Heiko Mell 02.01.2016, 12:38 Uhr

Studentin ohne Perspektive

Ich habe zunächst ein Bachelorstudium des Wirtschaftsingenieurwesens im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit absolviert, fand aber danach keine Anstellung. Daraufhin habe ich ein Masterstudium Maschinenbau regenerative Energietechnik begonnen.

Neben dem Studium bin ich als Werkstudentin in einem Unternehmen tätig, das Stahlbaukonstruktionen ohne Bezug zu regenerativen Energien für spezielle Fahrzeuge fertigt. Ich arbeite dort im technischen Einkauf.

Mir fehlt eine Perspektive für die Zukunft, da ich mich weder als etwas Halbes noch als etwas Ganzes fühle. Leider war meine Ausbildung zum Bachelor nicht so vielversprechend wie ursprünglich erhofft. Ich merke im Masterstudium, dass ich eine Menge Defizite aufweise.

Ich möchte mich gerne informieren, was ich noch für meine Karriereleiter tun kann, um als vollkommen ausgebildete Ingenieurin ernst genommen zu werden und meine Defizite auszugleichen.

Antwort:

Es gab eine Zeit, da antwortete ein spezieller Typ von Abiturientin, wenn man fragte, wo denn ihre beruflichen Ziele lägen, etwa so: „Ich will etwas machen mit Umwelt und Menschen.“ Was lebenserfahrene Leute davon hielten, ist mit einfachen Worten nicht wiederzugeben. Diese Phase ist eigentlich vorbei. Was ich damit sagen will? Nur das, was da steht.

Nr. 2 meiner Argumentationskette in diesem Fall: Leute wie ich, also Menschen, die viel schreiben, beweisen gern, dass sie es „immer schon“ gewusst – und vor allem geschrieben haben. Also: In der Folge zwei meiner den Lesern dieser Karriereberatung kostenlos zum Abonnement angebotenen „Karriere-Basics“ heißt es unter dem Titel: „Studienwahl: neigungsgerecht allein ist zu wenig!“ am Schluss z. B.:

„Achtung: Die vom Staat betriebenen Hochschulen mit ihren diversen fachlichen Angeboten einerseits und die Anforderungen der Arbeitskräfte suchenden privatwirtschaftlichen Unternehmen andererseits sind nicht zwangsverzahnt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ihnen eine Hochschule eine Spezialisierung offeriert, für die es später keinen Markt gibt. Schon bei dieser Frage müssen Sie selbst auf sich aufpassen.“

Natürlich steht dort auch, wie man das angeht: „In den Stellenangeboten z. B. der Internet-Stellenbörsen lesen Sie, was gesucht wird … Eine Studienrichtung oder Fächerkombination, die nie in diesen Anzeigen genannt wird, ist mit höchster Wahrscheinlichkeit auch später schwer in Arbeitsvertragsangebote umzusetzen.“Sie, geehrte Einsenderin, haben sicher gewusst, was Sie „riskieren“, wenn Sie sich hier an mich wenden (da Sie stets völlig anonym bleiben, ist das kein wirkliches Risiko):

Also denn, Nr. 3:

Ich behaupte einmal, dass Sie dazu neigen, ziemlich unvorbereitet und konzeptionsarm in wichtige Projekte hineinzustolpern. Da ist einmal Ihr, wenn man es so nennen will, Studienkonzept: Die beiden Fachrichtungen passen nicht so recht zusammen. Und was Ihre „nicht so vielversprechend wie erhofft“ gewesene Bachelorausbildung angeht: Natürlich hat der Bachelor/Wirtschaftsingenieurwesen, noch dazu im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit, Defizite, wenn man anschließend beim darauf aufbauenden Masterstudium zum Maschinenbau wechselt. Darauf hätte ein Maschinenbau-Bachelor perfekt vorbereitet.

Ich habe nichts gegen Wirtschaftsingenieure. Aber was dieses Studium in Sachen „Wirtschaft“ mehr bietet als in Sachen „reiner Maschinenbau“, das muss es zwangsläufig in der „reinen Technik“ weniger bieten. Offenbar ist heute alles irgendwie möglich – aber von Ihrem speziellen Weg höre ich auch nicht alle Tage.

Dann haben wir noch Nr. 4:

Sie müssten doch auch wissen, dass ein Außenstehender wie ich letztlich nur fundiert urteilen und raten kann, wenn er sich auf Fakten stützt. Für jeden ersichtlich fehlen bei Ihnen folgende Angaben: Alter, Schulbildung, Abiturnote, Studiendauer, Examensnote und Leistungsstand im Masterstudium. Und dann wäre es noch außerordentlich hilfreich gewesen, wenn Sie ausgesagt hätten, wie Ihnen die Welt der Stahlbauprodukte und die des technischen Einkaufs gefallen.

Also bleibt mir nur die pauschale Empfehlung: Wenn Sie nun schon dieses Masterstudium angefangen haben, dann bringen Sie es so erfolgreich wie möglich zu Ende, streben Sie „besser als 2,0“ an. Wenn Sie nun schon regenerative Energietechnik gewählt haben, dann konzentrieren Sie sich ganz darauf: Versuchen Sie, praktisch (Werkstudentin/Praktika) in einem Unternehmen jener Branche zu arbeiten, machen Sie dort auch Ihre Masterarbeit. Nahezu ideal wäre es, wenn Sie dann nach dem Examen Ihren Weg im technischen Einkauf eines größeren Unternehmens dieser Regenerativen-Energie-Branche beginnen könnten – dafür hätten Sie dann sehr gute Karten.

Als persönliche Empfehlung: Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken darüber, was Sie gern täten, welcher Branche und welchen Produkten Sie sich gern widmen würden. Nach meiner Erfahrung ist das Berufsleben zu ca. 90 % „Pflicht“ und höchstens zu 10 % „Kür“. Bringen Sie sich dazu, dass Sie „gern anspruchsvolle technische Probleme lösen“ würden und motivieren Sie sich, wo immer Sie stehen, zu Höchstleistungen. Der „Appetit“ kommt oft beim „Essen“.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Vor Beginn des Studiums sollte man ein auf Talent, Neigung und Nachfrage am Markt(!) gestütztes Gesamtkonzept erstellen. Eine sehr gute Basis für den letzten Aspekt sind Stellenanzeigen.

Frage-Nr.: 2832
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-09-08

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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