Heiko Mell

Abbruch wegen Selbstständigkeit?

Frage:

Vielen Dank für die Möglichkeit, Ihnen überhaupt schreiben zu können.

Ich bin 34, verheiratet, Kinder. Seit knapp neun Jahren bin ich in einem Bauhauptgewerbe selbstständig und führe auch den Meisterbrief. Ich habe insgesamt drei abgeschlossene Berufsausbildungen (einmal kaufmännisch und zweimal technisch) und habe nach der ersten Ausbildung meine Fachhochschulreife nachgeholt.

Zurzeit studiere ich im fünften Semester an einer Hochschule Bauingenieurwesen in Vollzeit, wobei ich das Studium inzwischen zu einem Fernstudium umgebaut habe.

Mich quält nun schon seit längerem die Frage, ob das Studium mir überhaupt den Nutzen bringt, den ich mir beim Start erhoffte.

Meine Firma läuft sehr gut (großer Kundenstamm), sie soll auch bei einem erfolgreichen Studienabschluss erhalten bleiben. Das Einstiegsgehalt eines Bauingenieurs ist leider nicht so hoch, dass es sich rechnen würde, die Selbstständigkeit aufzugeben.

Nach Rücksprache mit der Ingenieurkammer ist es auch so geregelt, dass man die ersten drei Jahre nicht eigenständig eine Statik bzw. eine Tragwerkplanung anfertigen darf. Insofern müsste ich die ersten drei Jahre meine statischen Berechnungen immer einem zugelassenen Statiker zur Prüfung geben. Das ist natürlich völliger Schwachsinn. Wer wird sich denn selbst seine Konkurrenz ranzüchten?

Bauvorlagenberechtigt wäre ich auch nie. Hier kann man mir nun Blauäugigkeit bei der Studienwahl vorwerfen. Aber ich hatte mich damals beim Studiengangleiter beraten lassen und ihm geschildert, dass ich gerne mal eine kleines Ingenieurbüro aufmachen würde. Hier kam nie die Rolle der Ingenieurkammer zur Sprache.

Also was tun? Soll ich das Studium sein lassen, die Firma ausbauen, hier eventuell noch den ö. b. u. v. Sachverständigen für mein Gewerk dran hängen? Ich höre jetzt schon die Stimmen diverser Leute: „Du kannst doch so kurz vor Schluss nicht aufhören.“

Es käme (u. a. Bachelor-Arbeit) noch viel Aufwand auf mich zu. Damit habe ich kein Problem, aber nur, wenn ich das Gefühl habe, es lohnt sich auch.

Was raten Sie mir? Hat man in meinem Alter überhaupt noch Chancen, eine Stelle als Bauingenieur zu finden? Ist alles vergebene Liebesmüh und sollte ich meinen Fokus auf andere Dinge richten?

Antwort:

Niemand ist, auch ich bin es nicht, auf derart komplexe Problemstellungen spezialisiert. Aber ich glaube, ein bisschen helfen kann ich. Auch wenn einige meiner Aussagen vielleicht etwas provokant wirken mögen:

  1. Sie zweifeln am Sinn Ihres Studiums. Das ist nachvollziehbar, denn für jemand in Ihrer Ausgangssituation ist es nicht gemacht.

Sehen Sie, ein solches Studium enthält eine Art „bunter Mischung“ von Grundlagen und fachlichen Vertiefungen. Bei manchem davon kann man sich kaum vorstellen, das je in der Praxis anwenden zu können, bei anderen Details würde man, stellte man sich die entsprechende Frage, ganz sicher sein, „das braucht kein Mensch“.

Fragen dieser Art sind für den Studienerfolg eher hinderlich, sie lenken bloß vom Studienfortschritt ab. Deshalb ist es so eingerichtet, dass der Durchschnittsstudent frisch vom Abitur bzw. der Fachhochschulausbildung kommt, von der späteren Praxis seines Tuns nichts oder fast nichts weiß – vor allem aber nichts anderes ist oder hat als die Hoffnung, eines Tages z. B. „Bachelor“ zu sein. Da ohne wäre er tatsächlich „nichts“, der Arbeitsmarkt sucht keine Schulabsolventen, er braucht Studienexamen.

Also frisst sich der Durchschnittsstudent schulterzuckend durch den vorgelegten Stoff, das Studienziel vor Augen. Eine Alternative gibt es nicht, da muss er nun durch. Und eine Praxis beruflicher Art, die er als Maßstab an sein täglich wachsendes Studienwissen anlegen könnte, hat er in der Regel nicht.

Das funktioniert einigermaßen.

  1. Was stört, ist Ihre Ausgangssituation. Sie haben schon drei abgeschlossene Ausbildungen, sind Meister – und Inhaber einer erfolgreichen Firma. Sie sind schon etwas, bleiben das auch, wenn Sie mit dem Studium aufhörten, kennen sehr viel aus der Praxis des Metiers, erlauben sich Sinnfragen. Für Sie gibt es eine Alternative zum Weiterstudieren. „Wenn du aufhörst, bist du ein ganz armes Schwein und beruflich nichts“, das gilt für Sie nicht. Also denken Sie (zu) viel nach.

Und dann vergleichen Sie das Anfängereinkommen eines Bauingenieurs mit dem Ertrag einer gut laufenden eigenen Firma, wehren sich dagegen, dass der Standard-Anfänger keine selbstständigen Tragwerkplanungen erstellen darf (was vermutlich ganz vernünftig ist) und vergleichen ständig Aufwand beim Weiterstudium mit dem erhofften Mehrertrag.

Das System läuft allgemein ganz gut, das Problem sind Sie (was absolut keinen Vorwurf beinhaltet, nur eine Feststellung).

  1. Auch ich fürchte, Sie werden wohl einen Traum aufgeben müssen. Aber nicht den vom Bauingenieur, in den Sie nun schon so viel investiert haben, sondern den vom selbstständigen Tragwerkplaner – der etwas mehr als zehn Jahre später damit begönne als andere Bauingenieure. Warum wollen Sie sich das antun?
  2. Mein Rat: Kombinieren Sie das unbedingte Festhalten an der eigenen Firma und den zügigen Abschluss des nun einmal so weit getriebenen Studiums. Man weiß nie, wofür ein solches Examen einmal nützlich sein kann – und sei es für Ihr Selbstwertgefühl.

Und dann bauen Sie als frischgebackener Bauingenieur Ihre Firma konsequent weiter aus, ggf. mit Filialen in anderen Städten. Ob Sie dabei den Bachelor auf Ihren Briefbogen drucken, entscheiden Sie nach Zweckmäßigkeit. Aber Sie haben dann schon ein zweites Ergebnis im beruflichen Bereich erzielt, auf das Sie stolz sein können.

Und als Trost: Viele junge Bauingenieure, die nur ihren Anfängerstatus, aber keine eigene Firma haben, würden sicher mit Ihnen tauschen.

Frage-Nr.: 2.932
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2018-03-09

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