Heiko Mell

Leserreaktion: FH/Uni, Bachelor/Master, Promotion – definiert durch einen Insider

Heiko Mell

Frage:

(In Frage 3.061 ging es um Studienfragen, die zu Bewertungen der verschiedenen Möglichkeiten führten. Ein Hochschullehrer nimmt Stellung und klärt auf; H. Mell): Ich bin seit über 25 Jahren MB-Prof. an FHn, habe einiges erlebt und „mitgemacht“ und bilde mir ein, ausreichend Erfahrungen zum Thema gesammelt zu haben. Also:

1. Ein Bachelorstudiengang benötigt sechs oder sieben Semester, ein FH-Diplom-Studiengang sieben bis neun Semester, ein Uni-Diplom-Studiengang acht bis zehn Semester und ein Masterstudiengang vier oder drei (je nach vorangegangenem Bachelorstudiengang; Bachelor- und Masterstudiengang benötigen in Summe nämlich immer zehnSemester).

2. Bachelor- und Masterstudiengänge (an FHn oder Unis) sind prinzipiell gleichwertig, der Hochschultyp spielt dabei keine Rolle (zumindest sehen Wissenschaftsministerien, FHn und Industrie das so. Einige wenige Uni-Kollegen wollen diese Gleichwertigkeit aber immer noch nicht akzeptieren).

3. Also kann ich feststellen: Der Bachelor (FH oder Uni) hat den geringsten „Wert“, das FH-Diplom einen etwas höheren; Uni-Diplom und Master (FH oder Uni) haben den größten „Wert“ (oder den größten Umfang oder das größte Ansehen oder bringen das höchste Gehalt …).

4. Ein erfolgreich abgeschlossenes Uni-Dipl.-Studium oder ein Master-Studium (sowohl an der Uni als auch an der FH) berechtigen zur Promotion; aber ein FH-Dipl.-Studium tut das nicht! Deshalb haben fast alle FHn die Masterstudiengänge schnell eingeführt, aber viele Universitäten haben sich lange gegen die Einführung der Masterstudiengänge gewehrt. Warum einige wenige FHn am Dipl.-Ing. FH festhalten, verstehe ich nicht. An so einer FH würde ich jedenfalls nicht studieren … Und ganz bestimmt nicht promovieren wollen!

5. Wer promovieren will, braucht einen Master mit möglichst guten Noten und einen betreuenden Professor (oder eine Professorin). Professoren und Professorinnen an FHn können aber eine Promotion nur in Zusammenarbeit („Kooperation“) mit einem Uni-Kollegen (oder einer Uni-Kollegin) betreuen, das ist der Knackpunkt.

Wer promovieren will, kann das also mit einem Master sowohl an der FH als auch an der Uni tun, aber: Eine Promotion ist an der Uni deutlich einfacher! (Allerdings gibt es inzwischen auch FH-Professoren, für die dank guter Beziehungen zu einer Uni eine kooperative Promotion Routine geworden ist.)

6. Promotion mit FH-Diplom ist jedenfalls eine schlechte Idee.

Antwort:

Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar für diese ungemein hilfreiche Darstellung aus der Sicht eines Fachmanns, der täglich mit diesen Bausteinen umgeht.

Ich will Ihre wichtigsten Aussagen noch etwas kommentieren, daher habe ich die einzelnen Absätze nummeriert, dann ist der Bezug einfacher. Gleichzeitig hoffe ich, dass kein Kollege von Ihnen aufsteht, und erklärt, er sähe das doch ziemlich anders. Dann werden wir dieses Thema nie wieder los.

Zu 1.: Was ich auch noch nicht kannte, ist die zentrale Gesamtstudiendauer von zehn Semestern für Bachelor und Master zusammen – bei unterschiedlicher Dauer der Teilstudien.

Zu 2.: Das mit der Gleichwertigkeit ist schwer zu begreifen, klingt nicht ganz logisch und widerspricht eingefahrenen Denkprozessen insbesondere bei älteren (hochrangigen) betrieblichen Entscheidungsträgern.

Was dafür spricht: Ich gehe einmal davon aus, dass die Väter und Mütter dieser Konstruktion das so gewollt und irgendwo festgeschrieben haben. Vermutlich kommt das dann auch in den vorgeschriebenen Lehrplänen, Prüfungsvorschriften etc. zum Ausdruck.

Aber: Universitäten und Fachhochschulen sind nicht gleich, da gibt es Unterschiede. Welche auch immer, es gibt sie ganz sicher – sonst könnte man ja gleich die „Deutsche Einheitshochschule“ schaffen, das hat man aber nicht getan. Und spätestens bei der Promotion werden ja auch die Unterschiede nach außen deutlich. Und, so vermute ich, auch bei der Anforderung an die Qualifikation der Hochschullehrer und vermutlich sogar bei ihrer Bezahlung.

Wenn also diese zwei durchaus nicht gleichen Institutionen jeweils zehn Semester lang Studenten ausbilden, wie wahrscheinlich oder logisch ist es dann, dass die Resultate deckungsgleich sind? Es geht mir nicht um „besser“ oder „schlechter“, sondern um letztlich doch zu vermutende Unterschiede irgendwelcher Art.

Nun hat unser Einsender auch nur von „gleichwertig“ gesprochen, nicht von „gleich“. Gleichwertigkeit kann man anordnen, indem man beiden Abschlussformen (FH oder Uni) identische Rechte zuordnet. Aber An Gleichheit kann ich bei den bestehenden Unterschieden der beiden Hochschultypen nicht so recht glauben.

Zur Sicht so mancher Entscheidungsträger in der Industrie: In der ihr Wissen um diese Dinge prägenden Zeit, die durch ihr eigenes Studium und vielleicht auch noch durch das ihrer Kinder charakterisiert war, galt: Die Uni lieferte den Dipl.-Ing., die FH den Dipl.-Ing. (FH) – und zwischen beiden bestand ein ziemlicher Unterschied. Auch dort nicht in Richtung „besser“, aber doch in Sachen „anders“. Wer will den entsprechenden Entscheidungsträgern verdenken, wenn sie sich ein wenig von der alten Denkschablone im Unterbewusstsein erhalten haben? Ich weise also darauf hin, dass manche Entscheider in der Industrie diese Gleichwertigkeit immer noch nicht sehen könnten.

Zu 3.: Das haben Praktiker immer schon gesagt: Der Bachelor liegt in der Wertigkeit seiner Ausbildung etwas „unter“ dem alten Dipl.-Ing. (FH).

Es kommt noch etwas hinzu: Der FH-Bachelor ist eine abgeschlossene, sinnvolle Ausbildung und qualifiziert für eine bestimmte Art von Position resp. Tätigkeit. Wer bei Studienbeginn weiß, dass er damit sein Ziel erreicht hat, ist durchaus gut damit beraten; wer sich dann doch noch zum Master entschließt, hat haupt- und nebenberuflich viele Möglichkeiten dazu.

Der Uni-Bachelor ist in der Praxis deutlich (!) weniger beliebt. Wer einmal auf der Uni begonnen hat, steht etwas unter dem Erwartungsdruck, er möge nun auch bis zum Gesamtabschluss weitermachen, der dem früheren Dipl.-Ing. (univ.) gleichkommt. So gilt manchem Entscheidungsträger der Uni-Bachelor als eine Art „Abbruch“ eines einmal begonnenen anspruchsvollen Weges.

Wer es bei Studienbeginn also für möglich hält, dass er eines Tages mit dem Bachelor gut bedient ist und aufhören könnte, macht mit dem Studium an der FH gewiss nichts falsch.

Zu 4.: Die „Berechtigung“ zur Promotion für Master (mit guten Noten) beider Hochschultypen sehe ich als ein wichtiges Kriterium.

Aber: Mit dem FH-Diplom ging das auch schon, vielleicht geht das noch heute. Man wäre dann aber wohl nicht „berechtigt“, man müsste sich vermutlich entsprechend entgegenkommende Professoren suchen (mindestens einen an der Uni). Es gab aber auch spezielle Uni-Fortbildungskurse für FH-Dipl.-Ing. mit Promotionsabsicht. Denn: Der Dipl.-Ing. (FH) (siehe 3.) liegt in dem, was unser Einsender „Wert“ nennt, unter dem Master.

Dem Schluss von Punkt 4 und dem Punkt 6 unseres Einsenders kann man also nur zustimmen: Wer weiß (oder auch nur ahnt), dass er später dann auch noch promovieren will, strebe vorzugsweise den Uni-Dipl.-Ing. oder den Master an FH oder Uni an (besonders an der Uni).

Zu 5.: Wer an der Uni studiert, braucht für seine Promotion einen (!) Professor, wer die FH absolviert, braucht deren zwei – die es beide zufriedenzustellen gilt. Ich schließe mich dem Einsender an: Das Promovieren ist für einen Uni-‧Absolventen einfacher.

Fazit: Bei mittleren bis hohen Karrierezielen in der Wirtschaft ist ein Studium „auf Master“ an der FH oder an der Uni gleichermaßen empfehlenswert. In beiden Fällen ist später eine Promotion möglich. Wer in jedem Fall auf eine Spitzenlaufbahn in Großunternehmen, auf eine spätere Forschungstätigkeit mit hohem Anspruch abzielt oder wer ganz klar das Ziel „Promotion“ und/oder „Hochschullehrer“ verfolgt, macht mit der Entscheidung für die Uni nichts falsch.

Wem der Bachelor als Ziel von Anfang an reicht, der sollte die Uni eher meiden. Ein – in seltenen Fällen noch mögliches – Studium mit dem Ziel Dipl.-Ing. (FH) sollte man gut begründen können. Der Abschluss ist etwas „wertiger“ als der Bachelor, aber es ist ungewiss, ob der Markt das in zehn Jahren noch honoriert.

Service für Querleser:

1. Jedes Arbeitgeberzeugnis ist wichtig, eines Tages kann Ihre berufliche Existenz davon abhängen.

2. Die besten Zeugnisse bekommt man nicht durch die härtesten Diskussionen über Formulierungen am Schluss, sondern auf dem Weg über sehr gute Beurteilungen in den Jahren davor.

Frage-Nr.: 3.070
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 16/17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2020-04-17

Von Heiko Mell

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