02.01.2016, 13:35 Uhr

Master und Promotion bei Alter 28

Frage/1: Ich (weibl.) habe nach meinem Abitur zunächst eine Ausbildung zur Industriekauffrau und ein duales Studium im Bereich der Wirtschaftswissenschaften absolviert. Der Beginn des dualen Studiums war zeitlich um zwei Jahre versetzt, sodass beide Ausbildungen zusammen 5,5 Jahre gedauert haben.Anschließend habe ich mich noch mal (das war nicht noch einmal, das war eine Premiere; andernfalls hätten Sie schreiben müssen: „… noch einmal für ein Studium entschieden, diesmal jedoch im Bereich Maschinenbau“; H. Mell) für ein Studium im Bereich Maschinenbau entschieden, welches ich mit der Note 2,1 abschließen werde. Die Studiendauer betrug hier acht Semester aufgrund meines Nebenjobs.

Antwort:

Antwort/1:Also Sie haben jetzt ein Abitur, einen kaufmännischen Lehrabschluss und je einen Bachelor-Abschluss in Betriebswirtschaft und in Ingenieurwissenschaften.Da man das bei Ihnen nun nicht mehr ändern kann, will ich wenigstens potenzielle Nachahmer abschrecken: So etwas macht man besser nicht! Einfache Begründung für eine solche Aussage: Zeigen Sie mir jene zehn bis zwanzig Stellenanzeigen, in denen genau so etwas gesucht wird – Sie werden kaum eine davon finden.Sie könnten – und müssten – Ihre entsprechende Qualifikation heute als eine Art „Super-Wirtschafts-Ingenieur (Bachelor) mit vorgeschalteter Lehre“ verkaufen, wobei in der Praxis die zur Verfügung stehenden Aufgaben meist so ausgerichtet sind, dass ein „normaler Wirtschaftsingenieur“ mit dem „gesunden Halbwissen“ in beiden Disziplinen (ich gehöre auch dazu) gut damit zurechtkommt. Und: Er hat und braucht in der Regel keine Lehre vorab und ist viel früher fertig als Sie.Damit wir uns nicht missverstehen: Wissen aus anderen Disziplinen kann eigentlich nie schaden. So könnte man einem zusätzlichen Bachelor in Mikrobiologie und in Informatik durchaus etwas abgewinnen. Es kann nur sein – und es ist mit großer Sicherheit so –, dass der Aufwand zum Erwerb des zusätzlichen Wissens die zu vermutenden zusätzlichen Erträge deutlich übersteigt.Bleiben wir doch bei der goldenen Regel: Für eine erfolgreiche Berufslaufbahn mit Karriere bis zum Geschäftsführer/Vorstandsmitglied reicht ein (!) erfolgreich abgeschlossenes Studium in einer der offiziell angebotenen Fachdisziplinen völlig aus. Zusätzliche Kenntnisse aus anderen Disziplinen sind nützlich, können aber bei Bedarf autodidaktisch oder durch ein darauf abgestimmtes (!) Zusatzstudium (z. B. MBA) erworben werden, ggf. nebenberuflich.(Fragen Sie nie einen Menschen, der zwei oder mehr eigenständige Studien abgeschlossen hat – er wird genau das immer loben, befürworten oder für unverzichtbar halten. Das hat mit üblichen Grundzügen menschlichen Denkens zu tun. Fragen Sie lieber einen Geschäftsführer, der nur ein (!) Studium hat.)Ihr vermutlicher Fehler, geehrte Einsenderin: Sie wussten zum Abiturzeitpunkt noch nicht, was Sie eigentlich wollten. Das kommt vor, ist auch grundsätzlich entschuldbar, bringt aber später Probleme. Und sei es, dass man eines Tages universell qualifiziert ist, aber doch schon recht nah vor dem Renteneinstieg steht.Frage/2:Würden Sie mir noch zu einem Master im Bereich Maschinenbau raten, obwohl ich heute bereits 28 Jahre alt bin?Wäre aus Ihrer Sicht bei entsprechenden Noten eine darauf aufbauende Promotion sinnvoll? Ich frage deshalb explizit danach, weil man als Frau generell mehr „Einsatz“ zeigen muss, um gleichwertige Positionen zu erhalten.Antwort/2:Nehmen wir den letzten Aspekt zuerst: In Ihrem Fall rate ich aus der Sicht eines Werdeganges, der vorzeigbar sein soll, von einer Promotion ab.Sie wären dann beim Berufseintritt als Dr.-Ing. etwa 35 Jahre alt, fünf bis sechs Jahre älter als der Standard. Und: Lehre vor dem Studium und Promotion danach schließen sich grundsätzlich aus. Beide Bereiche sind vom Niveau her so verschieden, dass es praktisch keine Aufgaben in der Praxis mehr gibt, in denen das entsprechende Wissen gleichermaßen ständig angewandt werden kann.(Fragen Sie nie einen Menschen, dessen Ausbildungsgang zufällig Lehre + Promotion einschließt – er wird genau das …; siehe unter „Antwort/1“.)Bei Ihnen käme hinzu, dass einer kaufmännischen Lehre eine Maschinenbau-Promotion gegenüberstünde. Und das, was Ihnen als Maschinenbauerin eine kaufmännische Ausbildung bringen könnte, bringt Ihnen Ihr BWL-Bachelor in mehrfacher Form.Was den besonderen „Einsatz von Frauen“ angeht: Ihnen als Dr.-Ing. Maschinenbau mit 35 stünde dann ein männlicher Dr.-Ing. dieses Fachs mit 28/29 als Mitbewerber gegenüber, Auslandssemester inbegriffen. Oder ein männlicher Master mit 24 oder 25, Auslandssemester auch inbegriffen. Wollten Sie dem dann „Einsatz“ absprechen?Bleibt Ihr Wunsch nach einem Master: Ich glaube aus Ihren Zeilen zu erkennen, dass Sie mit Ihrem Start in BWL (Lehre + Bachelor) nicht glücklich geworden sind. So etwas ist grundsätzlich schade, kommt aber vor. Jetzt haben Sie zwei Bachelor-Abschlüsse, die in dieser Form vom Markt nicht verlangt werden, träumen insgeheim von einer Promotion und sind vermutlich auf dieser Basis ziemlich unglücklich.Sie wären natürlich auch als Master ziemlich (zu) alt, aber das würde ich an Ihrer Stelle riskieren. Wenn Sie jetzt ins Berufsleben einsteigen, würden Sie für den Rest Ihres Lebens mit Ihrem Schicksal hadern und alle kommenden beruflichen Niederlagen (die unvermeidbar sind) auf Ihren Status als Frau und auf den fehlenden „letzten akademischen Schliff“ schieben.Nein, machen Sie Ihren Master, zeigen Sie ausbildungsabschließend, dass im Maschinenbau Ihre wahren Talente liegen, geben Sie im Studium alles, was Sie haben („Einsatz“) und streben Sie einen Abschluss von 1,x an.Ob es Ihrer Karriere wirklich nützt, weiß ich nicht. Aber Sie werden sich für den Rest Ihres Berufslebens besser fühlen, ich verspreche es.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2885
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2017-05-25

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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