Heiko Mell

Mit 24 erst anfangen?

Frage:

Ich habe ein Technisches Gymnasium bis inkl. 11. Klasse absolviert, habe dann drei Jahre lang eine Ausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen; war ein Jahr in der Instandhaltung tätig und arbeite seit ca. zwei Jahren in einem Projekt zur Digitalisierung als Programmierer für Datenbanken. Ich bin 24 Jahre alt.

Ich überlege nun, ein Studium der Elektro- und Informationstechnik an einer FH aufzunehmen, welches ich kurz vor dem Alter von 28 Jahren mit dem Bachelor abschließen würde.

Danach interessiere ich mich stark für einen Master im Bereich „Neuronale Netze“ an der TU. Diesen würde ich dann mit knapp 30 (geplant) abschließen. Mein Arbeitgeber bietet Werkstudenten-Tätigkeiten und unterstützt die Erstellung von Bachelor- und Masterarbeiten in diversen Fachbereichen.

Ich bin mir nur leider sehr unsicher, ob ich nicht zu „alt“ sein werde, um nach dem Studium nicht nur eine adäquate Stelle zu finden, sondern auch zumindest ein bisschen Karriere zu machen. Ich lese seit einiger Zeit in Onlineforen vermehrt von „Jugendwahn“ und etwa „Ab 30 ist man raus“.

Könnten Sie hierzu bzw. zur allgemeinen Sinnhaftigkeit des Unterfangens bitte aus Ihrer Sicht Stellung nehmen.

Antwort:

Sie haben kein Abitur, können als einzige Ausbildung eine gewerbliche Lehre vorweisen (leider kennen wir keine Ihrer Abschlussnoten), sind inzwischen 24 Jahre alt, haben seit dem sechs Jahre zurückliegenden Schulabschluss nicht mehr schul- oder studienorientiert gearbeitet und träumen von einem Masterabschluss in einem besonders anspruchsvollen Bereich an einer Top-TU unseres Landes:

Das ist ein ziemlicher „Brocken“, den Sie sich da vorgenommen haben! Damit kein Missverständnis entsteht: Das ist grundsätzlich machbar, aber es verlangt sehr viel von Ihnen. Sie müssen dazu die notwendigen Fähigkeiten mitbringen – vor allem aber müssen Sie etwas mit ganzer Kraft und vollem Einsatz wollen. Und Sie müssen bereit sein, den dafür geforderten Preis zu zahlen.

Fangen wir vorne an: Sollten Sie das Projekt angehen? Schauen wir auf die neue Dimension, die Sie sich erschließen würden. Es geht schlicht um den Sprung vom Facharbeiter zum Akademiker. Schon das Studium erschließt Ihnen eine neue Art zu denken, vermittelt Ihnen die Fähigkeit, wissenschaftlich zu arbeiten. Der erfolgreiche Abschluss führt zu einer anspruchsvollen Berufsbezeichnung, die – auch das kann ein Argument sein – Ihnen ein erhöhtes gesellschaftliches Ansehen verleiht, Ihnen im Beruf herausfordernde Aufgaben erschließt und Ihnen – nicht etwa „automatisch“, aber bei entsprechendem Talent – „ein bisschen“ Karriere ermöglicht.

Sie könnten heute bei einem namhaften Großkonzern tätig sein, wie aus einer Randinformation hervorgeht. Dort, das kann man vorhersagen, kommen Sie ohne Studium nicht sehr weit auf dem Weg nach oben.

Wichtig für meine Einschätzung ist, dass Sie sich bereits mit den Details des Projektes beschäftigt haben. Ich wage die Prognose: Das lässt Sie nie wieder los – wenn Sie es nicht wenigstens versuchen. Der Mensch kann Niederlagen und gescheiterte Versuche hinnehmen und verarbeiten. Aber er „kaut“ ungemein an der Verarbeitung nicht genutzter Chancen. Wenn Sie, soweit wie Sie jetzt schon gekommen sind, wieder zurückzucken, verzeihen Sie sich das nie.

Die Risiken sind groß: Wer nach der Schule allzu lange in der Praxis war, tut sich mit dem späteren Studium oft recht schwer. Studieren heißt z. B. auch, sich vorbehaltlos auf Themen und Fragestellungen einzulassen, deren Sinn sich Ihnen vorläufig überhaupt nicht erschließt und sich mit Problemen zu beschäftigen, „die in der Praxis absolut keine Rolle spielen“ (wie man leicht denken kann). Da müssen Sie durch, Fragen nach dem Sinn des Ganzen dürfen Sie sich auf dem Weg zum Abschluss nicht stellen – sehen Sie allein das Ziel und konzentrieren Sie sich darauf.

Wer Glück hat, erschließt sich schon allein mit dem Studieren eine neue „Welt“, hat Freude daran und wird glücklich dabei. Garantieren kann man das allerdings nicht. Fest steht: Aufgeben ist nicht; wenn Sie anfangen, müssen Sie auch durchhalten.

Natürlich können Sie scheitern, bei Klausuren versagen, im Examen durchfallen. Jedes Projekt kann im Chaos enden, das gehört zum Leben dazu. Sie können auch beim Abschluss in eine Wirtschaftskrise geraten, in der die Unternehmen Einstellstopp praktizieren und Sie damit erst einmal „auf hohem Niveau arbeitslos“ machen. Sie können auch Ihre Motivation zum Studium zwischendurch verlieren und alles hinwerfen. Sagen wir es so: Das alles darf nicht geschehen, Sie müssen den Erfolg konsequent wollen und daran glauben.

Nichts, nicht einmal Ihr „bisschen Karriere“ anschließend kann ich versprechen. Nicht „der Master“ macht Karriere, sondern nur ein Master, der Karriere machen will, der das kann und der bereit ist, die Regeln auf dem Weg dorthin zu befolgen. Das heißt konkret: Viele Master erreichen trotz dieses Studienabschlusses danach gar keine nennenswerte Laufbahn.

Aber das darf Sie nicht abschrecken, Ihr Wille zum Erfolg muss das überstrahlen. Übrigens: Es wäre nie ein Berg bestiegen, nie ein Land entdeckt worden, wenn die Bergsteiger und Entdecker Angst vor dem Risiko gehabt hätten.

Zur praktischen Seite Ihres Vorhabens: Beschäftigen Sie sich unbedingt auch mit der Möglichkeit eines nebenberuflichen Studiums. Es hat individuelle Vor- und Nachteile, die Gesamtbelastung ist höher, aber die finanzielle Basis sieht meist besser aus.

In jedem Fall sollten Sie nicht zu anspruchsvoll und in zu großen Schritten vorausplanen. Gehen Sie erst einmal den Bachelor an, zeigen Sie mit einem möglichst guten Examen, was in Ihnen steckt – und dann planen Sie weiter.

Zum Einstiegsalter: Es mag sein, dass Ihres Ihnen dann bestimmte Positionen/Laufbahnen erschwert oder unmöglich macht (z. B. den Einstieg in ein Konzern-Traineeprogramm). Aber einen totalen Ausschluss jeder Chance gibt es allein aus diesem Grunde nicht. Notfalls riskieren Sie einen etwas „unter Wert“ angesiedelten Berufseinstieg – zeigen dann in der Praxis Ihre wahren Fähigkeiten und steigen dort intern auf. Sie haben anschließend noch etwa 40 Jahre bis zur Rente, in diesen Jahrzehnten ist alles möglich!

Bedenken Sie auch, dass Ihre heutige Situation durch einen Verstoß Ihrerseits gegen die geltenden „Spielregeln“ entstanden ist: Wenn man schon auf dem Technischen Gymnasium ist, bleibt man auch bis zum Abitur. Wenn man schon ein Abitur macht, dann ein vorzeigbares. Wenn man Master werden will, ist ein Direkteinstieg ins Studium ohne Lehre kein Fehler. Das muss man nicht so praktizieren, aber es ist die empfehlenswerte Standardlösung.

Natürlich gibt es im Einzelfall höchst gewichtige Gründe, die eine so klare Abfolge der einzelnen Ausbildungsschritte unmöglich machen. Aber dafür gibt „das Leben“ in der Regel keinen „Rabatt“, nur das jeweilige Ergebnis zählt.

Abschließend meine erbetene Aussage zur „allgemeinen Sinnhaftigkeit des Unterfangens“: Ich glaube, Sie sind so weit in diesem Projekt gediehen, Sie sollten es entschlossen angehen! Und, siehe meine Hinweise weiter oben, fragen Sie sich dann während des Studiums bitte nicht mehr, ob das richtig war, ob es Ihnen auf dem Weg dorthin auch an jedem einzelnen Tag gefällt, sehen Sie nur noch das Ziel und kämpfen Sie entschlossen darum.

Übrigens liegt die spätere Tätigkeit eines Masters in der beruflichen Praxis nur selten dort, wo auch seine Studiendetails ihren Schwerpunkt hatten. Der Master ist nur eine exklusive Eintrittskarte in eine für Sie ganz neue Welt. Aber das ist ein anderes Thema.

Frage-Nr.: 3.071
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18/19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-04-30

Von Heiko Mell

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