Heiko Mell

Zweiter Master als Weiterbildung?

Ich habe vor mehr als zwei Jahren ein Masterstudium in der Elektrotechnik mit Schwerpunkt Automatik und Elektronik im Ausland abgeschlossen. Seitdem arbeite ich bei einem Dienstleistungsunternehmen in einer deutschen Stadt in der Software-Entwicklung.

Ich bin mit meinen jetzigen Tätigkeiten nicht zufrieden und habe versucht, andere Stellen (vor allem im Bereich Embedded Software) zu finden. Da ich durch mein Studium ziemlich breite, aber nicht irgendwo tiefe Kenntnisse erworben habe, fällt es mir schwer, eine passende Stelle zu finden. Alle erhaltenen Angebote beziehen sich wieder auf meine bisherige berufliche Erfahrung. Deshalb habe ich angefangen, in meiner Freizeit meine Kenntnisse in Informatik durch Online-Kurse (MOOC) zu vertiefen.

Ich habe jetzt die Idee, statt dieser Online-Kurse einen zweiten Master in Informatik zu machen. Es gibt einige Studiengänge an Fernuniversitäten, die mir das in ca. drei Semestern ermöglichen könnten. Neben den neuen Kenntnissen würde mir das einen anerkannten Master of Science im Lebenslauf bringen (jetzt habe ich einen Master of Engineering).

Was halten Sie von dieser Idee eines Fernstudiums? Lohnt es sich, ein bisschen Freizeit auf diese Weise zu opfern, um die richtige Stelle zu finden? Wie sind die Fernstudien in Deutschland anerkannt?

Antwort:

Die Geschichte hat zwei Seiten:

a) Die allgemeine Betrachtung: Um Gottes Willen, bloß nicht auch noch das! Wenn die ersten tausend Menschen ihren zweiten Master hätten, würden die „Vordenker“ aus dieser Gruppe damit beginnen, den dritten anzustreben. Weil es immer noch neue, ganz spezielle Tätigkeiten geben wird, die jemand unbedingt ausüben möchte und für die er sich nicht optimal ausgebildet fühlt.

Nein, bitte lieber nicht! Planen Sie vorher, erkennen Sie Ihre Talente, Vorlieben und arbeitsmarktlichen Chancen spätestens während des ja nun unabdingbaren Bachelor-Studiums und setzen Sie dann einen(!) Master drauf. Und das muss reichen bis zum Geschäftsführer oder Vorstand; es reicht auch.

Ich muss ja auch damit leben, nun nicht Chirurg, Opernsänger oder Admiral geworden zu sein – irgendwann ist Schluss. Man kann Studien auf Wünsche abstimmen, man kann aber auch Wünsche auf vorhandene Studien abstimmen – wer sagt denn, dass Wünsche fixe Größen sind? Ich bin übrigens sehr stolz auf diese Erkenntnis! Nehmen wir ruhig einmal mich und stellen wir uns vor, ich würde von einer Gesangskarriere träumen – unmusikalisch und mit einem Organ, das nur auf der Ebene „laut“ überzeugt. Das brächte nur Frustrationen mit sich. Schlüge ich mir jedoch den Sangeswunsch aus dem Kopf, könnte ich eher glücklich werden – in jedem Fall wäre es leichter als schön singen zu lernen.

Und dann machen ja heute schon mehr Bachelore (das klingt ja besonders scheußlich; vielleicht sind das ja doch eher Bachelors, obwohl sehr deutsch klingt das eher nicht) ihren Master als die Politiker geplant hatten. Wenn jetzt die Zweitmaster-Welle zu rollen begänne, bräche alles zusammen. Also: Nein.

b) Die spezielle Betrachtung: Wir wissen wenig über Sie, geehrter Einsender. Ihr Name ist in beiden Teilen sehr „ausländisch geprägt“. Und wenn Sie dann auch „im Ausland“ studiert haben und vielleicht erst seit zwei Jahren in Deutschland sind – dann ist Ihr Fall ein besonderer.

Es sieht so aus als würde Ihnen eine Ausbildungsbasis aus Deutschland, dem Land, in dem Sie leben und arbeiten wollen, fehlen. Sie haben nur ein Studium aus dem „Ausland“ und jene zwei Berufsjahre hier im Lande. Das würde für eine „Tätigkeit nach Wahl“ auch in Frankreich oder Großbritannien nicht reichen. Damit sich niemand wundert: Ihren schriftlichen Ausdruck habe ich geglättet.

Das „Ausland“ ist groß. Kämen Sie von einer Elite-Uni aus den USA, aus GB oder F, würde man Sie hofieren. Für das Gegenteil möchte ich kein Beispiel bilden, es geht darum, ob das Sie bisher prägende Studienland und seine technologische Rangstufe in der Welt uns eher imponiert oder eher nicht. Mit dem „of Engineering“ oder „of Science“ hat das nicht vorrangig etwas zu tun. Also bietet man, da man Ihr bisheriges Studium nicht beurteilen kann und auch nicht imponierend findet, Ihnen immer wieder das an, was Sie nachweisbar können: einen Job wie Sie ihn heute ausüben.

Ja, Sie ganz speziell sollten Ihren Plan umsetzen. Aber gleich mit einer zu Ihren späteren Wünschen passenden Spezialisierung. Und versuchen Sie dabei, mindestens mit 2,0 oder etwas besser abzuschneiden. Fernunis haben in Deutschland übrigens einen guten Ruf, er wird Ihnen helfen.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2741
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-03-05

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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