Heiko Mell

Flexibilität des Bachelor-Master-Systems nutzen

Unabhängig von einer früheren Fragestellung in dieser Serie könnte das Thema Masterstudium in ganz grundsätzlicher Art aus einer anderen Perspektive betrachtet werden. Nämlich dann, wenn wir die Ingenieurgrade mit dem Zusatz „FH“ oder anderer Hochschulen ruhen lassen und uns auf etwas Neues einlassen. Zunächst gilt es, den akademischen Grad des Bachelors als das zu akzeptieren, was er ist, nämlich ein vollwertiger akademischer Grad, welcher zum Start einer Karriere als Hochschulabgänger befähigt (1).

Ich kann es an dieser Stelle nicht nachvollziehen, welchen Sinn es haben sollte, wenn ein Student, der bewiesen hat, wie er ein Bachelorstudium mit einer sehr guten Note abschließt, konsekutiv ein Masterstudium absolviert, nur um ein zweites Mal exzellente Leistungen zu beweisen (2).

Außerdem, mit welcher Begründung will ein Studienabgänger ohne Berufserfahrung ein höheres Gehalt fordern, wenn er, egal ob Bachelor oder Master, schlicht und ergreifend Theoretiker ist (3).

Im Vergleich zum alten System mit FH und Uni bietet das System von Bachelor und Master nun die Chance, nach Abschluss eines Bachelorstudiums Berufserfahrung zu sammeln, dabei die Realität und eigene Stärken kennenzulernen und letztere durch ein Studium zum Master zu vertiefen sowie sich während des Masterstudiums mit ebenfalls berufserfahrenen Studenten auszutauschen. Unter solchen Umständen erhält ein Masterstudium ein völlig anderes Niveau als bei Konsekutivstudiengängen (4).

Ebenfalls möglich ist es, sich während der Berufstätigkeit neu zu orientieren und sich durch Auswahl eines entsprechenden Masterstudienganges auf ein der Karriere zuträgliches höheres Niveau zu befördern, mit dem man sich beispielsweise für das Management empfiehlt (5).

Eines ist in Ländern mit langer Tradition bei diesen Studiengängen zusätzlich klar erkennbar: Masterstudiengänge können auf eine akademische Laufbahn vorbereiten, d.h. im Anschluss an den Abschluss als Master besitzt der Absolvent das Rüstzeug für selbstständiges wissenschaftliches Arbeiten. Mit anderen Worten: Der Master ist das erforderliche Bindeglied zwischen Bachelor und Promotion (6).

Das System mit Bachelor und Master besitzt deutlich mehr Flexibilität in der Praxis als unser früheres, starres Hochschulsystem. Es liegt an uns, die Vorteile zu erkennen, das Zweiklassensystem zu vergessen und die neue Flexibilität zu nutzen. Nun, jedenfalls ist dies mein Weg. Es half mir sehr, im Alter von Mitte 40 mein Wissen während eines berufsbegleitenden Masterstudiums grundlegend aufzupolieren. Eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte (7).

Vielen Dank für Ihre stets interessanten Beiträge, Sie sind mein Highlight der VDI nachrichten.

Antwort:

Danke für das Highlight.Sie schreiben so engagiert, dass man sich sofort fragt: Was ist dieser Mann, wo liegen seine Berührungspunkte zum Thema? In aller Kürze: gegen Ende 40, mittlere Reife an der Realschule, Fachhochschulreife, Dipl.-Ing. (FH), B. Eng in GB, Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH), Master of Eng. berufsbegleitend an einer FH, derzeit externe Promotion an einer Uni; Industrielaufbahn bei namhaftem mittelständischem Hersteller technischer Serienprodukte.

Sie streben jetzt die fünfte(!) akademische Qualifikation an. Das ist enorm – kann aber nicht Maßstab sein oder werden. Ihnen ist Ausbildung wichtig, das ist einfach so. Es gibt diverse Beispiele dafür, dass man nur mit einem Dipl.-Ing. (FH) oder ggf. noch mit einem zusätzlichen Dipl.-Wirtsch.-Ing (FH) problemlos Geschäftsführer eines mittelständischen Herstellers werden kann. Wobei ein „Mehr“ an Ausbildung nicht direkt schaden, aber Zeit kosten kann.Gehen wir Ihre Ausführungen einmal der Reihe nach durch (die eingestreute Nummerierung ist von mir):

Zu 1: Neues ist nicht pauschal erstrebenswert. Besseres ist das Ziel, Neues erfüllt das nicht automatisch. Dies nur zur Klarstellung.Der Bachelor befähigt vielleicht zum Start so mancher Karriere – nicht zu jeder. Viele der anspruchsvollen Einstiegsprogramme setzen doch schon auf den Master, vergessen wir das nicht. Es kommt sicher auf die Karriereansprüche des einzelnen Einsteigers an. Für das untere Managementfeld kleinerer Unternehmen reicht der Bachelor sicher – für den Konzernvorstand eher nicht, um zwei Extrembeispiele zu nennen.

Zu 2: Das ist die Frage bei jeder weiterführenden Ausbildung. Wenn Sie einen Bergsteiger fragen, warum er den höchsten Gipfel eines Massivs ersteigt, wird er z. B. antworten: „Weil er da ist.“ Unser Studiensystem einschließlich der Promotion sieht traditionell vor, den Komplex „Hochschule“ abzuschließen, wenn man einmal dort tätig ist. Das hat Vor- und Nachteile, hat unser Land aber auch nicht daran gehindert, eine weltweite Spitzenposition in wichtigen Disziplinen zu erringen.

Wir bestreiten beide nicht, dass der Master für bestimmte Ansprüche einen sinnvollen nächsten Schritt der Ausbildung darstellt. Wenn meine Ansprüche als Student von Anfang an bis zum „Gipfel“ reichen, dann kann ich den doch guten Gewissens gleich mitnehmen, wenn ich nun einmal im Gebirge bin und einen guten Teil des anvisierten „Berges“ schon hinter mich gebracht habe. Also den Master dranhängen und ggf. die Promotion noch dazu.

Denken Sie doch auch einmal an die Universitätsstudenten. Welchen Sinn soll denn ein Uni-Bachelor z. B. auf der Basis eines Einser-Abiturs haben, der mit sehr gutem Examen abgeschlossen wurde, wenn das Studium nicht weitergeführt wird? Ein solcher(!) B-Abschluss (Uni) ist allein nicht besonders tragfähig, da muss praktisch ein Master nachfolgen. Es spricht einiges dafür, die „paar Monate“ noch dranzuhängen und das gleich mitzuerledigen. Dann hat dieser junge Mensch seine Ausbildung planmäßig abgeschlossen, was er dann noch zu absolvieren hat, ist Berufserfahrung und – selbstverständlich – lebenslange Weiterbildung. Dieses Modell setzt doch nur fort, was es an der Universität immer gegeben hat – vom Abi zum Dipl.-Ing. (univ.) in einem Zug. Denn der Master entspricht doch weitgehend dem früheren Dipl.-Ing. TU/TH. Den an der Uni planmäßig zu halbieren und die Leute alle erst einmal mit dem Bachelor in die Praxis zu schicken, scheint mir nicht sehr sinnvoll zu sein.

Schön, wer an der Uni früher das Dipl.-Ing.-Examen nicht erreicht hatte, der hätte jetzt wenigstens noch seinen Uni-Bachelor, ehemals hatte er nichts. Aber wir – auch und gerade Sie – sprechen gezielt von Studenten mit exzellenten Leistungen. Und bei denen bin ich der Meinung, der Master-Abschluss ist dringend empfehlenswert. Und wenn ich mich nun einmal zum Studium dort eingerichtet habe, dann kann ich es doch gleich bis zum Ende durchziehen.

Warum wird ein Sportler, der bei einer Landesmeisterschaft gezeigt hat, dass er schnell ist und siegen kann, genau das erneut bei einer deutschen Meisterschaft demonstrieren wollen? Es reizt ihn einfach, sich auf höherem Niveau noch einmal zu beweisen.

Dem früheren Dipl.-Ing. (FH) konnte man sagen, dass er – mit welcher Note auch immer – eine solide, abgeschlossene Ausbildung hatte, die keine Fragen aufwarf. Der irgendwo auch noch im Raum stehende Dipl.-Ing. (TU/TH) war nicht die logische Fortsetzung der FH-Ausbildung, er war schlicht „anders“ – vielleicht als höherwertig angesehen, vor allem aber anders. Niemand fragte einen Dipl.-Ing. (FH), der über den Regeleinstieg mit Fachhochschulreife gekommen war und nun ein exzellentes Examen vorzeigen konnte, warum er denn nicht den Dipl.-Ing. (TU/TH) „gemacht“ hätte.

Bei einem konsekutiv aufgebauten Studium, was ja „zeitlich folgend“ für die einzelnen Schritte bedeutet, würde sich ganz bestimmt der Uni-Bachelor mit hervorragendem Examen fragen lassen müssen, warum er denn nicht „weitergemacht“ hat. Und für den FH-Bachelor mit sehr gutem Abschluss stellt sich die Frage in sehr vielen Fällen auch bzw. sie wird ihm gestellt. Zu dem speziellen Weg, den Sie empfehlen, kommen wir noch.

Zu 3: Die Forderungen der Absolventen sind ziemlich unerheblich – die Unternehmen zahlen schlicht von sich aus unterschiedlich. Das haben sie in großem Stil immer schon getan. Auch Kandidaten mit Uni-Promotion am Lehrstuhl waren meist erst einmal Theoretiker und bekamen doch mehr Gehalt zum Start als reine TH- oder FH-Absolventen.

Zu 4: Das ist der Kern Ihrer Aussage: Bachelor – dann Praxis – dann Masterstudium. Sie haben das berufsbegleitend so gemacht. Das hat mit Sicherheit auch seine Vorteile – aber man kann es nicht zum Standard erheben. Unser ganzer Berufswegaufbau ist darauf zugeschnitten, dass der Berufseinsteiger seine Ausbildungsansprüche nun grundsätzlich befriedigt hat und der Arbeitswelt ab hier treu bleibt. Auf ein späteres hauptberufliches Masterstudium sind wir nicht eingerichtet: Die Arbeitgeber nicht, die Familienplanungen nicht und die Hypothekenkonditionen der Banken nicht.

Und: Jeder(!) Bachelor, der Jahre später ein hauptberufliches Masterstudium begönne, würde danach einen anderen, besseren, höher bezahlten Job haben wollen. Das ist leider so. Also wüsste jeder Arbeitgeber, der einen Bachelor mit gutem Examen einstellt: In zwei bis fünf Jahren geht der wieder an die Hochschule und kommt dann keinesfalls in den alten Job und vermutlich noch nicht einmal in das alte Unternehmen zurück. Das würde die Attraktivität guter Bachelor-Bewerber stark drücken … Als „Massenbewegung“ halte ich das für nicht praktikabel.

Also bliebe nur das nebenberufliche Studium. Das wiederum ist bei vielen Arbeitgebern absolut nicht beliebt. Denn fast jeder nebenberufliche Student (Sie sind lt. Lebenslauf die große Ausnahme) will hinterher befördert werden – irgendwie muss sich die Quälerei ja lohnen. Außerdem zweigt der nebenberufliche Student X?% von den 100?% seiner Gesamtkapazität ab – Studienarbeiten und Klausurvorbereitungen statt Überstunden. Auch so manche/r Partner/in solcher Nebenberufsstudenten kann ein Lied davon singen.

Noch dazu liegt das nebenberufliche Studieren nicht jedem. Und die Hochschulen sind auch nicht darauf eingerichtet, die Masterstudenten generell nicht mehr im Tagesbetrieb zur Verfügung zu haben.

Meine Meinung dazu: Im Ausnahmefall geht das, aber zum Standard können wir den Weg nicht machen. Aber wenn jemand eine Schulnote so „um 3 herum“ hätte, sein Bachelorstudium mit „fast 3“ abschlösse und ihn dann später der Ehrgeiz packte, woraufhin er mit viel Energie nebenberuflich seinen Master machte (trotz der erschwerten Umstände mit weit besserem Resultat), dann wäre das toll. Aber die Arbeitswelt ist so anspruchsvoll, dass wir nebenberufliche Studien nicht zum Regelfall erheben können, oft geht das einfach nicht.

Zu 5: Das ist vielleicht einmal der Notausgang; als Regelfall hat es zu viele Nachteile, sich später „neu zu orientieren“. Stets ist es effizienter, seinen Weg richtig auszuwählen und konsequent zu beschreiten. Weil jeder Umweg Zeit kostet – und Zeit ist unvermehrbar und im Verlustfalle unwiederbringlich dahin. Auch braucht man, wenn man zehn Jahre Praxis hat, keinen Master mehr, „um sich für das Management zu empfehlen“. Es ist die Persönlichkeit, die Karriere macht, nicht der Master.

Zu 6: Das ist unbestreitbar. Aber das spricht alles nicht gegen Master + Promotion gleich nach dem Bachelor. Wir können so etwas im Ausnahmefall toll finden, aber wir können die späte Promotion mit fast Ende 40 nicht als Standard fordern. Und vor allem: wozu? Zu Ihrer heutigen, langjährig unveränderten Tätigkeit passt sie weniger, erforderlich ist sie dort auch nicht.

Zu 7: Ich kann mich ja irren, aber mir scheint, dass ein konsekutives Studium, bei dem der Master jedem Bachelor (theoretisch) offensteht und ganz unübersehbar schlicht „mehr“ ist als letzterer, viel mehr Zweiklassensystem ist als das in den früheren FH-/TH-Strukturen der Fall war. Denn jeder Master ist auch Bachelor – und hat noch etwas dazugelernt. Die alten Dipl.-Ing. (TH/TU) hatten zwar ihre Stärken, nur konnten sie keinesfalls sagen, Sie seien auch FH-Ingenieure und dann noch irgendwie etwas mehr. Die FH-Ingenieure hatten in wichtigeren Bereichen etwas, das den Uni-Leuten (zum Ausgleich) fehlte.Was das war, müssen wir hier nicht herausarbeiten. Für diesen Zweck reicht es, dass die beiden Gruppen früher vorwiegend „anders“ waren, heute haben beide exakt die gleiche Basis, dann kommt bei einer noch etwas dazu, ist also unbestreitbar „mehr“.

Man kann das toll finden, in jedem Fall ist das System heute offener, der Einzelne hat mehr und einfachere Möglichkeiten. Dafür werden heute vielleicht auch schon einmal Fragen gestellt, für die es früher gar keine Basis gab.

Zwei Anmerkungen zum Schluss:

a) Meine Aussagen werden ganz sicher von vielen Entscheidungsträgern in der betrieblichen Praxis geteilt. Sie sind aber – dem Charakter dieser Serie entsprechend – keine wissenschaftlich-tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Thema, das uns ja mehr politisch aufgezwungen denn als breit diskutierte Lösung eines drückenden Problems erarbeitet wurde.

b) Ich bin nicht so naiv, dass ich nicht wüsste, dass ein Thema wie dieses auch mit dem Lostreten einer Lawine verglichen werden könnte. Na denn.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2674
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-02-27

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