Heiko Mell

Abschlussarbeit an der Hochschule oder im Unternehmen?

Ich stehe vor der Abschlussarbeit in meinem Bacholor-Studium im Maschinenbau. Macht das Verfassen der Abschlussarbeit an der Hochschule oder in einem Unternehmen einen gravierenden Unterschied? Die Meinungen zu diesem Thma trennen sich unter Kommilitonen und Professoren

(Nee, das tun sie nicht, Meinungen tun überhaupt wenig Aktives, trennen sich also auch nicht. Was Sie z. B. meinen ist: „Kommilitonen und Professoren sind getrennter Meinung“ oder „… haben unterschiedliche Meinungen“; H. Mell). Die einen sagen, im Unternehmen ist es immer besser, die anderen sagen, dass es keinen Unterschied macht.

Kommilitonen von mir haben bei einem schwäbischen Automobilkonzern ihre Praktika, Werkstudententätigkeit und sogar ihre Abschlussarbeit absolviert und wurden trotz ihrer überdurchschnittlichen Leistungen nicht vom Unternehmen übernommen.

Antwort:

Zunächst etwas, das Sie und sicher mehrere andere jüngere Leser verblüfft: Alles, was in einer freien Gesellschaft in der freien Entscheidung des einzelnen Bürgers liegt und seit vielen Jahren munter als echte Wahlmöglichkeit existiert, hat seinen Wert und eine Entscheidung dafür ist eigentlich nie grundsätzlich völlig falsch.

Lediglich aus dem individuellen Blickwinkel einer einzelnen Person können in besonderen Fällen die – stets vorhandenen – Vor- oder Nachteile einer Lösung überwiegen. Das bedeutet hier konkret: Solange beide Varianten noch offenstehen, finden Sie völlig mühelos Argumente für oder gegen beide.

Begründung: In dieser offenen Informationsgesellschaft spricht sich jede feststehende Tatsache im hier interessierenden Zusammenhang blitzschnell herum. Hätte die Arbeit im Unternehmen nachweisbar nur Vorteile, wüssten das in kürzester Zeit alle Betroffenen – und die Anfertigung der Arbeit an der Hochschule wäre sofort „tot“.

Ein Beispiel dafür, dass der Einzelfall sehr leicht von besonderen Gegebenheiten geprägt wird, die letztlich den Ausschlag geben: Wir hatten hier kürzlich den Beitrag über einen jungen Berufseinsteiger, der eine der von Ihnen genannten Phasen bei einem deutschen OEM/Premiumhersteller zugebracht hatte. Etwas, wofür andere ihren „linken Arm“ gegeben hätten. Aber er hatte eine sehr zurückhaltende, sehr durchschnittliche Bewertung erzielt. Jenes Unternehmen hatte ihn nicht haben wollen – und andere OEMs auch nicht (BMW will auch nicht die Leute einstellen, die bei Mercedes nicht überzeugen konnten).Wer jenen jungen Mann vorher beraten hätte, wäre möglicherweise zur Empfehlung gekommen: „Das ist die Chance Ihres Lebens, gehen Sie dorthin.“ Jetzt wüsste er, dass für ihn das Gegenteil richtig gewesen wäre. Aber vorher sah das anders aus.Ich will dennoch eine Entscheidungshilfe versuchen (sie erhebt nicht den Anspruch, vollständig zu sein); ich nenne die Varianten zur Vereinfachung „U“ (für „im Unternehmen“) und „H“ (für „an der Hochschule“).

Ziele der Abschlussarbeit:

a) eine gute Note (mit einer 3 taugt das beste Thema nichts); bei H haben Sie diesen Teil kalkulierbarer im Griff; Sie haben nur einen Partner, den Sie zufriedenstellen müssen; bei U sind es schon zwei davon; Differenzen zwischen beiden wegen der Bewertung sind schon vorgekommen (Interessenkonflikte);

b) ein praxisorientiertes, die spätere Einstellung förderndes Thema; hier sind die Vorteile bei U größer, aber H ist fast gleichberechtigt;

c) Kontakte knüpfen zum, sich ins Bild setzen beim möglichen ersten Arbeitgeber; pauschal ist U besser – aber sowohl Sie als auch ich geben oben Beispiele, in denen genau das nicht geklappt hat; später vom U-Partner nicht eingestellt worden zu sein, beschert Ihnen in den nächsten fünf bis zehn Jahren entsprechende misstrauische Fragen in Vorstellungsgesprächen. Prinzip: „Die haben Sie wohl nicht eingestellt, weil sie Sie kennengelernt hatten.“ Und beweisen Sie einmal 2017, dass damals, also 2014, bei der XY AG überhaupt niemand übernommen wurde;

d) ein interessantes Unternehmen kennenlernen; das gilt vor allem, wenn der Lebenslauf bis dahin noch kaum entsprechende Praktika ausweist; hier ist U im Vorteil;

e) generell eine breite Basis für den späteren Einstieg in die betriebliche Praxis schaffen; U ist gut, aber nur mit dem Ziel, auch dort anzufangen; ob andere Firmen einen Kandidaten wollen, den die hochrenommierte XY AG nicht gewollt hat, ist offen; aber so mancher Professor, mit dem Sie im Falle H besonders eng zusammenarbeiten, hat sehr gute Kontakte zu Unternehmen, seine Empfehlung ist dann unbezahlbar.

Dann gilt noch: In Zeiten der echten Hochkonjunktur werden praktisch alle Absolventen vom Markt aufgesogen; in anderen Phasen sind Erstanstellungen sehr schwer zu erringen, der Erfolg kann an Kleinigkeiten/Zufällen hängen und ist nicht kalkulierbar.

Für den Fall, dass Sie sagen, Sie seien nun „so klug als wie zuvor“, wage ich eine konkrete Empfehlung: Die Abschlussarbeit im Unternehmen ist dann uneingeschränkt empfehlenswert, wenn Sie a) dafür rundum sehr gute Bewertungen (Zeugnis) sowohl durch den Betreuer im Unternehmen als auch den Professor bekommen werden,

b) vom Unternehmen eine Einstellzusage bekommen,

c) anschließend dort auch anfangen.Falls a und b nicht ideal „laufen“, könnte aus dem erhofften Vorteil der praxisnahen Arbeit ein Nachteil geworden sein.

Ist das kompliziert? Eigentlich nicht. Die darin enthaltenen Unwägbarkeiten sind typisch für das Leben überhaupt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2710
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-09-25

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