Heiko Mell

Wie bewertet die Wirtschaft einen Weg aus zwei Teilen?

Frage:

Ich schreibe, glaube ich, zum dritten Mal in den letzten Jahren an diese Adresse, nun für meine Tochter. Ich selbst bin Ingenieur, lese Ihre Beiträge seit dem 1. September 1985; alles prima, sehr hohe Zustimmung zu Ihren Ausführungen.

Meine Tochter ist recht umtriebig. Engagement im Privaten, aber auch im Studium. Sie hat gerade ihren Bachelor in Physik (Uni in …) abgeschlossen. Ferner treibt sie sich seit der Schulzeit im Umfeld Luft- und Raumfahrttechnik herum, mit Stipendien und Tätigkeiten bei einschlägigen Institutionen.

Wir diskutieren gerade gemeinsam, in welche Richtung ein Masterstudium gehen könnte. Das heißt, ob sie die Technik weiter vertiefen und auf den Master in Physik hinarbeiten oder einen Master im Bereich Technisches Management o. ä. mit Teil-Fokus auf die Betriebswirtschaft angehen sollte, um breit aufgestellt zu sein.

Wie sehen Sie das? Wie bewertet die Wirtschaft diesen Weg aus „zwei Teilen“? Alternativ überlegt sie, ein Jahr dranzuhängen und beides parallel zu machen oder ist das übertrieben?

Antwort:

Selbst gestandene Berater wie ich, die nur selten zugeben würden, jemals überfordert zu sein, fürchten eine Frage, die auf eine Studienwahl hinausläuft und die der betroffene Mensch noch nicht einmal selbst stellt. Beginnen wir mit diesem letztgenannten Aspekt: Wenn der Fragesteller persönlich schreibt, gibt er dabei doch allein durch seine Wortwahl einiges von seinen Eigenschaften und Fähigkeiten preis. Die man dringend näher kennen müsste, um überhaupt nur eine vage Chance zu einer halbwegs richtigen Antwort zu haben.

Auch neigen die betroffenen Personen erfahrungsgemäß dazu, wenigstens ein Mindestmaß an Fakten mitzuliefern. Als da wären: Abiturnoten und -fächer, Examensnoten beim Bachelor, mittel- bis langfristige Ziele (irgendetwas zwischen technischem Konzernvorstand und Hochschulprofessor). Sie wissen ja: Es gibt keinen absolut gesehen richtigen oder falschen Weg, es gibt nur einen Weg, der zu einem Ziel passt oder eben nicht. Ganz ohne Ziel wird so etwas eine Art Sonntags-Nachmittags-Spaziergang ins Blaue.

Und gerade ich hole sehr viel an Informationen (und Vermutungen bzw. Einschätzungen) aus einem Text heraus, den mir jemand schreibt (mit der mir immer bewussten Gefahr, schon einmal mehr herauszuholen als drinsteckt; aber damit muss ich leben). Nur vom Vater auf die Tochter schließen, das kann ich nicht. So bleibt mir hier nur die Hoffnung, Ihre Tochter möge sich tatsächlich gern öffentlich (wenn auch anonym bleibend) als „recht umtriebig“ bezeichnen lassen – aber das ist Ihr Problem.

Als Versuch einer konkreten Antwort:

    1. In der großen Masse unserer klassischen Industriebetriebe wurden „reine Physiker“ bis in die jüngste Vergangenheit hinein relativ selten und nur in geringer Zahl gesucht. Sehr viele der in die Industrie strebenden Naturwissenschaftler dieser Fachrichtung landeten schließlich auf eigentlich für Ingenieure ausgeschriebenen Positionen. Die entsprechende Nachfrage der Unternehmen hat sich offenbar deutlich erhöht, Details erkennt man problemlos beim Studium der Internet-Stellenangebote.
    2. Um sich in der „reinen Physik“ (in der wirklich nur der Physiker gesucht wird) durchsetzen zu können, ist überdurchschnittliche Brillanz in den Leistungen empfehlenswert, Promotion eingeschlossen.
    3. Auf dem Karriereweg nach oben gilt etwa so ab halber Wegstrecke auf der hierarchischen Leiter „Breite statt Tiefe“. Für die akribische Detailarbeit hat ein Manager seine hochspezialisierten Mitarbeiter, er jedoch muss in anderen Dimensionen denken, über den Tellerrand hinausblicken. Das hört sich gut an? Dann lesen Sie weiter: Um dort aber überhaupt hinzukommen, um von Top-Arbeitgebern als Einsteiger eingestellt zu werden und dann dort aufzusteigen, geht „Tiefe im Detail vor Breite“. Das macht Karriere so anspruchsvoll. Das zeigt u. a. auch, wie sinnvoll z. B. eine spätere nebenberufliche Weiterbildung ist. Oder wie ratsam es bei hohen Karrierezielen durchaus sein kann, „beides parallel zu machen“, was aber äußerst fordernd sein kann.
    4. Luft- und Raumfahrt ist ein faszinierendes Gebiet und hat schon viele Studenten oder junge Ingenieure angezogen. Aber die Arbeitsplätze dort sind begrenzt, hängen auch von den Unwägbarkeiten politischer Entscheidungsprozesse und Förderprogramme ab. Dieser Fachbereich (siehe USA) birgt seine speziellen Risiken und kann nicht pauschal als „die Lösung“ Ihres Problems gelten.
    5. Gerade für die Einstiegsphase ins Berufsleben hat es sich bewährt, eine der üblichen und „gern genommenen“ Standard-Fächer-Lösungen mit besonders gutem Ergebnis (inkl. anspruchsvoller Uni) zu wählen. „Exotische“ Fächerkombinationen können am Bedarf völlig vorbeigehen. Denn „Wat de Buer nich kennt, dat fret he nich“ – oder zumindest so ähnlich heißt es im Volksmund. Und der beste, schönste, überzeugendste Maßstab, den ein Entscheider in Personalangelegenheiten hat, ist der Weg, den er selbst gegangen ist. Einen besseren kennt er nicht.

 

Frage-Nr.: 2.983
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47-48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-11-23

Von Heiko Mell

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