Heiko Mell

Wie werde ich den Spatz los, wenn die Taube winkt?

Ich habe den Studiengang … an einer Berufsakademie erfolgreich abgeschlossen. Nun hat mir das überschaubare mittelständische Traditionsunternehmen, in dem ich den praktischen Teil dieser speziellen Ausbildung absolviert habe, eine Stelle als … angeboten.

Mein ausdrückliches Ziel war es gewesen, dieses Unternehmen wegen seiner festgefahrenen Strukturen nach Ausbildungsende zu verlassen. Deshalb hatte ich mich auch zunächst initiativ, später auf konkrete Stellen bei anderen Unternehmen beworben.

Nun kamen aufgrund der Sommerflaute (alles ist in Urlaub, alle Vorgänge ruhen) auf diese Bewerbungen bei den fremden Unternehmen kaum Reaktionen. Ich unterschrieb also den Arbeitsvertrag bei meinem Ausbildungsunternehmen, um einen Job zu haben, also aus Sicherheitsaspekten. Das Angebot ist angesichts der internen Gehaltsstruktur wirklich exzellent dotiert, vermutlich bekam ich das höchste Einstiegsgehalt, das einem Absolventen je gezahlt wurde.

Nun, seit ich diesen Vertrag unterzeichnet habe, flattern die erwarteten Einladungen aus den anderen Unternehmen ins Haus. Traumstellen bei der XY AG, bei der namhaften ABC GmbH und, und, und. Bei einigen gibt es inzwischen schon die Einladung zum zweiten Vorstellungsgespräch.

Mit welchen Konsequenzen muss ich rechnen, falls ich einen zweiten Vertrag unterschreibe und die erste Stelle nicht antrete?

Nehmen wir an, ich bliebe beim Mittelständler. Habe ich realistische Chancen, nach zwei Jahren zu großen wie den oben genannten Unternehmen zu wechseln?

Antwort:

Als ich „Notizen aus der Praxis“ Nr. 285 „Mein Wort ist einen Dreck wert“ schrieb, lag Ihre Einsendung noch nicht vor. Als Sie schrieben, war die Geschichte mit dem Dreck noch nicht gedruckt. Lesen Sie sie jetzt, sie betrifft den Kern dieses Themas.

Anders gesagt (darum schrieb ich Nr. 285): Dieses Problem droht zur Volksseuche zu werden. Sie haben diese „Lösung“ nicht erfunden, Sie werden nicht der Letzte sein, der auf entsprechende Gedanken kommt. Aus „Ein Mann, ein Wort“ wird allmählich „Ein Mann, lauter laue Absichtserklärungen“. Welch ein Fortschritt!

Es ist ja nicht so, dass ich (und andere) Sie nicht verstehen würde(n). Aus Ihrer – wie üblich egoistisch geprägten – Sicht ist das Problem nachvollziehbar, in Stammtischdiskussionen wird man Ihnen Verständnis signalisieren.

Aber: Man kann nicht schlicht in jeder denkbaren Situation pragmatisch-egozentrisch mauscheln und nur den persönlichen Vorteil maximieren, man muss auch übergeordnete Prinzipien akzeptieren und sich ihnen unterordnen. Sonst nämlich herrschen schnell überall Chaos und Anarchie – von denen dann auch Sie betroffen sind!

Ein – zugegebenermaßen extremes – Beispiel: Sie könnten der Rivale von Max um die Gunst von Sylvia sein. Verständlich, dass Sie Max zum Teufel wünschen. Aber Sie dürfen ihn dort nicht hinbefördern, obwohl das für Sie vermutlich vorteilhaft wäre. Das deutlich „ranghöhere“ Prinzip lautet: Du darfst keinen Menschen töten. Und dem ordnen wir uns unter; manchmal zähneknirschend, aber immerhin.

Und unser gesamtes Wirtschaftssystem, insbesondere auch die Beziehungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, beruhen darauf, dass man sich auf Verträge verlassen können muss. Auch Sie müssen darauf bauen dürfen, dass jene mittelständische Firma Sie ab dem genannten Eintrittsdatum auch wirklich beschäftigt und bezahlt. Sie müssen nicht befürchten, dass Ihnen dieses Unternehmen zwei Tage vor Dienstantritt mitteilt, man habe trotz des Vertrages mit Ihnen weiter am Markt gesucht und inzwischen einen Bewerber gefunden, den man Ihnen vorziehe. Die Grußformel eines solchen Briefes an Sie könnte dann lauten: „Und tschüss.“

Das würde Ihnen nicht gefallen? Aber es muss doch gleiches Recht für alle gelten! In Ihrem Fall kommt noch hinzu, dass dieses mittelständische Unternehmen ja wohl tragender und zahlender Partner Ihrer ganzen Berufsakademie-Ausbildung gewesen ist. Hat es zum „Dank“ dafür jetzt schnöden Vertragsbruch durch Sie verdient?

Machen Sie sich bloß keine Gedanken um „festgefahrene Strukturen“ bei Ihrem potenziellen Arbeitgeber. Mangels Erfahrung können Sie das in Relation zu anderen Firmen noch gar nicht beurteilen – Sie würden sich wundern, wie „festgefahren“ Ihnen so mancher hochrenommierte Konzern vorkäme, wären Sie dort beschäftigt.

Ihr erster Fehler war es, ausgerechnet die meist von regionalen und häufig mittelständischen Firmen getragene BA-Ausbildung zu akzeptieren, wenn vor allem Großfirmen Sie faszinieren. Wo waren die denn, als Sie einen Studien-Finanzierer brauchten?

Ihr zweiter Fehler: Unmittelbar nach einem Vertragsabschluss zieht man alle noch laufenden anderen Bewerbungen zurück. Dann gibt es auch keine Komplikationen dieser Art.

Die schlimmste Konsequenz, mit der Sie bei Vertragsbruch (wenn Sie die Stelle nicht antreten) rechnen müssen, ist ein auf Sie wütendes Unternehmen. Da dieses auch noch Teil Ihrer Ausbildungshistorie ist, steht es in Ihrem Lebenslauf. Spätere potenzielle Arbeitgeber könnten dort anrufen, um eine Referenz über Sie einzuholen. Möchten Sie spekulieren, wie die dann lauten würde? Auch Schadenersatzansprüche wären denkbar.

Sie dürften auch noch erst Ihren Dienst bei jenem Mittelständler antreten und dann am Ende des ersten Monats (Probezeit) wieder kündigen. Das wäre juristisch korrekt – aber richtig freuen würde sich auch niemand darüber.

Mein Rat: Sie haben unterschrieben. Nun gehen Sie auch hin und arbeiten Sie zwei Jahre lang engagiert und erfolgreich. Auf Sachbearbeiter-Ebene könnten Sie dann durchaus auch noch zu einem größeren Unternehmen wechseln – falls Sie das später überhaupt noch wollen!

Es war Ihre Entscheidung. Leben Sie damit. Sie werden es noch öfter tun müssen. Wenn Sie das akzeptieren, sind Sie endgültig erwachsen.

Kurzantwort:

Wer sich für eine spezielle, von einzelnen Unternehmen getragene (finanzierte) Studienform entscheidet (Berufsakademie), sollte so vernünftig wie fair sein, bei Firmen jenes Typs später auch arbeiten zu wollen.

Frage-Nr.: 2055
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-09-16

Top Stellenangebote

Staatliches Hochbauamt Schwäbisch Hall-Firmenlogo
Staatliches Hochbauamt Schwäbisch Hall Stellvertretende Leitung (m/w/d) für die Abteilung "Technische Gebäudeausrüstung" der Fachrichtung Versorgungs- oder Elektrotechnik Schwäbisch Hall
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart-Firmenlogo
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart Laboringenieur*in (m/w/d) im Studiengang Elektrotechnik Stuttgart
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2-Professur "Effiziente Kunststofffertigung" Aalen
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar)-Firmenlogo
Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw saar) Professur (W2) für Werkstoffkunde Saarbrücken
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten Professur (W2) Geriatrische Robotik Kempten
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten-Firmenlogo
Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten Professur (W2) Mechatronische Entwicklung von Robotersystemen Kempten
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm-Firmenlogo
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Professur (W2) Konstruktion und Fertigungsmesstechnik Nürnberg
BASF Coatings GmbH-Firmenlogo
BASF Coatings GmbH Projektingenieur_in Elektrotechnik / Automatisierungstechnik (m/w/d) Münster
DACHSER Group SE & Co. KG-Firmenlogo
DACHSER Group SE & Co. KG Versorgungstechniker (m/w/d) TGA Kempten
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.