Heiko Mell

Einsteiger scheitert mit Vertragsnachbesserungen

(Das Thema wächst sich aus. Eigentlich ging es in Frage 2.831 um das Problem ungenügender Präzisierung der Position im Arbeitsvertrag. Dann aber fragte als Reaktion darauf ein Arbeitgeber in Frage 2.858, was man von Bewerbern halten solle, die „endlos“ und mehrfach über einen Arbeitsvertragsentwurf nachverhandeln; er hatte einem solchen Kandidaten in der Probezeit gekündigt. Meine Antwort rief weitere Reaktionen hervor; H. Mell):

Leser A:

Gerade habe ich mit großem Vergnügen Ihren Beitrag (Frage 2.858) zum Thema Berufseinsteiger gelesen. Der beste Beitrag dieses Jahres! Und Sie fangen ja gerade erst an, sich für 2017 warm zu schreiben.

Sehr schön auch, dass Sie einen Arbeitgeber zu Wort kommen lassen, auch wenn das nicht Ihre eigentliche Klientel ist. Ich bin sicher, Sie haben auch auf dieser Seite des Schreibtisches viele Fans!

Ich lese Ihre Beiträge seit dem Studium regelmäßig und habe schon meine erwachsenen Kinder, mit und ohne Studium, damit „infiziert“.

Antwort:

Antwort A: Der Einsender ist Geschäftsführer einer GmbH und damit in jedem Fall auch Vertreter der Arbeitgeberseite.

Ich lasse gern Einsender wie ihn hier zu Wort kommen, erfahren die anderen Leser doch so „aus erster Hand“, wie bestimmte Zusammenhänge aus maßgeblicher Chef-Sicht gesehen werden. Denn nach wie vor gilt: Wer einen Job sucht, braucht einen Arbeitgeber, der ihm einen Arbeitsvertrag anbietet. Ihn muss der Bewerber für sich einnehmen; zu wissen, wie der z. B. in Vertragsangelegenheiten denkt, ist unbezahlbar.

Ob ich dieses große Lob jetzt schon verdient habe, ist zunächst offen – geben wir einfach dem Jahr eine Chance, sich weiter zu entwickeln. Und: Alle Leser mit Chef-Funktion (Personalführung) sind mit ihren Aussagen zu unseren Themen immer gern willkommen. Es geht hier nicht darum, wer etwa „recht“ hat – mein Anliegen ist es, die real existierenden Gegebenheiten darzustellen. Auf dass sich die Bewerber und angestellten Mitarbeiter darauf einstellen können – oder auch nicht, wir sind ein freies Land.

Frage Leser B/1: Vielen Dank für die bisher seit vielen Jahren meist sehr ausgewogenen und praxisorientierten Einschätzungen der betrieblichen Realität. Wie Sie zweifellos sehr oft hören oder lesen, treffen die allermeisten Dinge, die Sie beschreiben, im Berufsleben der meisten Leser so oder in ähnlicher Art zu. Schade nur, dass sich trotz regelmäßiger Lektüre Ihrer Seiten das Berufsleben kaum in der geforderten (bzw. vorgeschlagenen) Art planen und realisieren lässt – die externen, unbeeinflussbaren Einflüsse sind einfach zu stark.

Antwort B/1: Ihr letzter Satz hat es in sich. Ich gebe Ihnen nach vielen im Metier verbrachten Praxisjahren und dementsprechend zahlreichen analysierten beruflichen Problemfällen höchst unterschiedlicher Menschen zur Hälfte recht! Zur anderen Hälfte aber nicht.

Sie werden einräumen, dass dies erst einmal ein recht geschickter Schachzug ist. Mit meinem 50 %-Zugeständnis werden Sie sich vermutlich erst einmal schulterzuckend zufriedengeben – ganz bestimmt schneller und nachhaltiger als es bei einem totalen Widerspruch meinerseits gewesen wäre. Und ich kann mit der von mir beanspruchten restlichen Hälfte in Ruhe weiterarbeiten. Da wir beide nicht über absolute Zahlen verfügen, auf die sich die Quoten beziehen könnten, wäre ein Streit müßig, ob nicht einer von uns doch eher bei 60 % läge.

Also sage ich: Bei etwa der Hälfte aller beruflichen Problemfälle sind nicht vorwiegend die „unbeeinflussbaren Umstände“ ursächlich, sondern Entscheidungen, Handlungen und Verweigerungen aller Art, die allein vom Betroffenen zu verantworten sind. Er tut das nicht aus Bosheit oder weil er etwa masochistische Züge aufwiese. Nein, es sind eher die kleinen menschlichen Schwächen, die letztlich in die Katastrophen führen.

Nehmen wir nur ein Beispiel: Diese Serie existiert seit über 30 Jahren. Seit es das Internet gibt, sind alle Beiträge jedem Interessenten absolut frei zugänglich. Sie, geehrter Einsender B, sagen, so sei es in der Praxis tatsächlich. Leser A sagt es auch, viele andere haben es gesagt und tun es weiterhin. Und die Verantwortlichen dieser Zeitung werden sich ja auch etwas dabei gedacht haben, mich hier immer wieder zu Wort kommen zu lassen.

Weiterhin gilt: Das Berufsleben ist kompliziert, folgt ziemlichen komplexen Regeln, deren Kenntnis bei den Betroffenen nicht sehr verbreitet ist – und fundierte „Aufklärungsliteratur“ über diese Themen ist eher dünn gesät. Wenn dem so ist, dann müssten sich doch wenigstens die Studenten, insbesondere jene aus den letzten Semestern, voller Energie auf diese Beiträge stürzen. Eine Art „Gebrauchsanweisung“ für das bevorstehende Berufsleben – das ist doch eigentlich unbezahlbar (hier noch dazu kostenlos).

Und? Ich schätze aus eigener Erfahrung, dass sehr viel weniger als die Hälfte (!) aller infrage kommenden Studenten diese Serie wenigstens kennen und sporadisch lesen. Ein Professor schrieb mir, wie sich seine Studenten geäußert hatten, als er sie zu dieser Serie befragte: kein Interesse, zu kleine Schrift, ein Text ohne Bilder, also eher nein. Ich möchte nicht missverstanden werden: Niemand muss diese Beiträge lieben. Aber wer kurz vor dem Eintritt ins Berufsleben steht, sollte sie zumindest kennen (wenn er sie dann hasst, ist das auch erlaubt – das gibt sich dann schon).

Nein, geehrter Einsender B, eigentlich war ich mit dem Zugeständnis einer Hälfte an Sie viel zu großzügig, in bin in Versuchung, Ihren Anteil auf ein Viertel zu reduzieren. Und selbst damit komme ich mir noch sehr tolerant vor. Wobei die Geschichte mit den Studenten ja nur ein Beispiel ist:

Seit einigen Monaten biete ich auf meiner Homepage den kostenlosen und unverbindlichen Bezug meiner „Karriere-Basics“ an, die auch aus meiner Arbeit an dieser Serie resultieren und in Kurzbeiträgen die wichtigsten Regeln für ein erfolgreiches Berufsleben darstellen. Ich bin mit der Zahl meiner entsprechenden Abonnenten keineswegs unzufrieden, aber gemessen an der Anzahl der Leser dieser Zeitung ist sie noch steigerungsfähig.

Da ist also noch viel „Luft“ nach oben, bevor eine große Mehrheit behaupten könnte, Probleme im Zusammenhang mit beruflichen Laufbahnen seien überwiegend durch externe Einflüsse bedingt.

Frage Leser B/2: In der Frage 2.858 bekommen beide Beteiligte sehr ausgewogen „ihr Fett weg“. Im beschriebenen Fall finde ich das vollkommen richtig und gut. Allerdings fehlt mir eine zentrale Aussage bzw. Zurechtweisung (ich weiß, das tun Sie nicht – sollten Sie in diesem Fall aber meiner Meinung nach). Der Inhaber des Unternehmens macht dem Bewerber das zukünftige Berufsleben unnötig (und für meine Begriffe böswillig) schwer. Anstatt ihm in der Probezeit zu kündigen, hätte er die Anstellung gar nicht erst „durchziehen“ sollen – schließlich hatte er schon vorher berechtigte Zweifel an der Eignung des Bewerbers. Dass er ihn erst einstellt und dann nach wenigen Wochen wieder rausschmeißt, spricht nicht für den Charakter dieses Menschen. So einen möchte ich nicht als Chef. Wie schon oben gesagt, hätte ich mir von Ihnen einen deutlicheren Hinweis auf dieses Fehlverhalten gewünscht. Aber sonst: Klasse, machen Sie weiter so!

Antwort B/2: Ich muss mich jeweils entscheiden: Mit der breiten Diskussion eines solchen Falles kann ich vielleicht 1000 Berufseinsteigern die Warnung übermitteln und praktisch untermauern: Immer ist es erlaubt und oft mag es sinnvoll sein, einen vom potenziellen Arbeitgeber vorgelegten Vertragsentwurf schlicht freundlich abzulehnen und die Bewerbung zurückzunehmen. Meist ist es zulässig, nach Übersendung eines Vertragsentwurfes einen Punkt oder zwei Punkte des Dokumentes zu ändern, also für sich selbst vorteilhafter gestalten zu wollen.

Aber niemals ist es „erlaubt“, erst eine Nachbesserung durchzusetzen und nach deren Akzeptanz durch den Arbeitgeber ein neues Thema aufzugreifen, bei dem die eigene Vertragsposition auch noch verbessert werden soll. Das verärgert den potenziellen Arbeitgeber nachhaltig (damit hat er völlig recht!), das prägt seine Meinung über den Bewerber negativ, bevor der noch einen Tag gearbeitet hat. Und eine solche negative Vorprägung ist für einen Berufsanfänger, der ja in den ersten Wochen zwangsläufig noch keine fachlichen „Wunder“ vollbringen kann, weitgehend „tödlich“.

Aus dieser Darstellung könnten je 1000 Anfänger im Bewerbungsprozess sehr viel lernen, in einigen Fällen könnte das Beispiel tatsächlich eine böse Niederlage verhindern.

Hätte ich demgegenüber vor allem den Arbeitgeber „zurechtgewiesen“ (was mir grundsätzlich gar nicht zusteht), hätten vielleicht auch 1000 Leser ihren Spaß daran gehabt, aber keinerlei Erkenntnisse oder sonstige Vorteile daraus ziehen können.

Außerdem kennen wir den Vertragsaufbau nicht: Vielleicht hatte der Arbeitgeber seinen Entwurf bereits einseitig unterschrieben vorgelegt und vielleicht enthielt der Text die Standard-Klausel „Kündigung vor Dienstantritt ist ausgeschlossen“ – was dann ja für beide Seiten gelten würde.

Ich bleibe dabei: Wir freuen uns nach wie vor über jede arbeitgeberseitige Stellungnahme – und versichern, dass diese speziellen Einsender (die ja nicht unsere primäre Zielgruppe sind) keine „Zurechtweisung“ riskieren.

Frage-Nr.: 2881
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-11

Top Stellenangebote

Open Grid Europe GmbH-Firmenlogo
Open Grid Europe GmbH Projektleiter Technische Umsetzung Rollout 5G-Initiative (m/w/d) Essen
Bergische Universität Wuppertal-Firmenlogo
Bergische Universität Wuppertal Wissenschaftliche Mitarbeitende am Lehrstuhl für Elektrische Energieversorgungstechnik (w/m/d) Wuppertal
SILTRONIC AG-Firmenlogo
SILTRONIC AG Ingenieur (gn*) Elektrotechnik Nieder-, Mittel- und Hochspannungsnetze Burghausen
Arcadis Germany GmbH-Firmenlogo
Arcadis Germany GmbH Project- / Program Manager (w/m/d) Automotive Verschiedene Standorte
Windmöller & Hölscher-Firmenlogo
Windmöller & Hölscher Abschlussarbeit – Erhöhung der Markttransparenz in für W&H wichtigen Verpackungsdruckmärkten Lengerich
SMS Group GmbH-Firmenlogo
SMS Group GmbH Konstrukteur Metallpulververdüsungsanlagen (m/w/d) Mönchengladbach
Flottweg SE-Firmenlogo
Flottweg SE Vertriebsingenieur Anwendungsbereich "Klärschlamm" (m/w/d) Vilsbiburg Raum Landshut
SMS Group GmbH-Firmenlogo
SMS Group GmbH Lead Project Engineer (m/w/d) Düsseldorf
SMS Group GmbH-Firmenlogo
SMS Group GmbH Kalkulator (m/w/d) Düsseldorf
SMS Group GmbH-Firmenlogo
SMS Group GmbH Konstrukteur Fundamente (m/w/d) Düsseldorf

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: V…