Heiko Mell

Warum steht nichts über Aufgaben im Vertrag?

(In Frage 2.831 suchte ein Leser nach einer Begründung dafür, dass in Arbeitsverträgen nichts über Aufgaben, Zuständigkeiten und Unterstellungsverhältnisse steht. Ich fand Gründe dafür. Jetzt schreibt der Inhaber eines mittelständischen Unternehmens zu einem anderen Aspekt dieser Thematik; H. Mell):

Besten Dank für Ihre Bearbeitung der Frage. Alles klar und richtig! Aber wie verhält man sich (als Arbeitgeber), wenn der Arbeitnehmer endlos Vertragsregelungen nachbessern will?

Ich hatte folgenden Fall: Anfänger, FH nach Lehre, durch hochgradige Spezialisierung blieb ihm nur eine kleine Anzahl von Zielpositionen.

Der Vertrag sah vor: Anstellung als Ingenieur. Die vom Kandidaten erbetene Nachbesserung lautete auf Verfahrensingenieur. Dann ein neuer Anruf von ihm: weitere Detaillierung über etwa zwei Textzeilen wurde gewünscht. Zunächst dachte ich, unsere Personalabteilung hätte einen unklaren Vertrag ausgefertigt. Aber es war alles einwandfrei. Ich an seiner Stelle hätte den Vertrag unterschrieben.

Nach nochmaliger Prüfung seines schwachen Examenszeugnisses, das aber für die vorgesehene Aufgabe ausreichte, kamen wir zu dem Schluss: Der Kandidat hat mangelndes Selbstbewusstsein und traut sich nichts zu. Als Anfänger fehlt die Erfahrung, wie man sich durchsetzt. Wahrscheinlich wurde er nur schlecht beraten.

Der Vertrag wurde – formal in der Probezeit – gekündigt. Auf Ihre Einschätzung der Problematik freue ich mich!

Antwort:

Irgendwie kann ich beide Seiten verstehen.

Sie hatten ein Arbeitsvertragskonzept mit der Positionsbezeichnung„Ingenieur“ vorgelegt.

Danach bat der Kandidat um die erste, später um die zweite Nachbesserung.

Nun kamen Ihnen ernste Zweifel an der Persönlichkeit des Arbeitnehmers,worauf Sie kündigten – in der Probezeit brauchten Sie dafür keine Begründung.

Und mit der von Ihnen vermuteten fehlenden Erfahrung des Mannes im Bereich „Durchsetzung“ meinten Sie sicher nicht diese Fähigkeit Ihnen gegenüber, sondern Sie schlossen aus seinem stümperhaften Vorgehen auf seine Durchsetzungskräfte beider späteren Erledigung der Aufgaben in Ihrem Auftrag.

Mir fallen spontan mehrere Aspekte ein, die Sie vielleicht hätten berücksichtigen sollen:

1. Der Mann war Berufseinsteiger, volkstümlich „Anfänger“ genannt.

Anfänger wissen nichts, stolpern im neuen Metier ungeschickt herum und anderen Leuten vor die Füße.

Das ist überall so! Und es gilt auch, wenn dieser Anfänger vorher eine zielgerichtete komplexe Ausbildung genossen hat. Denken Sie z.B. an Fahranfänger nach Aushändigung des Führerscheins.

Diese Anfänger sind zwangsläufig unerfahren, operieren taktisch unklug – und brauchen in wichtigen Fragen erfahrene, tolerante und nachsichtige Partner bei ihren ersten Schritten auf dem Weg zum (fernen) Ziel.

Und da waren Sie genau der Falsche! Als geschäftsführender Gesellschafter (Inhaber) sind Sie „Gott“ in Ihrer Firma (durch Ihren Status; mit Ihrer Persönlichkeit und Ihrem Verhalten hat das nichts zu tun). Sie sind dort deutlich „mehr“ als es ein General bei der Armee wäre – und schon dem würde man keine Soldatenanfänger zur Einarbeitung zuweisen, ein Unteroffizier reicht dafür aus.

Anfänger sind natürlich in hohem Maße unsicher, wissen wenig über die Feinheiten des Berufslebens, haben aber Schauergeschichten über Arbeitgeber gehört, die angeblich junge Angestellte ausgetrickst und ausgebeutet haben. Und sie unterliegen beratenden Einflüssen von Verwandten und Freunden, die meist noch weniger davon verstehen.

2. Unsere Hochschulen haben nach ihrem Selbstverständnis und vermutlich auch im Rahmen der ihnen vorgegebenen Ziele und der Wege dorthin, generell nicht die Aufgabe, die Absolventen auf das Berufsleben vorzubereiten. Das hört sich extrem unglaubwürdig an, ist aber  überwiegend so. Sie vermitteln hingegen Fachkenntnisse, wissenschaftliches Denken und die Fähigkeit, z. B. technische Aufgaben zu lösen. Aber für Fragen wie „Abschluss eines Arbeitsvertrages“, „Verhalten gegenüber ranghohen Chefs“ oder „Wie setze ich mich im betrieblichen Alltag durch“ sind sie grundsätzlich nicht zuständig. Vor allem nicht für „Wie zeige ich Persönlichkeitswerte“.

Es gibt in diesen Fragen Unterschiede zwischen Hochschultypen (z. B. muss hier das duale Studium positiv hervorgehoben werden) und auch innerhalb einer Typkategorie zwischen einzelnen Hochschulen. Und es gibt vorbildliche Initiativen einzelner Fachbereiche und sogar Professoren, hier im Interesse der Studenten mehr zu tun als vorgeschrieben wurde. Aber das ändert nichts am Prinzip.

Wenn nun einer jener Studenten, die nur tun, was ihnen gesagt wird (und z. B. nicht aus eigener Initiative die frei zugängliche  Karriereberatung in den VDI nachrichten ab dem ersten Semester lesen, was ja zumutbar wäre) von einer Hochschule kommt, die ihrerseits nur umsetzt, was sie muss, dann hat der beim Berufseinstieg Defizite – von deren Existenz er nicht einmal etwas ahnt. Aber er hat eine Diplomurkunde, auf der ihm bescheinigt wird, z. B. ein Ingenieur zu sein.

Es ist aber nun so, dass die Praxis, vertreten z. B. durch Sie, geehrter Einsender, beispielsweise, mit „Ingenieur“ viel mehr meint als die Hochschule, wenn diese jemandem die entsprechende Urkunde verleiht.

Dieser Konflikt ist uralt – hier wurzelt die Abneigung der Unternehmen, Anfänger einzustellen, wenn sie alterativ Leute mit zwei bis drei Jahren Praxis bekommen können.

In der Regel ist übrigens die Persönlichkeitsformung nach fünf Jahren Studium viel weniger ausgeprägt als nach fünf Jahren Berufspraxis. Das bedeutet:

a) Der Anfänger hat oft noch erhebliches Entwicklungspotenzial, das bisher nicht ausgeschöpft ist.

b) Da dieser Anfänger aber in vielen für die Berufsausübung wichtigen Aspekten weder gefordert noch ausgebildet wurde, ist sein Potenzial zum Zeitpunkt seiner ersten Bewerbungsaktion sehr schwer  abzuschätzen. Überraschungen sind in beide Richtungen möglich, Enttäuschungen inbegriffen.

3. Ich entnehme Ihrer Einsendung, dass Sie ihm einen Vertragsentwurf gegeben hatten, in dem die (einzige) Positionsbezeichnung „als Ingenieur“ stand. Das war nun leider Wasser auf die Mühlen der Unsicherheit und des Zweifels bei Ihrem damaligen Kandidaten. Wenn das sein Onkel Ferdinand liest und nachdrücklich meckert, das bedeute alles und nichts und außerdem sei er doch Verfahrensingenieur (nachher bekäme er noch studienfachfremde Aufgaben, die er gar nicht lösen könne und vielleicht auch gar nicht wolle), dann klappt der ohnehin aufgeregte und verunsicherte Mann zusammen – und ruft den Inhaber seines arbeitgebenden Unternehmens an, um mehr Sicherheit durch Vertragsformulierungen zu gewinnen (die es auf diesem Wege gar nicht

Und wenn Onkel Ferdinand anschließend feststellt, nun sei ja immer noch nicht umrissen, was er dort zu tun hätte, damit sei der Ausbeutungswillkür eines kapitalistischen Arbeitgebers Tür und Tor geöffnet – dann ruft der junge Mann noch einmal den Inhaber an. Der daraufhin prüft, ob er nicht den falschen Mann eingestellt hat und diese Frage dann positiv beantwortet.

Also lautet die Empfehlung an Unternehmen:

Stellen Sie niemanden „als Ingenieur“ ein, das ist zu unpräzise und führt zu unnötigen Zweifeln und Verunsicherungen. „Als Konstrukteur“, „als Vertriebsingenieur“ oder „als Mitarbeiter in der Fertigungsplanung“ ist da schon besser.

Im Absatz danach wird im Arbeitsvertrag ja ohnehin auf das  Direktionsrecht des Arbeitgebers hingewiesen, also ist die Festlegung auf eine klare Positionsbezeichnung sowieso nicht für alle Zeiten geltend.

4. Für Arbeitnehmer und ganz besonders für Anfänger gilt:

Bewerber und Arbeitgeber sind – innerhalb des Prozesses  „Vertragsabschluss“ und natürlich auch später während der  Angestelltentätigkeit – nicht etwa gleichberechtigte Partner. Der ungleich stärkere Arbeitgeber legt mit einem Vertragskonzept seine Vorstellungen über die Ausgestaltung des künftigen Arbeitsverhältnisses  auf den Tisch. Das ist keineswegs die Verhandlungseröffnung auf einem orientalischen Teppich-Basar oder die Einleitung eines „fröhlichen Verhandlungsmarathons“, bei dem jeder um alles feilschen darf.

Der Arbeitgeber, der grundsätzlich fachlich versiert in Sachen Vertragsgestaltung zu sein hat (z. B. indem er solche Fachleute beschäftigt), legt nach sorgfältigen Überlegungen und Abwägungen sein Konzept vor. Dabei schaut er auch auf die anderen Angestellten seines Hauses, auf seine organisatorischen Strukturen, auf seine Gehaltskosten etc. Dieses vorgelegte Arbeitsvertragskonzept (ein Vertrag wird es erst mit den Unterschriften beider Seiten) ist Ausdruck seines Willens:

„Auf dieser Basis würde ich gern abschließen, die Details sind sorgfältig durchdacht, ich halte alles auch aus der Sicht des zukünftigen Mitarbeiters für angemessen und zumutbar.“

Die – vom Arbeitgeber grundsätzlich erwartete – erste mögliche Standardreaktion des Bewerbers: „Ich freue mich auf die Tätigkeit bei Ihnen, komme gern, habe das Vertragskonzept unterschrieben und per Post an Sie zurückgesandt.“ Und das auch noch schnell, etwa ein bis drei Tage nach Erhalt des Angebots.

Die zweite mögliche Standardreaktion des Bewerbers: „Ich bedanke  mich für das Vertrauen, das Sie mir mit dem Angebot entgegenbringen, habe mich aber leider anders entschieden und ziehe meine Bewerbung zurück.“ Das gilt z. B., wenn das angebotene Gehalt deutlich hinter den Erwartungen oder auch den in den Vorgesprächen diskutierten Summen zurückbleibt, sonstige Regelungen als unbefriedigend empfunden werden – oder wenn von dritter Seite inzwischen ein attraktiveres Angebot vorliegt.

Damit sind die Standardreaktionen des Bewerbers auf die Vorlage des Vertragsangebots grundsätzlich erschöpft. Zwar kann – und darf – der Bewerber durchaus auf einen (!) Einzelpunkt des Vertragskonzeptes Bezug nehmen und hierzu einen abweichenden Wunsch äußern. Der Arbeitgeber könnte ja ein Detail irrtümlich so festgelegt haben, er könnte eine Aussage des Bewerbers im Vorstellungsgespräch auch falsch verstanden oder falsch interpretiert haben. Oder er hat tatsächlich noch etwas Spielraum in dieser Frage.

Aber: Der Bewerber ist diejenige Partei, die sich beim Arbeitgeber um eine Beschäftigung im Abhängigkeitsverhältnis bewirbt. Er fordert also nicht lautstark Nachbesserungen, er bittet (durchaus höflich) darum oder fragt (auch höflich) nach entsprechenden Möglichkeiten.

Letztlich mag es auch erlaubt sein, bei zwei (!) Detailpunkten um Umformulierungen zu bitten. Aber dann sollte Schluss sein, dann sagt man besser ab. Denn wenn der Arbeitgeber „genötigt“ wird, auf mehreren Feldern mehr zu geben als er wollte, schraubt er  „automatisch“ seine Erwartungen hoch.

Es gilt der Grundsatz: Der Arbeitgeber muss dem Angestellten etwas geben wollen, nicht müssen. Das gilt für ein laufendes Beschäftigungsverhältnis ebenso wie für die Anbahnung eines solchen.Was gar nicht geht – und wie unsere Einsendung zeigt, leicht zu katastrophalen Ergebnissen führt –, ist das mehrmalige Fordern von Nachbesserungen bei einem Vertragskonzept.

Auch der junge Bewerber muss lernen, zu seinem Wort zu stehen.

Selbst wenn er später noch etwas entdeckt, was er gern verändert  hätte, darf er nicht die ganze Geschichte noch einmal aufrühren. Mit  dem  ersten Nachbesserungsversuch sagt der Bewerber gleichzeitig: „Das war alles; wenn wir uns hier einig werden, unterschreibe ich und gebe in der Vertragsfrage Ruhe.“

Falls einem Leser dies alles nicht so richtig gefällt, bleibt mir der Hinweis des eingefleischten Pragmatikers auf das Ergebnis: Was hat unser Beispielkandidat, mit seiner engen Spezialisierung und seinem schwachen Zeugnis ohnehin gehandicapt, denn nun erreicht? Er schleppt eine ProNachbesbezeitkündigung in seinem Werdegang mit sich herum. Das ist nicht besonders erstrebenswert und auch nicht eben karrierefördernd. Und wenn das Ziel so total verfehlt wurde, kann der Weg (des Bewerbers) nicht beispielhaft gewesen sein.

Ich habe diesem Thema bewusst so viel Raum gegeben, um gezielt einmal etwas für die oft stark gebeutelte Gruppe der Berufseinsteiger zu tun. Die übrigens, das kann ich mir nicht verkneifen, zumeist deshalb so oft gebeutelt wird, weil sie es versäumt, sich rechtzeitig über das zu informieren, was im Berufsleben unverzichtbar ist, im Studium aber meistens nicht vermittelt wird. Darüber reden wir hier seit einigen  Jahrzehnten.

Kurzantwort:

Service für Querleser:

1. Von einem „frischgebackenen“ (Berufseinsteiger) Ingenieur werden in der Praxis Qualifikationsdetails erwartet, die im Studium in der Regel nicht vermittelt werden. Hier ist Eigeninitiative gefragt.

2. Das Vertragsangebot eines Arbeitgebers ist die Aussage des stärkeren Partners: „Das will ich“ – und damit deutlich mehr als die Einleitung eines „fröhlichen Feilschens um alle Details“.

Frage-Nr.: 2858
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-01-26

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