AT oder nicht AT?

Frage/1:Ich bin nun seit knapp fünf Jahren im Beruf. Begonnen habe ich meine Ingenieurkarriere als Entwicklungsingenieur bei einem großen Familienunternehmen. Mein Einstiegsgehalt betrug damals ca. XXXXX EUR/Jahr bei 40h/Woche. Nach 3,5 Jahren stand ich bei YYYYY EUR/Jahr. Da ich keine weiteren Aufstiegschancen in dem Unternehmen sah, entschied ich mich für einen (radikalen) Wechsel in einen Konzern.Frage/2:In diesem Konzern bin ich nun als global tätiger Projektingenieur beschäftigt. Dort wurde ich in die zweithöchste tarifliche Gehaltsstufe eingestuft (derzeit ZZZZZ EUR/Jahr bei 37,5h/Woche).Aufgrund wohl überzeugender Leistungen hat mein Vorgesetzter mich schon jetzt für einen AT-Vertrag vorgeschlagen, Ich weiß von Kollegen, dass auch hier die 37,5h/Woche durchaus eingehalten werden. Auch Überstunden können, wie momentan im Tarifbereich auch, abgefeiert werden.Frage/3:Mein Chef sieht mittelfristig eine Führungskraft in mir, ich bewege mich derzeit in dem Karrierefeld des Spezialisten/Experten. Über meine Ambitionen, Führungskraft mit Personalverantwortung zu werden, bin ich mir noch nicht ganz im Klaren.Frage/4:Was jedoch feststeht ist, dass ich nicht mobil bin, da ich ein Haus in der Nähe meiner derzeitigen Tätigkeitsstätte gebaut habe. Dies habe ich offiziell in meinem internen Lebenslauf angegeben und meinen Vorgesetzten gesagt. Ich weiß, dass Sie das ggf. als Karrierekiller ansehen. Ich bin da anderer Meinung.Frage/5:Obwohl ich gehört habe, dass man beim Übergang vom tariflichen in den außertariflichen Bereich anfangs sogar etwas weniger verdient, liegt bei mir das Zielgehalt deutlich höher. Dies wird allerdings immer individuell verhandelt. Wie soll ich mich bei Verhandlungen verhalten? Wie „hart“ kann ich bei den Verhandlungen auftreten? Oder ist es vielleicht sogar sinnvoll, im tariflichen Bereich zu bleiben?

Antwort:

Antwort/1:Sie geben jeweils konkrete Gehälter an, die ich jedoch hier nicht so gern sehe. Um wirkliche Gehaltsvergleiche durchführen zu können, braucht man mehr Angaben zu den einzelnen Positionen als Euro-Beträge. Außerdem machen konkrete Zahlen häufig so manchen Leser nervös, der sich sofort unterbezahlt wähnt. Ich hätte die entsprechenden Sätze mit den Gehältern ganz weglassen können, wollte aber zeigen, wie sich bei Ihnen alles um „Geld“ dreht.Übrigens schreiben Sie im letzten Satz des oben abgedruckten Frageteils über „keine weiteren Aufstiegschancen“. Das ergibt so keinen Sinn, denn Sie waren ja noch gar nicht aufgestiegen bis dahin, mehr Gehalt allein zählt nicht.Antwort/2:Wieder lese ich nur „Geld, Wochenstunden etc.“. Ich will es einmal ganz behutsam formulieren: Tarifangestellter zu sein, ist kein Makel. Viele von uns haben so angefangen, ich auch.Wenn (sofern, falls – was immer Sie wollen) man jedoch Ambitionen in Richtung eines wirklichen Aufstiegs entwickelt und in Führungspositionen strebt, dann muss man das Denken in Wochenarbeitsstunden, Überstundenausgleich und tariflichen Rechten in dieser oder jener Angelegenheit hinter sich lassen. Ab einer gewissen Anspruchsebene nach oben hin ist ein „Der denkt wie ein Tarifangestellter“ nicht eben eine Empfehlung. Ich bin mitunter sehr froh, dass dies eine „Karriereberatung“ ist – da gehört es für Leser zum Risiko, sich so etwas anhören zu müssen.Also: Der AT-Vertrag ist generell die erste Stufe des Aufstiegs in die Führungslaufbahn. Es sind neue „Schulterklappen“, die der Nachwuchs auf seine „Uniform“ genäht bekommt. Ob man da Überstunden abfeiert oder nicht, ist weniger von Interesse.Karriere geht so: Man steigt in der Hierarchie auf, konzentriert sich darauf – und das Geldverdienen kommt dann „im Schlepptau des Aufstiegs“ von allein. Der umgekehrte Weg (möglichst kein Aufstieg in die Führungsebenen, aber Konzentration auf so viel Geld pro Wochenstunde wie möglich) ist mühsam und findet schnell seine natürliche Obergrenze.Antwort/3:Das ist bei Ihren heutigen fünf Jahren Praxis durchaus noch verständlich. Nach fünf weiteren Jahren sieht das eventuell schon anders aus. Würden Sie sich z. B. den entsprechenden Vorstellungen Ihres heutigen Chefs – die Sie als großes Kompliment werten sollten – verweigern, „drohte“ Ihnen irgendwann ein Vorgesetzter, der jünger und unerfahrener ist als Sie. Diese Entwicklung ginge so weiter: Mit 50 Jahren und ohne „weiteren Aufstieg“ Ihrerseits wäre Ihr neuer Chef dann vielleicht 32 und hätte acht, Sie jedoch hätten sechsundzwanzig Jahre Berufspraxis. Das ist eine gute Basis für allerlei Frustrationen. Gehen Sie einmal davon aus, dass Ihr erfahrener heutiger Chef eine Begabung für Führungsaufgaben in Ihnen erkennt, was immerhin als Signal gelten darf.Damit wir uns nicht missverstehen: Jeder kann frei entscheiden, ob er nun aufsteigt oder nicht. Und ich habe Hochachtung vor einem Einsender, der sagt: „Ich kann es nicht, ich fühle mich davon überfordert.“ Aber ich rate jedem, seine Haltung noch einmal zu überdenken, wenn er ruft: „Ich will einfach nicht.“ Ein Talent zu haben und es bewusst nicht zu nutzen, macht in späteren Jahren leicht unglücklich. Und es widerspricht durchaus dem Grundaufbau unseres beruflichen Systems.Antwort/4:So, so. Zunächst ist die Begründung im zweiten Teil des ersten Satzes einfach falsch („… da ich …“). Wer ein Haus gebaut hat, hat ein Haus gebaut. Mehr ist nicht. Wer nicht umziehen will, will nicht umziehen. Beides hat nichts miteinander zu tun. Häuser kann man vermieten oder verkaufen, ganze Berufsgruppen leben davon (Makler).Die Angabe des eigenen Hauses als „Beweis“ für Immobilität im Lebenslauf ist selbst für mich neu. Sie gehen ja schon in Abwehrhaltung, bevor Ihnen jemand etwas angeboten hat. Wovor haben Sie eigentlich Angst? Auf mich wirkt das tatsächlich so.Im Normalfall hätten Sie eine klare Einstellung in dieser Frage, wären in Ihrer Auffassung gefestigt und würden darauf vertrauen, jeder Versuchung in Sachen „Karriere“ klar entgegentreten zu können. Sie aber handeln wie ein junger Mann in einer festen Beziehung, der ein Schild um den Hals trägt „Achtung, junge Damen werden gebeten, mich nicht anzulächeln, ich bin in festen Händen und will nicht!“Ein lebenserfahrener Berater würde empfehlen: „Ist ja alles gut; aber nun warte doch erst einmal, ob eine lächelt – dann kannst du ja immer noch mit dem Kopf schütteln.“Und Ihren letzten Satz dieses Frageteils verstehe ich schlicht nicht. Wenn Sie „anderer Meinung“ sind, dann halten Sie Ihre „präventive Versuchungsabwehr“ etwa für karrierefördernd. Da bin nun ich wirklich anderer Meinung.Antwort/5:Ihr Vorgesetzter, der Ihre Persönlichkeit und Ihre Leistungen offensichtlich schätzt und der Ihnen eine Führungslaufbahn zutraut, will Ihnen mit dem AT-Vertrag etwas Gutes tun und geht davon aus, dass Sie das dankbar anerkennen. Wenn Sie nicht wollen, dass er sich kopfschüttelnd von Ihnen abwendet, dürfen Sie das Angebot nicht pauschal ablehnen. Seien Sie lieber dankbar für so einen Chef.Nun zum „harten Verhandeln“: Arbeitgeber und Arbeitnehmer treffen sich nicht auf einem orientalischen Basar beim Teppichhandel, wo jeder sich erst einmal mit vorsichtigen Schritten an sein eigentliches Ziel herantastet und wo das spätere Verhandlungsergebnis oft meilenweit vom Eröffnungsangebot entfernt liegt. Im Gegenteil dazu macht Ihnen hier Ihr sozial stärkerer Arbeitgeber mit dem vorgelegten Vertragsentwurf ein konkretes Angebot. Das meint er ernst, das findet er angemessen, das hält er auch aus Ihrer Sicht für akzeptabel. Er hat sorgfältig alle Aspekte abgewogen, insbesondere auch den der internen Vergleichbarkeit mit anderen AT-Mitarbeitern, er hat Ihr bisheriges Gehalt dagegengehalten – und erwartet nun, dass Sie das halbwegs erfreut und dankbar akzeptieren.Im begründeten Ausnahmefall kann der Mitarbeiter bei einem der Vertragspunkte um eine Korrektur bitten, weil er vielleicht davon ausgeht, der Chef habe da etwas übersehen. Viel mehr geht nicht. Was hingegen grundsätzlich verhandelbar ist, sind die jährlich wechselnden Zielvorgaben, bei deren Erreichung bestimmte „Prämien“ etc. fällig werden.PS: Was darf ich doch für ein abwechslungs- und ereignisreiches Leben führen. Kaum hatte ich mich an Fragen wie „Ich will Aufstieg, am besten sofort“ gewöhnt, muss ich jetzt offensichtlich talentierten Hoffnungsträgern gut zureden, es doch wenigstens zu erwägen. Das nennt man „mit der Zeit gehen“.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
1. Sich gegen eine Führungskarriere zu entscheiden, weil man sich den Anforderungen nicht gewachsen fühlt, ist völlig in Ordnung, ja sogar ratsam. Zwar zu können, aber einfach nicht zu wollen, kann jedoch auf Dauer zu Problemen führen.
2. Chef-Vorschläge sind sehr viel mehr als unverbindliche Eröffnungsangebote auf irgendeiner Handelsplattform.
Frage-Nr.: 2828
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-05-26

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