Ich bin ein Negativbeispiel

Frage/1:Sehr geehrte Karriereberatung des VDI, …Frage/2:Nachdem ich mich viel zu lange dagegen gesträubt habe, mein TU-Ingenieurstudium zu beenden, ist es nun zwangsläufig passiert: Studium lief ohne Abschluss aus, Höchstsemesterzahl war erreicht.Ich kann nicht sagen, dass mich meine Studienrichtung nicht interessieren würde, eher im Gegenteil. Es gibt mehrere Gründe, warum es so weit gekommen ist: Mangelnde Selbstständigkeit, Prokrastination (das Verschieben von eigentlich anstehenden Aufgaben/Tätigkeiten; H. Mell), Rechtsstreit mit der Uni und Gleichgültigkeit wären einige. Irgendwann verliert man den Anschluss, beschäftigt sich mit anderen Dingen und fängt an, alle zu belügen.Auch stelle ich heute fest, dass die Unterstützung durch meine Eltern nicht gänzlich positiv zu sehen ist. Warum sollte ich auch arbeiten gehen, wenn es finanziell zum „Leben“ reicht? Meiner Selbstständigkeit war es definitiv nicht förderlich.Frage/3:Man könnte fragen, was ich in den letzten zehn Jahren überhaupt gemacht habe. Die Antwort würde mir sicher schwerfallen, aber ich weiß, dass Sie in jedem Bewerbungsgespräch kommen wird.Frage/4:Ich habe mich jetzt an einer FH eingeschrieben. Gleicher Studiengang, ich beginne im zweiten Semester.1. Wenn alles klappt, wäre ich beim Studienabschluss etwa Anfang 30. Wäre ich damit nicht zu alt?2. Kann man in einem Vorstellungsgespräch überhaupt sinnvoll erklären, warum man zweimal die gleiche Richtung studiert, wenn es doch schon beim ersten Mal nicht funktioniert hat?3. Ich habe auch schon überlegt, ob ich nicht eine Ausbildung (Lehre) machen und mich dann zum Techniker weiterbilden soll.

Antwort:

Antwort/1:Da geht es schon los mit Ihren Besonderheiten. Weiter unten schreiben Sie, ich möge Ihr Alter und Ihre Studienrichtung verändern, weil „in meinem Bekanntenkreis Ihr Printmedium oft gelesen“ wird. Nur Sie, der Sie das Problem haben, lesen genau das, was Ihnen seit zehn Jahren hätte helfen können, ganz sicher nicht, sonst hätten Sie auch mich als Person gekannt.Und selbst jetzt, wo Ihnen das Wasser „Unterkante Oberlippe“ steht, gehen Sie nachlässig an die Dinge und Personen heran, die Ihnen nun helfen sollen. Dies ist nicht die Karriereberatung des VDI (eines Vereins), sondern der VDI nachrichten, einer Zeitung, die den Namen des Vereins führt und in einem speziellen Verlag erscheint. Und ich als externer Autor gestalte diese Beratung seit 1984, da waren Sie noch nicht geboren. Ich bin wegen dieser Schlampigkeit nicht beleidigt, aber wir werden noch tiefer in die Zusammenhänge eindringen müssen, da ist dies ein schöner erster Anfang.Antwort/2:Über die Schuldzuweisung an Ihre sicher sehr enttäuschten Eltern („hättet ihr mich doch bloß knapper gehalten“) will ich mich nicht näher auslassen, bloß so viel: Nicht die Versuchung trägt die Schuld, wenn man ihr erliegt, sondern die Schwachstellen des eigenen Charakters. Oder: „Meine Eltern sind selbst schuld, dass ich mir die Hände erfroren habe, sie hätten mir ja Handschuhe anziehen können.“Aber es gibt auch harte Fakten: Sie hatten ein Abitur von 3,1. Die Leistungskurse in Mathematik und Physik, auf die Sie so stolz im Lebenslauf hinweisen, haben Sie beide in der schriftlichen Abi-Prüfung mit „ausreichend minus“ abgeschlossen. Mit einem solchen Leistungsbild, das hätten Sie in dieser Serie oft lesen können, gehört man nicht an eine TH/TU. Das Scheitern dort lag schon damals in der Luft. Aus bestimmten Notenrelationen im Abiturzeugnis schließe ich: Sie waren schon damals faul – eine „tödliche“ Basis für ein TU-Studium auf 3,1-Basis. Dies alles war schon seinerzeit „bekanntes Wissen“, Ihr Weg hat es nur wieder einmal bestätigt.Oh, eine Trendwende wäre durchaus möglich gewesen damals. Sie hätten nur im Studium deutlich (!) härter (!) arbeiten müssen als in den letzten Schuljahren. Hätten …Ihre acht TU-Jahre waren völlig unnötig. Was herauskommen würde, lag von Anfang an fest (ich will Sie nicht kritisieren, was hätte ich davon. Ich will Sie ärgern, Ihren Ehrgeiz anspornen – und Nachahmer abschrecken).Antwort/3:Nehmen wir einmal Ihren letzten Satz. Ab heute gilt für Sie: Ich kämpfe hart, setze mich überall (!) ein, gebe immer und überall (!) mein Bestes. Wo mein Name drunter steht, wird ausschließlich hervorragend gearbeitet. Nachlässigkeit und Schluderigkeit waren gestern. Also jener letzte Satz: Nicht „Sie“, sondern „sie“ wird kommen. Aber das war nur falsch geschrieben und damit Unfug. „Kommen“ wird nicht die Antwort, die Ihnen aber schwerfallen wird, sondern die Frage. Der ganze Satz geht so nicht (manchen anderen Unsinn in Ihren Formulierungen habe ich stillschweigend korrigiert, aber ein Beispiel musste sein).Also: Alles Schnee von gestern, ab morgen wird alles anders.Antwort/4:Natürlich werden Sie beim Abschluss „alt“ sein, natürlich wird es Vorbehalte vieler Arbeitgeber gegen einen Bewerber geben, der so viele Jahre seines Lebens „in den Sand gesetzt“ hat.Aber: Sie haben eine statistisch gesicherte Chance, Ihr FH-Diplom mit ca. 2,1 abzuschließen (± 0,5 Notenstufen). Ich erwarte von Ihnen rücksichtslosen Einsatz für das Studium, notfalls 24 Stunden am Tag. Ziel muss sein: Besser als 1,5. Ich halte das für möglich. Damit beweisen Sie, dass Sie sich und Ihre Einstellung zum Beruf geändert haben – und demonstrieren Ihre neue Leistungsfähigkeit.Dann bewerben Sie sich vorzugsweise bei mittelständischen Unternehmen – gern in großstadtferner Lage – um eine Standard-Einstiegsposition im Fachgebiet. Das geplatzte TU-Studium (dessen Wert geringer ist als wenn es gar kein Studium gegeben hätte) erläutern Sie im Anschreiben etwa so: Mein Fehler; falsche Prioritäten gesetzt, auch den für mich falschen Hochschultyp ausgesucht; das jetzt abgeschlossene FH-Studium zeigt meine Leistungsfähigkeit, seit Aufnahme dieses zweiten Studiums habe ich Freude an der Arbeit, am Ringen um Problemlösungen etc.; hätte das TU-Studium früher abbrechen sollen; bin damals von der Maxime ausgegangen, dass man durchsteht, was man angefangen hat (Die Eltern und ihr Geld kommen dabei gar nicht vor) .Es ist Ihre letzte Chance. Nutzen Sie sie.PS. Die Geschichte mit dem wertlosen TH-Studium gilt für den Fall, dass Sie danach ohne Abschluss ins Arbeitsleben drängen würden. So aber, mit dann – hoffentlich – abgeschlossenem FH-Studium im Rücken, können Sie durchaus im Vorstellungsgespräch erzählen, dass dieses erste Studium doch noch einen positiven Effekt gehabt hätte: In mancher FH-Vorlesung habe es Ihnen geholfen, sich an entsprechende Darstellungen aus TH-Vorlesungen zu erinnern, das Verständnis sei Ihnen leichter gefallen. Das hört sich dann zumindest gut und glaubwürdig an. Wenn Sie das FH-Studium bestehen, ist Ihr Wissen aus TH-Zeiten ein kleines Plus, ohne FH-Studium ist es nichts, beweist nur ein Scheitern.

Kurzantwort:

Service für Querleser:
Wer mit einem Abitur von 3,1 und zwei schriftlich mit „ausreichend minus“ abgeschlossenen harten Leistungsfächern an die TU geht, ist ein mutiger Mensch.
Und: Er müsste dort sehr viel härter(!) arbeiten als am Gymnasium (was irgendwie aber nicht sehr beliebt ist).
Frage-Nr.: 2796
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-01-28

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