnis aufkommt bei anderen Lesern: Für einen Ingenieur ist ein begleitendes Zusatzstudium betriebswirtschaftlicher Art grundsätzlich empfehlenswert, sehr sogar. Aber Aus- und Weiterbildung darf auch nicht den Charakter eines Sammelsuriums annehmen (vom Erdkundelehrer über den Facharbeiter, den Dipl.-Ing. zum Betriebswirt – also Vorsicht vor ausufernden Experimenten).

Für Sie heißt das: Nehmen Sie die Suche nach Ihrem jetzt erforderlichen ersten „richtigen“ Arbeitgeber (als Ingenieur) sehr ernst, klotzen Sie dort richtig ran und erwerben Sie sich erstklassige Beurteilungen. Sie haben die „Scharte“ mit dem ursprünglichen Lehrerwunsch noch auszuwetzen (sprich: für viele industrielle Arbeitgeber sitzen Ingenieure und Lehrer auf zwei verschiedenen Enden der Begabungsskala. Punkt. Ich habe nicht gesagt, eine Gruppe davon seien schlechte Menschen, sondern nur …). Denn es könnte ja so aussehen, als sei der Ingenieur für Sie nur II. Wahl gewesen, …Einfach ist die Antwort auf die von Ihnen gestellte konkrete Frage: Sagen Sie nichts von Ihrem dritten Studienwunsch. Arbeiten Sie zu 100 % (besser 110%) und studieren Sie in Ihrer Freizeit heimlich. Wenn Sie das Betriebswirt-Examen haben, zeigen Sie es Ihrem Arbeitgeber. Der freut sich dann, andere später auch. Aber bis dahin gilt: Eigentlich hat der Mensch nur eine Kapazität von 100 % (egal wovon, Sie verstehen schon). Aber ein nebenberufliches Studium kostet Energie, Ihre Frau will auch noch etwas von Ihnen haben – und schon bleiben für den armen Arbeitgeber nur 75 % übrig. Für ein volles Gehalt. Und das mag er nicht.

Keine Angst: Wenn Sie damit durch sind, nimmt er Ihnen das nicht nachträglich übel. Er mag nur keine Bewerber, die den Verdacht erwecken, sie könnten ihn mit 75 % „abspeisen“.

Kurzantwort:

Ein Bewerber ist gut beraten, zunächst nichts über die Absicht zu erzählen, noch nebenberuflich studieren zu wollen. Der Arbeitgeber fürchtet, dies ginge zu seinen Lasten (Hausarbeiten statt Überstunden).

Frage-Nr.: 1909
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 6
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-02-10

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