Heiko Mell

Was soll aus meinem Sohn werden?

Soeben lese ich in einem Ihrer neuesten Beiträge: „Derzeit haben Berufseinsteiger vielfältige Schwierigkeiten, Startpositionen zu finden. Das betrifft sowohl die klassischen Ingenieurpositionen als auch den Vertrieb …“.

Können Sie das bitte erläutern? Wie passt das bitte zu den 50.000 Ingenieurstellen, die in Deutschland nicht besetzt werden können und zum derzeitigen Wirtschaftswachstum? Suchen die Unternehmen etwa nur noch Stellenbewerber mit Berufserfahrung, weil sie die betriebsinterne Ausbildung der Anfänger scheuen?

Zu welcher Ausbildung soll ich meinem Sohn, der in drei Jahren Abitur machen wird, raten? Für ideal halte ich ein Universitätsstudium des Wirtschaftsingenieurwesens ohne eine zu schmale fachliche Spezialisierung. Hier kommt z. B. das Darmstädter Modell in Frage, weil …

Antwort:

Ich habe den letzten Satz Ihrer Einsendung gekürzt, weil ich Details des einen oder anderen Studienmodells weder bewerten will noch kann. Grundsätzlich liegt der Schwerpunkt unserer Serie auf dem Weg ab Studienende, das umfasst dann die nächsten etwa vierzig Lebensjahre.

Wir hatten hier in letzter Zeit sehr viele Berufseinsteigerprobleme. Was übrigens ein Zeichen dafür ist, dass es in diesem Bereich derzeit hakt. Wir bedienen aber auch viele in der Praxis stehende Leser, die wir mit immer neuen Varianten des Berufseinstiegs nicht langweilen dürfen. Schließen wir einen Kompromiss: Konkrete Fragen/Fälle von Anfängern behandeln wir weiterhin, aber grundsätzliche Aussagen zu „Ingenieurmangel oder nicht, warum will niemand Berufseinsteiger?“ setze ich einmal für einige Zeit aus, heute gibt es den vorerst letzten Kommentar von mir zum Grundsätzlichen.

Fakt ist, dass Berufseinsteiger im Ingenieurbereich derzeit Probleme haben, halbwegs wunschgemäß unterzukommen. Daran gibt es keinen Zweifel.

Die Geschichte mit dem Ingenieurmangel und den 50.000 fehlenden Ingenieuren ist nicht von mir, ich habe das nie behauptet. Fest steht – und damit auch Fakt ist –, dass sich die Industrie nicht so benimmt, als würden ihr 50.000 Ingenieure fehlen. Ich bin seit etwa 1965 ununterbrochen u. a. im Bereich „Personalwerbung/-beschaffung für die Industrie“ tätig, erst im Konzern, dann als Berater. Ich weiß, wie es aussieht, wenn die Industrie verzweifelt Arbeitskräfte (z. B Ingenieure) sucht: Umfassende Werbekampagnen, Geld spielt kaum eine Rolle, es wird in den einschlägigen Medien inseriert, dass es nur so „raucht“. Zusätzlich sind in solchen Situationen die Unternehmen zu Kompromissen beim Anforderungsprofil bereit, zusätzlich saugen sie alle Berufseinsteiger auf, deren sie habhaft werden können, Arbeitslose sind ebenso gern gesehen wie Ältere.

Davon kann im Augenblick keine Rede sein. Was derzeit durch den Markt „fegt“, ist eher ein laues Nachfragelüftchen, kein Sturm, wie es für Wachstums-Hochkonjunkturphasen typisch ist. Nach meinen Informationen steigt die Nachfrage nach neuen, zusätzlichen Mitarbeitern ab etwa 2% Wirtschaftswachstum erkennbar an – wir liegen deutlich unter diesem Grenzwert. Eine gut laufende Konjunktur allein nützt wenig – ob sich die Wirtschaft nun auf hohem oder niedrigem Niveau eingerichtet hat, ist fast egal, zusätzlicher Bedarf entsteht erst durch Wachstum.

Einen kaum zu deckenden Ingenieurbedarf kann man für die Zukunft schon auf demografischer Basis errechnen. Aber eine ganz schlichte Erkenntnis ist: Solange die Industrie einschlägig ausgebildete Anfänger im Regen stehen lässt, gibt es keinen Ingenieurmangel von nennenswerter Größe (viele sehr kompliziert erscheinende Zusammenhänge sind in Wirklichkeit ganz einfach).

Hinzu kommt, dass die Industrie recht stur überwiegend Ingenieure sucht, die genau das, was sie am neuen Platz tun sollen, am alten schon getan haben. Was gar nicht funktionieren kann, weil hinter jeder Bewerbung für den Kandidaten ein Fortschritt stehen muss, den er zu erzielen hofft. Wenn ein wirklicher Ingenieurmangel kommt, geben die Unternehmen diese Haltung schnell auf.

Da ich übrigens eine gewisse Schärfe der Formulierung zwischen Ihren Zeilen zu spüren glaube, hier vorsichtshalber meine Versicherung: Ich kann nichts für diese Konstellation. Ich war nur einer der ersten Fachleute, die da gesagt haben: „Derzeit gibt es gar keinen Ingenieurmangel, der diese Bezeichnung verdient.“

Nun zu Ihrem Sohn in aller Kürze:

1. Er macht sein Abitur (ggf.) in drei Jahren. Bis dahin will er vielleicht Musik studieren, im Entwicklungsdienst arbeiten oder Arzt werden. Für eine Festlegung ist es zu früh, die Persönlichkeit ist noch nicht gefestigt genug, obwohl es absolut nicht schaden kann, sich immer wieder einmal mit Fragen der Berufswahl zu beschäftigen. Und wenn er beim Ingenieurstudium bleibt, freuen wir uns alle.

2. Niemand(!) kann auch nur andeutungsweise(!) vorhersagen, welche Art von Studienabsolventen in etwa neun Jahren gesucht sein wird und ob nicht allgemeines konjunkturelles Chaos herrscht, das jede Berufswahl illusorisch macht. Man prüfe seine Fähigkeiten und Neigungen, werfe einen Blick auf den Arbeitsmarkt, fange wunschgemäß an mit dem Studium und versuche, stets zum oberen Leistungsdrittel zu gehören (ich weiß um die mathematischen Grenzen dieser Empfehlung).

3. Der Wirtschaftsingenieur ist nicht die Lösung aller Fachrichtungsprobleme für Ingenieure, er ist (ich gehöre selbst dazu) ein in vielen Bereichen überzeugender Kompromiss. Da er „auch noch“ Wirtschaftswissenschaften im Studienplan hat, reicht sein technischer Tiefgang in der Regel nicht, um Konstrukteur/Entwickler zu werden. Umgekehrt reicht die betriebswirtschaftliche Tiefe meist nicht, um klassische Betriebswirtschaftspositionen zu besetzen. Er ist ideal für Schnittstellen, deren Zahl im Unternehmen jedoch begrenzt ist.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2737
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2015-02-12

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