Heiko Mell

Promotion: Chancen, Risiken, unbekannte Welten

Ich bin Ende 20 und habe vor einiger Zeit meine Ausbildung zum Physikingenieur abgeschlossen (Bachelor und Master sowie davorliegende Ausbildung). Derzeit arbeite ich in einem mittelständischen Unternehmen in der Forschung und Entwicklung. Meine Aufgaben sind zufriedenstellend, jedoch nicht vollkommen erfüllend – wir sind halt nicht in der Grundlagenforschung.

Ich möchte – langfristig gesehen – in der Industrie-F+E arbeiten. Nun habe ich die Möglichkeit, im englischsprachigen Ausland einen PhD zu absolvieren. Das zu behandelnde Thema würde auf meiner beruflichen Linie liegen und mich vollkommen erfüllen. Es wäre für mich also ein Abstecher aus persönlichem Interesse, hoffentlich ohne Nachteil für den beruflichen Werdegang. Es spricht vieles für den PhD, jedoch möchte ich nicht einen späteren Wiedereinstieg in die Industrie gefährden. Die Entscheidung fällt mir sehr schwer, da die Randbedingungen für den PhD nicht besser sein könnten – eine einmalige Chance.

Ich wäre für Ihre Einschätzung dankbar. Insbesondere geht es mir um die Abschätzung der Risiken eines solchen Ausflugs an die Universität.

Antwort:

Ich bin, dies vorab, nicht sehr zufrieden mit Ihrer Zuschrift: Sie suchen Hilfe in einer Angelegenheit, die Ihnen wie die zentrale „Weichenstellung“ Ihres Berufslebens vorkommt – und Sie geben keine Informationen. Ich kenne Ihre Master-Note nicht (sehr wichtig bei einer solchen Prognose), ich erfahre das geheimnisvolle Land nicht, in dem Sie zu promovieren gedenken. Manches muss ich mir zusammenreimen (so den bisher wohl vorliegenden FH-Abschluss), manches ist nicht überzeugend formuliert (Sie sind heute in der F+E eines Industriebetriebes tätig, wenn auch in einem eher kleinen Unternehmen; was bedeutet es dann, dass Sie langfristig in der Industrie-F+E tätig sein wollen?). Ich stelle mir das Umfeld so vor: Sie sind FH-Master mit hoffentlich deutlich besserem Abschluss als 2,0. Sie haben einen Job, der Sie nicht erfüllt. Sie träumen von der industriellen Forschung, die jedoch wird, auch wenn es so heißt, im Mittelstand praktisch nicht betrieben. So etwas gibt es nur in ein paar großen Unternehmen. Dort aber finden Sie mit Ihrem heutigen Abschluss nicht den rechten Zugang, dort dominieren Uni-Abschluss mit Promotion. Nun haben Sie eine Promotions-Chance aufgetan in einem Land, das Sie lieber nicht nennen. Dazu müssten Sie aus der bisherigen Laufbahn aussteigen, sich auf Uni-Niveau (das Sie nicht kennen) behaupten – und wissen nicht, ob Sie nicht hinterher schlechter dran sind als heute.

Ach ja: Wie lange der Erwerb des PhD in jenem Lande dauern soll, sagen Sie auch nicht. Ich freue mich aufrichtig über das grenzenlose Vertrauen, das Sie mir und meinen Fähigkeiten entgegenbringen. Ich liste Entscheidungsgrundlagen auf:

1. Ihre Ausgangssituation ist kritisch: Eine Lehre vor und eine Promotion nach dem Studium ist keine ideale Kombination, die Geschichte frisst zu viel Zeit und kann nicht pauschal empfohlen werden. Der maßstabsetzende promovierte Uni-Ingenieur ist mit etwa 30 Jahren fertig und tritt dann endgültig ins Berufsleben ein. Sie wären dann doch ein paar Jahre älter.

2. Dass Ihre heutige Tätigkeit Abstriche an Ihrer 100%-Zufriedenheit mit sich bringt, ist normal. Junge Menschen kommen oft mit unrealistischen Erwartungen von der Hochschule in die Praxis. Nach ein paar Jahren hat man sich umgewöhnt. Es ist nicht bekannt, dass die Mitarbeiter aus der Grundlagenforschung der Großindustrie pauschal glücklicher sind als andere.

3. Ihr Plan hat zwei Risikofelder:

a) Die Promotion kann scheitern, aus welchem Grunde auch immer. Sie stünden dann sehr (!) viel schlechter da als heute.

b) Es ist absolut nicht sicher, dass es hinreichend viele (großindustrielle) Arbeitsplätze in der Forschung gibt, die Ihnen nach der Auslandspromotion offenstehen.

4. Ihre – noch sehr geringe – erste Praxis aus der heutigen Tätigkeit mag später nützlich sein, ist aber dann schon länger zurückliegend, war eben nur sehr kurz und resultiert aus einem Beschäftigungsverhältnis (kleines Unternehmen), das den anvisierten Bewerbungsempfängern im großindustriellen Bereich (Forschung!) kaum imponiert, diese Zeit war also nicht optimal investiert.

5. Bedenken hinsichtlich des eventuell höheren Niveaus an der Uni sind grundsätzlich nicht angebracht. Wenn Sie aufgeschlossen, lern- und anpassungsbereit sind, schaffen Sie das schon. Pauschal: Wer die Promotion schafft, überlebt auch das Uni-Umfeld. Wenn ich bis dahin Bilanz zu ziehen versuche, dann spricht aus rein sachlichen Gründen mehr gegen als für das Projekt. Ich rate Ihnen auf dieser Basis eher ab. Aber die Geschichte hat auch noch eine emotionale Komponente, die man in Ihrer Darstellung deutlich spürt. Wenn Sie dieses Projekt nicht realisieren, besteht die große Gefahr, dass Sie lebenslang der „verpassten einmaligen Chance“ nachtrauern – und alle unvermeidlich kommenden beruflichen Niederlagen auf den dann nicht erreichten PhD schieben. Außerdem könnte die Zeit im Ausland sehr wertvoll für Ihre Persönlichkeitsentwicklung werden, weit über den Doktorgrad hinaus. Auf dieser Überlegung aufbauend, ließe sich ein solches Experiment doch noch verantworten. Was Sie allerdings erwartet, wenn Sie dann in ein paar Jahren zurückkommen, kann man nicht vorhersagen. Alles ist möglich – von einer grenzenlosen Hochkonjunktur bis zum Einstellstopp bei Großunternehmen. Daher bleibt nur diese emotionale Schiene als Rechtfertigung – Sie hätten dann wenigstens Ihren Spaß gehabt oder sich Ihren Traum erfüllt, mit eventuellen anschließenden Schwierigkeiten müssten Sie leben. Übrigens sind Sie heute in einem mittelständischen Unternehmen tätig, ich habe das ausnahmsweise stillschweigend korrigiert (es gibt keine mittelständigen Firmen, sondern bloß derartige Staubgefäße in Blüten). Und dass Sie ständig „das PhD“ sagen (habe ich auch korrigiert), klingt auch nicht so gut.

Ein Tipp zum Schluss: Sicher ist sicher; fragen Sie vorher bei Ihrem zuständigen Landes-Kultusministerium an, ob und wie Sie einen eventuellen PhD von dieser speziellen Uni jenes Landes hier führen dürfen. Die haben Listen mit allen möglichen Institutionen dort vorliegen und geben gern Auskunft.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2780
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-10-22

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