Heiko Mell

Wettbewerbsverbot

Aufgrund eines Wettbewerbsverbots (erzwungen von einem multinationalen Konzern) bin ich für zwei Jahre aus dem Markt herausgenommen, in dem ich mich zwanzig Jahre lang bewegt habe.

Ich stehe nun vor der Frage,

a) zwei Jahre zu warten und dann meine sehr speziellen Kenntnisse wieder anzuwenden oder
b) mich umzuorientieren, wobei ich befürchte, dass sich potenzielle Arbeitgeber schwer mit einer Einstellung tun: Es könnte der Eindruck entstehen, dass ich nach zwei Jahren wieder zurück in meine Branche geben würde.

Antwort:

Wettbewerbsverbote werden in der formalen Betrachtung nicht erzwungen, sondern in einer beiderseits unterschriebenen Vereinbarung festgeschrieben. Niemand ist gezwungen, diesen Zusatzvertrag zu unterschreiben.

In der Praxis jedoch „droht“ das Unternehmen demjenigen, der nicht unterschreibt, mit irgendwelchen Nachteilen:

– man bekommt eine bestimmte Position nicht (gilt für in- und externe Bewerber);

– Höhergruppierungen/Beförderungen werden nicht gewährt;

– man darf an bestimmten Projekten nicht mitarbeiten;- es wird schlicht Druck von den Vorgesetzten ausgeübt, den Zusatzvertrag zu unterschreiben – wer es nicht tut, riskiert Ärger.

Tja, am Stammtisch nennt man das Erpressung – ist es aber nicht. Weil die lt. Lexikon eine mit Bereicherungsabsicht verbundene Nötigung eines anderen zu einer Handlung, Duldung oder Unterlassung mit der Folge einer Vermögensschädigung sein müsste. Und Nötigung wiederum ist das Zwingen eines anderen zu einer Handlung … mit einem empfindlichen Übel, wenn die Anwendung dieser Mittel zum angestrebten Zweck als verwerflich im Sinne des Strafgesetzbuches anzusehen ist. Nun, unfein ist es, verwerflich in diesem Sinne aber nicht, damit ist es keine Nötigung. Darum wiederum fehlt ein wesentliches Merkmal einer Erpressung.

Außerdem bekommen Sie ja in der Vereinbarung sogar etwas, nämlich in jedem Fall eine Entschädigung für die Zeit des Verbots.

Und da gilt: Ihre Lösung a kommt nicht in Frage! Wenn Sie einfach zu Hause sitzen, riskieren Sie Ärger. Sie müssen in jedem Fall versuchen, anderweitig Arbeit zu finden. Das Entgelt dafür wird auf bestimmte Weise mit der „Karenzentschädigung“ verrechnet. Verdienen Sie in den zwei Jahren nichts, weil Sie es gar nicht versucht haben, wird Ihnen ein fiktives Einkommen angerechnet, das Sie „böswillig zu erzielen unterlassen“ haben.

Fragen Sie im Zweifelsfall lieber einen Anwalt.

Bleibt also b. Dabei wiederum gilt: Eine Logik, dass Sie nach Ende der zwei Jahre wieder zu einem Unternehmen aus der Nähe zum alten Arbeitgeber zurückkehren, gibt es nicht. Denn: Die Frist wurde gewählt, weil Sie nach dieser Zeit über kein aktuelles Wissen mehr verfügen, dass Ihrem alten Arbeitgeber schaden könnte. Damit aber ist Ihr ganzes Wissen aus der früheren Branche etwas „eingestaubt“, so dass Sie als Bewerber mit zwei Jahren Tätigkeit in einem anderen Umfeld gar nicht mehr so brennend interessant wären für Firmen aus dem früheren Metier. Natürlich dürften Sie später – falls Sie dort jemand haben will – wieder in die alte Branche zurück. Aber ob Sie das nach zwei oder vier Jahren tun, ist weitgehend offen. Und die Leute aus der neuen Branche lieben diese so sehr, dass sie kaum befürchten, jemand könnte aus diesem tollen Umfeld jemals wieder wegstreben.

Sinn des Wettbewerbsverbots ist es ja, dass Sie mit Ihrem erworbenen Wissen und Ihren erarbeiteten Erfahrungen nicht zu einem im Wettbewerb zu Ihrem alten Arbeitgeber stehenden Unternehmen gehen und Letzterem dadurch Schaden zufügen können. Klären Sie zunächst einmal ab, welche potenziellen neuen Arbeitgeber überhaupt in diese Kategorie fallen. Ein entsprechend spezialisierter Anwalt kann dabei ebenso helfen wir Ihr alter Arbeitgeber. Der muss ja wissen, was er als Verstoß gegen das Wettbewerbsverbot betrachtet und wo er trotz gleicher Branche wegen völlig anderer Produkt- und Kundenstrukturen keine Gefahr sieht.

Und dann bewerben Sie sich. Wenn Sie beispielsweise heute Entwicklungsleiter im Metier A sind, dann am besten als Entwicklungsleiter im ähnlichen Metier B. In der schriftlichen Bewerbung reden Sie gar nicht vom Wettbewerbsverbot, sondern von Ihren zur Aufgabe passenden Kenntnissen und Fähigkeiten. Die Leute dort glauben sofort, dass Sie lieber in deren Branche tätig wären – die sind ja auch dort engagiert. Und: Wo wir sind, ist automatisch der Mittelpunkt des Universums.

Fragt dann im Vorstellungsgespräch jemand gezielt nach den Gründen für den jetzt anstehenden Schritt, dann

– müssen Sie ja erst einmal erläutern, warum Sie den heutigen Arbeitgeber verlassen wollen/müssen (das Thema bindet 70 % des Interesses der Gesprächspartner an der Frage Ihres Wechsels überhaupt);

– sprechen Sie gefragt oder ungefragt darüber, warum Sie sich gerade für diese Position interessieren (tolle Firma, tolle Aufgabe, Sie wissen schon; das bindet weitere 20 % des Interesses Ihrer Partner an Ihrer Wechselmotivation);

– fehlen 10 %, die oft untergehen/vergessen werden. Fragt doch jemand nach dem Grund für Ihr Streben in diese etwas anders ausgerichtete Branche, erwähnen Sie Ihr seit einiger Zeit bestehendes Bestreben, das bisherige Metier bewusst zu verlassen, um nicht einseitig zu werden, um neue Eindrücke zu gewinnen, um sich eine größere fachliche Basis zu erarbeiten, sich in einem neuen Umfeld zu bewähren. Und dann erwähnen Sie eher beiläufig, dass ein Wettbewerbsverbot Sie dabei unterstütze, denn es zwinge Sie ja ohnehin zu solchen Überlegungen. Beklagen Sie sich nicht darüber – Sie begreifen es als Chance (die Spielregeln sind so; außerdem hatten Sie ja die Vereinbarung unterschrieben).

Es wird schon laufen, wenn Sie so vorgehen.

Kurzantwort:

Ein Wettbewerbsverbot steht für Extreme: Erst einmal bindet es Sie ziemlich fest an Ihren Arbeitgeber. Wenn Sie aber gehen, müssen Sie sich ziemlich weit von ihm entfernen.

Frage-Nr.: 2143
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-07-27

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