Heiko Mell

Erst der Master oder direkt in die Industrie?

Frage 1:

Ich bin Anfang 20, arbeite seit wenigen Jahren in einer mittelgroßen Unternehmensberatung als Junior Berater. Zuvor hatte ich ein Bachelor-Studium des Wirtschaftsingenieurwesens mit 2,1 abgeschlossen. Mir wird jetzt von meinem Arbeitgeber angeboten, einen berufsbegleitenden Master zu machen (Dauer knapp 2 Jahre). Dafür gibt es intern verschiedene Modelle bzgl. Kostenübernahme und Bindungspflicht ans Unternehmen.

Privat befinde ich mich seit längerem in einer glücklichen Beziehung und bin daher örtlich im Raum A gebunden.

Antwort 1:

Lassen Sie mich hier schnell einmal einhaken, dann haben wir dieses Detail abgearbeitet: Ihr letzter Satz ist nicht logisch. Der Beweis: „… daher örtlich im Raum A gebunden“ – keineswegs sind alle Menschen in einer glücklichen Beziehung „daher“ örtlich gebunden. Es hat auch schon Partnerinnen gegeben, die sind ihren geliebten Partnern bis nach Neuseeland gefolgt, andere immerhin bis in den Raum B. Ihre will oder kann nicht umziehen, da kann man nichts machen, aber „daher“ passt nicht.

Sie brauchen mir nicht zu erklären, wie das gemeint war, das verstehe ich schon. Mir geht es um die Logik der Argumentation – die ja beispielsweise auch in Bewerbungen eine große Rolle spielt.

Frage 2:

Ein kleiner Makel des Beraterjobs ist natürlich die ständige Reisetätigkeit von montags bis freitags.

Mein Ziel ist es, mittelfristig (zehn Jahre) eine gehobene Führungsposition in der Industrie zu erreichen und langfristig in eine Geschäftsführungsverantwortung zu kommen. Da war der Start mit der Unternehmensberatung aus meiner Sicht sehr sinnvoll.

Antwort 2:

Der berufliche Start nach dem Studium bei einer Beratung ist durchaus eine Möglichkeit, aber weder die einzige noch die rundum ideale. Die Einschränkung mit dem „Leben aus dem Koffer“, weil Ihr wöchentlicher Einsatzort kaum jemals mit dem Wohnort identisch ist, haben Sie schon erwähnt.

Ein wesentlicher Vorteil ist: Man lernt sehr viel. Es geht gar nicht so sehr ums engere Fachgebiet, das lernt man in „stationären“ (Industrie-) Unternehmen auch. Aber man lernt, konzeptionell zu denken, überzeugend zu argumentieren (z. T. auf höchstem hierarchischen Niveau) und die arbeitgebende Beratung, nicht zuletzt aber sich selbst, eindrucksvoll zu präsentieren. Manche der großen Beratungen verleihen ihren Mitarbeitern ein Selbstbewusstsein kurz vor der Schmerzgrenze.

Tatsächlich gibt es Lebensläufe, in denen ein sehenswerter Karrierestart von der Beratung in die Industrie gelang (in anderen Fällen klappt das wiederum weniger gut).

Ein Aspekt ist noch wichtig: Wer eigentlich eine Industriekarriere anstrebt, muss dann den beruflichen „Systemwechsel“ in einem recht engen Zeitfenster vollziehen: fünf Beraterjahre nach dem Studium sind schon recht viele (aus dieser Sicht), weniger als zwei wären verdächtig wenige. Wenn nun in diesem begrenzten Zeitfenster der Sprung nicht gelingt (z. B. weil gerade dann eine Konjunkturkrise herrscht und die Traumunternehmen Einstellstopp haben), kann es auch eng werden.

Aber: So viele verschiedene Industrieunternehmen in so kurzer Zeit lernt man anderweitig kaum kennen. Ein „Aber“ im Gegenzug: Was immer man als Berater an Erfahrungen erwirbt, „richtige“ Industrieerfahrungen sind das in letzter Konsequenz nicht.

Einigen wir uns darauf: Nach dem Studium ist der berufliche Einstieg bei einer Beratung für den, der dort hinpasst, einer der mit Aussicht auf Erfolg gangbaren Wege, aber eine Erfolgsgarantie gibt es auch hier nicht. Auf der anderen Seite spricht nichts, absolut gar nichts, gegen einen Start bei einem Unternehmen des Typs (!), bei dem man eines Tages sein Karriereziel erreichen will. Der „Typ“ umfasst dabei Art, Größe, Branche, ggf. Produktprogramm und sogar Struktur des Arbeitgebers.

Frage 3:

Meine Sorge ist, wenn ich nicht rechtzeitig aus der Beratung aussteige (mit nebenberuflichem Masterstudium und anschließender Bindung an das Unternehmen hätte ich dann sieben Jahre Beratung im Lebenslauf), werde ich zunehmend unattraktiv für die Industrie.

Das Problem bei einem jetzigen Ausstieg ist mein „geringer“ Bachelorabschluss, der von einigen Unternehmen in Deutschland nur als halbwertig angesehen wird.

Antwort 3:

So hart dürfen Sie das nicht formulieren, da tun Sie den Unternehmen Unrecht und verunsichern unnötig die anderen Bachelorabsolventen.

Sie müssen die Problematik im historischen Zusammenhang sehen. Dabei sind Sie zu jung, um die Vorgeschichte noch zu kennen, in der ein hochangesehener Dipl.-Ing. (FH) eine tragende Rolle spielte. Ich will das nicht wieder aufwärmen, wir müssen – bis zur nächsten Änderung – mit dem Bachelor-/Master-System leben. Aber so viel muss erlaubt sein: Dieses System ist uns durch die Politik übergestülpt worden, z. T. mit Zielen, die nicht erreicht wurden.

Heute ist der Bachelor eine anerkannte abgeschlossene Ausbildung, die für eine Reihe von Tätigkeitsbereichen tatsächlich voll akzeptiert und gern genommen wird. Aber die Tücke liegt im Studienaufbau: Alle Studenten beginnen jeweils an ihrer Hochschule mit den gleichen Eingangsvoraussetzungen. Alle absolvieren dort den Bachelor. Dann hört ein Teil dort auf und geht in die Praxis. Der andere Teil bleibt (meist) dort, macht einfach weiter, wird Master und geht dann in die Praxis (oder er promoviert erst noch, was dem Bachelor nicht möglich ist).

Wer will nun der Industrie verübeln, dass in ihren Augen der Master, der ja immer auch Bachelor ist, schlicht „mehr“ gilt, fachlich mehr kann, für anspruchsvollere Aufgaben die bessere Ausbildung mitbringt? Das nennen Sie „halbwertig“, was ich aber so nicht gelten lassen kann. Dieser Aspekt ist ein extrem heißes Thema, das viele Emotionen weckt. Wir beide (Sie eben auch, aber Ihnen wird das niemand übel nehmen) stochern da in einem Nest voller nervöser Wespen. Die eigentliche Problematik liegt in folgender kurzer Schilderung:

Wenn Sie den früheren Dipl.-Ing. (FH) gefragt hätten: „Warum sind Sie eigentlich kein Dipl.-Ing. univ./TH/TU?“, wäre das eine sachlich völlig unsinnige, nahezu beleidigende und daher in der Praxis undenkbare Frage gewesen. Fragen Sie heute einen Bachelor mit gutem Examen: „Warum haben Sie nicht bis zum Master weiterstudiert?“, dann ist das eine völlig sachliche, irgendwie auf der Hand liegende Frage, die als erlaubt gelten muss – und auf die es natürlich auch überzeugende, in den Umständen des Einzelfalls liegende Antworten geben kann.

Frage 4:

Eine Übernahme durch einen Kunden ist trotz einiger Angebote meistens schwierig, weil sich das mit der örtlichen Bindung nur schwer vereinbaren lässt oder eben nur mit erheblichem Pendelaufwand.

Antwort 4:

Ich kommentiere den Aspekt „Ort“ jetzt einmal nicht, der heutige Beitrag enthält schon Sprengstoff genug. Daher nur so viel: Wer eine akademische Ausbildung voll ausnutzen will und wie Sie anspruchsvolle Karriereziele hat („gehobene Führungsposition in der Industrie und langfristig eine Geschäftsführungsverantwortung“), muss zum Umzug dorthin bereit sein, „wo die Musik“ spielt. Oder Abstriche bei der Zielerreichung machen. Richten Sie sich rechtzeitig darauf ein.

Frage 5:

Soll ich das angebotene Studium absolvieren und später wechseln? Oder mir ein anderes Unternehmen suchen, bei dem alles passt und dann versuchen, dort ein berufsbegleitendes Studium zu realisieren? Vielleicht sehe ich ja den Wald vor lauter Bäumen nicht! Und eine Lösung ist ganz einfach.

Antwort 5:

Der Kern der Lösung liegt auf der Hand: Ihr Arbeitgeber, Sie und ich kommen gemeinsam zu der Überzeugung: Sie müssen „den Master machen“. Alles andere kommt erst danach. Das Angebot Ihres Unternehmens klingt grundsätzlich fair, auch eine etwa zweijährige Bindung wäre das noch. Aber die daraus resultierenden sieben Jahre Beratung sind auch aus meiner Sicht gefährlich lang.

Also ein neues Unternehmen – am besten von jenem Typ, in dem Sie eines Tages Karriere machen wollen. Jetzt brauchen Sie dort einen klassischen Job für einen Bachelor mit erster Berufspraxis. Dort müssten Sie dann nebenberuflich studieren. Das ist recht hart, aber wenigstens sind Sie meistens zu Hause.

Seien Sie im Bewerbungsprozess vorsichtig mit der Ankündigung, dort nebenberuflich studieren zu wollen: Ihr neuer Chef verlöre erst x % Ihrer Leistungskapazität an das Studium, nach dem erfolgreichen Abschluss wollen Sie diesen Bachelor-Job nicht mehr (das ist garantiert so). Sofern Sie überhaupt die Zustimmung des Unternehmens für das Studium brauchen: Erst eintreten, Probezeit bestehen, tollen Eindruck machen, alle Chefs begeistern – und dann ggf. mit dem Plan herausrücken. Erwarten, dass der neue Arbeitgeber das finanziert, können Sie nicht.

Wundern Sie sich nicht etwa, dass „dies alles so kompliziert“ ist – der zentrale Fehler liegt bei Ihnen: Es passt nicht zusammen, eine Topkarriere zu wollen, aber bei der Ausbildung nur in die kleinere Stufe zu investieren. Eine meiner zentralen Regeln für den Berufserfolg heißt: „Herausholen, was drinsteckt“. Wobei die Praxis auch zum Umkehrschluss neigt.

 

Service für Querleser:

Wer ein anspruchsvolles Autorennen gewinnen will, braucht auch das bestmögliche Fahrzeug. Wer entsprechend anspruchsvolle Karrierepositionen erringen will, sollte vorher ebenso in die bestmögliche Ausbildung investieren.

 

Frage-Nr.: 2.993
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2019-02-15

 

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Von Heiko Mell

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