Taking the easy way out

Ich bin Professor und Institutsleiter an einer Universität und gehöre seit Anbeginn zu Ihren (so vermute ich) treuesten Lesern. Ich kann nur bestätigen, dass sich in den 35 Jahren meiner Berufstätigkeit Ihre Ratschläge und Hinweise auf die Spielregeln der Berufswelt immer wieder bewahrheitet haben.Ich habe ein Phänomen festgestellt, dass Sie vielleicht interessant finden. Sie sind ja auch mit dem Bachelor-/Mastersystem vertraut und der Bemessung der Abschlüsse mit Kreditpunkten, was nach der ursprünglichen Intention des Bologna-Prozesses der Vergleichbarkeit der Abschlüsse und der Mobilität der Studierenden dienen sollte – fraglos eine gute Absicht.Nun führt dieses System dazu, dass Studierende bei allem, was sie treiben, nach der Zahl der Credits fragen, die sie dafür bekommen. So etwas wie freiwillige Leistungen aus Eigeninteresse scheint es nicht mehr zu geben. Dies führt in Kombination mit einer weiteren strukturinternen Vorgabe zu abstrusen Praktiken. In Bachelorstudiengängen sind sog. GS (General Studies)-Anteile) vorgeschrieben. Studierende sind extrem findig, was das Aufspüren von exotischen Lehrveranstaltungen angeht. Aus dem falschen Verständnis heraus „alles was ich mache, will ich gutgeschrieben haben“ tauchen dann Lehrveranstaltungen auf dem Zeugnis auf, die aus meiner Sicht mehr als fragwürdig sind. Einige Beispiele habe ich in nachstehend zitierter Mail an einen Studierenden erwähnt: „Ihrem Antrag müsste ich leider entsprechen, weil die Veranstaltung im GS-Angebot der Uni aufgelistet ist und daher im GS-Bereich Ihres Studiums zugelassen wäre. Ich wiederhole an dieser Stelle aber gern meine eindringliche Warnung, dass man sich über die Konsequenzen im Klaren sein sollte: Sie schleppen die nächsten 35 Jahre Ihres Berufslebens diese Veranstaltung auf Ihrem Zeugnis „wie in Stein gemeißelt“ mit sich herum. ‚Tango-Orchester‘ als kreditierte Leistung auf dem Zeugnis wird bei jedem (!) Bewerbungsempfänger einen spontanen Heiterkeitsausbruch bewirken – genauso wie ‚Präsentieren mit Power Point‘ oder ‚Gelassen durch die Prüfung‘.Sie unterliegen anscheinend dem Irrglauben, dass alles, was man interessant findet, auch auf dem Zeugnis mit Kreditpunkten erscheinen muss – das muss es nicht! Sie haben die Möglichkeit, als bewusst agierender Mensch an der Universität so viel Bildung und Wissen wie möglich zu erwerben. Musik ist schön und ein wichtiger Ausgleich, aber eben eine Freizeitbeschäftigung, nichts anderes. Wenn Sie darauf bestehen, bekommen Sie das anerkannt – bei mir als Bewerbungsempfänger (ich habe während meiner Industrietätigkeit mehrere hundert Bewerbungen von Ingenieuren gelesen) hätten Sie allergrößte Mühe, nicht von vornherein aufgrund dieser Angabe im Zeugnis durchs Raster zu fallen – möglicherweise bei anderen auch.Personalverantwortliche fragen nach außeruniversitärem Engagement – Musik im Orchester wäre eine sinnvolle. Das jedoch in den Abschluss eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums einbringen zu wollen, ist eine kaum zu überbietende Lachnummer – und sagen Sie später nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“

Antwort:

Eine Kleinigkeit am Rande: Ich glaube weniger, dass Studenten sagen, „alles was ich mache, will ich gutgeschrieben haben“ – was ja die Frage aufwürfe, was aus einem angefangenen Engagement würde, bliebe die Gutschrift aus. Ich gehe davon aus, ihre Devise lautet: „Ich tue überhaupt nur etwas, wofür es Gutschriften gibt.“ Das ist ein kleiner Unterschied – und wenn ich richtig liege, ist alles noch ein bisschen schlimmer.In der Sache (lächerlich, mit Gefahr negativer Reaktionen durch manche Bewerbungsempfänger) gebe ich Ihnen recht. Aber wenn ein heutiger Student nicht unbedingt in ein Elite-Förderprogramm eines Top-Unternehmens einsteigen, sondern auf Dauer sachbearbeitende Aufgaben lösen will, ohne Karriereehrgeiz zu entwickeln – dann halte ich es für möglich, das der Bewerbungsempfänger ein wenig schmunzelt und dann den Kopf schüttelt – vor allem aber über eine Universität, die so etwas ins Studienresultat übernimmt. Ob das nun vom zuständigen Landeskultusministerium kommt oder Stil dieser Uni ist, weiß der Bewerbungsempfänger nicht und will er in der Regel auch nicht wissen.Wir sind uns einig: Wer als Student einen hohen Anspruch an sich selbst stellt, sollte auf ein Examenszeugnis ohne diese Besonderheiten Wert legen – schon um sich nicht berufslebenslang möglichen Frotzeleien von Bewerbungsempfängern auszusetzen.Aber: Es ist bekannt, dass Studierende findig sind, gern alle Vorteile mitnehmen, die legal zu haben sind – und die das „System“ ihnen bietet. Das System kann nicht erst den Studenten einen offiziellen Weg aufzeigen – und dann diejenigen verachten, die diesen Weg gehen.Sie als Professor, geehrter Einsender, repräsentieren für die Studenten dieses System, in dem sie sich bewegen. Die wenigsten Studierenden werden sich Gedanken machen, wer nun genau für die Aufstellung dieser Regeln verantwortlich ist. Die Regel ist da, ist Teil des Angebots der Uni, die Professoren sind der zentrale Kern der Uni und gut ist’s.Wenn nun Sie (und Ihre Kollegen) wollen, dass der Unfug aufhört, dann müssen Sie systemintern dafür kämpfen, dass etwas anders wird. Ob ein solcher Kampf aussichtsreich oder überhaupt möglich ist, weiß ich nicht. Aber es geht nicht an, Teil einer Organisation zu sein, die der Maus ein Stück Käse hinhält und dann verlangt, sie solle es nicht fressen, das sei nicht gut für sie. Mäuse sind zu schwach, um einer solchen Versuchung zu widerstehen.Und vorsichtshalber noch etwas: Wenn in einem Konzern der Vorstand etwas beschließt, was den Mitarbeitern Freude machen würde, was sie gern „mitnehmen“ möchten – und ein Abteilungsleiter dieses Konzerns riete seinen Angestellten schriftlich davon ab, dann bekäme der bald großen Ärger (sofern er zum Vorstand ginge, um gegen diese „Lachnummer“ zu protestieren, bekäme er noch größeren). Erlaubt wäre leichtes Kopfschütteln – sofern der Vorstand das nicht sieht.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2794
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 1
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2016-01-14

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