Heiko Mell

Nebenberufliches Aufbaustudium?

Frage: Demnächst werde ich mein Ingenieurstudium an einer Berufsakademie erfolgreich abschließen. Meines Wissens ist der Dipl.-Ing. (BA) in ganz Europa dem Dipl.-Ing. (FH) gleichgestellt. Ich rechne konkret mit einer Anstellung bei einem bestimmten Unternehmen.

1. Erhöhen sich meine Karrierechancen, wenn ich neben dem Beruf gleich zu Beginn ein zweijähriges Fernstudium zum Diplom-Wirtschaftsingenieur (FH) absolviere?
2. Wäre es sinnvoll, nach dem Abschluss des Fernstudiums den Arbeitgeber zu wechseln, damit der neue Abschluss auch ausreichend honoriert würde?

Ich gehe dabei davon aus, dass mein erster Arbeitgeber nichts von meinem Fernstudium erfährt. Er wäre sicherlich nicht davon begeistert, dass ich nicht meine ganze Energie dem Job widmen würde.

Antwort:

Zu 1: Uneingeschränkt und zweifelsfrei ja. Aber: Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass das Abschlussdokument allein schon zu höherem Gehalt oder schnellerer Beförderung führt. Die zusätzlichen Kenntnisse werden Ihnen helfen, garantiert – aber mit dem Zusatz „irgendwann“. Vielleicht erst in fünf Jahren, vielleicht später. Vielleicht lösen Sie eine berufliche Aufgabe einfach besser, weil Sie über Zusatzkenntnisse verfügen, die Sie sonst nicht gehabt hätten. Vielleicht erhalten Sie auch allein wegen des Zusatzstudiums in einer Bewerbungsangelegenheit den Zuschlag gegenüber anderen.

Jeder Abteilungsleiter, ob in Entwicklung, Vertrieb, Produktion, Qualitätswesen oder Kundendienst, braucht Verständnis für Kosten, für Rentabilität, für betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. Es kann nie schaden, die vorher gehabt zu haben, bevor man an seine fachlichen Grenzen stieß und sich mühsam und unter Zeitdruck Kenntnisse selbst erarbeiten musste.

Zu 2: Uneingeschränkt und zweifelsfrei nein. Aber: Sie werden es – wie die meisten anderen auch – dennoch tun. Das Fernstudium bedeutet Aufwand, teilweisen Verzicht auf Vergnügen, teilweise Quälerei. Ist es vorbei, wird das Gefühl übermächtig, dass sich das alles nun auszahlen muss. Sofort!

Sie können in dem Moment, in dem Sie Ihr zweites Examenspapier in den Händen halten, zu Ihrem Arbeitgeber gehen und es stolz präsentieren. „Schön“, wird er sagen – und mäßig beeindruckt sein. Schließlich sind Sie nach wie vor derselbe Mensch, den er seit Jahren kennt. Mehr Geld oder die unmittelbare Beförderung im Hause sind nicht zu erwarten. Vielleicht aber bekommen Sie in einem weiteren Jahr eine Projektaufgabe, die man Ihnen sonst nicht gegeben hätte. Und die wird dann besser bezahlt oder ihre glückliche Lösung führt zu einer schnelleren Beförderung.

Firmen bezahlen die Leistung ihrer Angestellten. Ein Zusatzstudium verbessert aber diese nicht, höchstens das individuelle Leistungspotenzial. Das führt, so man es geschickt einsetzt, irgendwann auch zu höherer Leistung – und auf diesem Weg zu besseren Karrierechancen. Irgendwann!

Der Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber scheint ein Ausweg zu sein – weil man ja eine Position suchen könnte, in der genau das neue Gesamt-Leistungspotenzial gesucht wird. Das aber ist unwahrscheinlich! Sie stoßen bei der Suche nach neuen Positionen dann entweder auf solche, die zu Ihrer bisherigen Tätigkeit optimal passen, aber die Zusatzqualifikation nicht voraussetzen oder auf solche, in denen z. B. ein Dipl.-Wirtsch.-Ing. mit zwei Jahren Kostenrechnungs- (oder Controlling-)Praxis gesucht wird, die Sie nicht haben.

Ihr Fernstudium ist so als bauten Sie in Ihr Auto nachträglich einen Turbolader ein. Irgendwann hilft der Ihnen, schneller als andere zu fahren. Zunächst jedoch haben Sie im Stadtbereich zu tun. Es ist sinnlos zu hoffen, dass sich die Zusatzinvestition dort sofort auszahlt. Es ist auch sinnlos, mit dem Ding extra auf die Autobahn zu fahren – nur um schneller irgendwo hinzukommen, wo Sie eigentlich gar nicht hinwollten. Fahren Sie Ihre gewollten, sinnvollen Wege. Eines Tages kommen Sie „automatisch“ auf eine freie Autobahn. Und dann haben Sie einen Turbo und die meisten anderen nicht.Soweit die Vernunft. In der Praxis rast der frischgebackene Turbobesitzer natürlich sofort und ohne jeden Umweg zur nächsten Autobahn, um endlich wenigstens das subjektive Gefühl zu haben, die Investition habe etwas „gebracht“. Wirtschaftlich sinnvoll ist das aber nicht, geehrter Herr Dipl.-Wirtsch.-Ingenieur in spe. Genau das sollten Sie im Fernstudium lernen.

Kurzantwort:

Ein Zusatzstudium ist wie ein nachträglich ins Auto eingebauter Turbolader. Er hilft, Ziele schneller zu erreichen, die man ohnehin hatte. Aber es ist wirtschaftlich sinnlos, neue Fahrtziele zu suchen, nur weil dabei der Turbolader zur Geltung käme.

Frage-Nr.: 1555
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2001-01-12

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