Heiko Mell

Promotion?

Ich bin Master-Student an der TH… Bisher habe ich die klassische Akademiker-Laufbahn Abitur / Bachelor-Studium / Master-Studium durchlaufen und werde in einem guten Jahr graduieren.
Nun stellt sich für mich die Frage, ob ich weiter an der Universität promoviere, direkt arbeite oder einen irgendwie gearteten MBA hinzufüge.

Da mich ein reiner Doktor (1) an die Forschung binden würde (2), bin ich geneigt, direkt bei meinem jetzigen Arbeitgeber, einem mittelständischen Unternehmen, bei dem ich als Werkstudent angestellt bin, nach dem Abschluss mich unter Vertrag zu stellen. Andererseits habe ich den persönlichen Ehrgeiz, eine Promotion anzustreben (3).

Nun kam mir der Gedanke, dass ich eine Promotion bei einem Unternehmen anstreben könnte – vielleicht sogar in jenem, bei dem ich derzeit angestellt bin. Die Idee wäre es, das persönliche Ehrgeiz-Ziel Promotion zu erreichen, aber dennoch in der Produktion im Management zu arbeiten (4).

Macht eine solche Promotion Sinn oder ist sie nur ein schlechter Versuch, die eierlegende Wollmilchsau zu fangen, welche es gar nicht gibt? Sind Promotionen in der Industrie überhaupt allgemein akzeptiert (5)? Oder verschließe ich mir mit einer Promotion wie befürchtet den gewünschten Weg im Management (6)?

Antwort:

Die eingestreuten Ziffern sind von mir, so kann ich besser auf einzelne Aspekte eingehen.

Zunächst habe ich etwas auf Ihrem „reinen Doktor“ (1) herumgekaut, habe mir im Gegensatz dazu einen „unreinen“ vorzustellen versucht – und entschieden, dass Sie mit diesem merkwürdig klingenden Begriff jenen Doktor meinen, der während einer Tätigkeit am Lehrstuhl als wissenschaftlicher Mitarbeiter erarbeitet wurde. Der „nicht reine“ Doktor wäre dann wohl bei einer Industriepromotion entstanden. Ich empfehle Ihnen, diese Definition nicht weiter zu verfolgen.

Kurz dazu: Die Entstehungsgeschichte eines Doktorgrades ist für den Betroffenen selbst durchaus von Interesse, sie kann(!) sogar den anschließenden Einstieg in die berufliche Praxis im Einzelfall beeinflussen. Aber schon drei bis fünf Jahre später gilt generell: Doktor ist Doktor, nur noch das Thema der Dissertation, die erreichte Note und ggf. noch die Uni und der Doktorvater könnten über diese Zeit hinaus etwas „nachklingen“, sind aber dann nicht mehr vorrangig erfolgsentscheidend.

Dass ein Doktorgrad Sie anschließend „an die Forschung“ bindet (2), ist nicht richtig. Es gibt den Dr.-Ing. praktisch in allen technischen Bereichen, ob im Vertrieb, in der Entwicklung, in der Produktion, in der Instandhaltung, als Vorstandsassistent und eines Tages in der Geschäftsführung bzw. im Vorstand. In einem (kleineren) Teil der Fälle war die Promotion zwingend gefordert worden, für sehr viele Positionen hätte man auch einen nicht-promovierten Dipl.-Ing. eingestellt (ich spreche hier von der Industriekarriere, die wissenschaftlichen Laufbahnen sind ein anderes Thema).

Daraus geht hervor: Von Ausnahmen abgesehen, dient die Promotion vorrangig der Erfüllung eines persönlichen Anspruchs der einzelnen Person. Ein verlässlicher „Karriereturbo“ ist sie nicht mehr. Bei der klassischen Promotion neben einer Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter kostet das Projekt etwa fünf Jahre, die von der für die weitere Karriere so wichtigen Berufspraxis in der Industrie abgehen (die „aktive“ Zeit zwischen 25 und 50 kann man nur einmal einsetzen, das gilt für jedes einzelne Jahr). Natürlich lernt auch der wissenschaftliche Mitarbeiter Wertvolles, aber der Dr. muss ihm schon etwas bedeuten, wenn es sich „lohnen“ soll.

Nur einmal am Rande: Wenn jemand zu ungeheuer verschraubten bis verschrobenen Formulierungen neigte, könnte ihm das im beruflichen Tagesgeschäft und insbesondere bei Bewerbungen mehr Nachteile einbringen als ein nicht vorhandener Doktorgrad. Prüfen Sie, geehrter Einsender, daraufhin einmal Ihren Text zwischen (meinen) Ziffern 2 und 3, am besten lesen Sie ihn sich laut vor.

Zu 4: Die sogenannte Industriepromotion, bei der Sie neben dem Erstellen der mit Ihrem Doktorvater abgestimmten Dissertation in einem Industrieunternehmen (fast) voll und gegen Geld arbeiten, ist ebenfalls gängige, bewährte Praxis. Man muss nur je einen Universitätsprofessor und ein Industrieunternehmen finden, die dazu bereit sind. Erfahrungsgemäß sind solche Plätze eher rar.

Zu 5: Hinterher gilt, wie oben geschrieben: Doktor ist Doktor. Aber: Die meisten Firmen, die überhaupt so etwas anbieten, schließen nur befristete Arbeitsverträge für diese Zeit ab. Danach brauchen Sie dann wie auch der Kollege mit klassischer Uni-Promotion einen Job. Schön, die „Nebentätigkeit“ im Unternehmen hat Ihnen dort eine erste Berufspraxis verschafft – aber wenn das Unternehmen Sie nach Ablauf des befristeten Vertrages nicht übernimmt, sieht das im Lebenslauf nicht besonders gut aus.

Warum die Unternehmen diese Tätigkeit neben der Promotion befristen? Weil der Angestellte bei seiner Einstellung noch kein Dr.-Ing. ist, also auch „nur“ einen Job als „nackter“ Dipl.-Ing. bekommt. Der Aufgabenbereich ist zusätzlich noch reduziert, denn der Mitarbeiter hat ja „andere Götter neben mir“ aus der Sicht seines Arbeitgebers. Sein ihn stark beanspruchendes Neben- (eigentlich sein Haupt-) Ziel ist ja die Promotion. Wahrscheinlich hat er sogar eine eingeschränkte Wochenstundenzahl.

Aber man arrangiert sich, alles läuft etwa drei Jahre gut. Dann ist unser Kandidat, nennen wir ihn Müller, endlich promoviert. Nun scheiden sich die Geister: Für die Firma ist Müller noch immer der Müller, den man kannte und weiter kennt. Schön, er hat jetzt die Urkunde, die heftet man ab. Jetzt aber, so hofft man, kann Müller seinen bisher mit „gebremstem Schaum“ ausgefüllten Job endlich mit „voller Kraft“ ausüben, nichts lenkt ihn mehr ab. Na ja, hofft sein Chef, ein bisschen dankbar wird er mir/uns ja wohl auch sein, schließlich haben wir ihm das erst ermöglicht.

Müller hingegen ist absolut nicht bereit, auch nur fünf Minuten nach Erhalt der Promotionsurkunde noch derselbe Müller zu sein wie zuvor. Er ist jetzt Dr. Müller. Heißt: ein anderer, auf die neue Qualifikation zugeschnittener Job, höherwertige Aufgaben, mehr Geld müssen her. Am besten viel mehr Geld, am besten sofort. Irgendwie muss sich die Quälerei der letzten Jahre ja lohnen!

Das Unternehmen hingegen – aber das hatten wir schon. Müller ist jetzt Dr.-Ing. Nicht vorrangig dankbar. Und sucht unter den Arbeitgebern des Landes jenen, der ihm den höchsten Gegenwert für seine neue Qualifikation bietet. Und geht.

Weil es fast immer so läuft (bzw. laufen würde), gehen viele der wenigen Firmen, die zu einer solchen Industriepromotion Stellen anbieten, von vorneherein dazu über, nur einen befristeten, auf dieses Vorhaben ausgerichteten Vertrag anzubieten. Später sieht man dann. Das erspart Ärger und Enttäuschungen. Außerdem: Woher soll das Unternehmen wissen, ob und wo es in drei Jahren (sofern der Kandidat überhaupt planmäßig fertig wird) einen frischgebackenen Dr.-Ing. braucht? Niemand plant in Personalfragen so lange im Voraus.

Zu 6: Diesen Passus Ihrer Einsendung habe ich mehrfach gelesen, aber nicht ganz verstanden. Wie der Blick auf die Internetauftritte von großen Konzernen zeigt, hat etwa die Hälfte der Vorstände dort (grob geschätzt) den Doktor. Eine Tätigkeit im Vorstand ist Management pur, mehr Management geht gar nicht. Wenn man diese Persönlichkeiten nicht wegen ihres Doktorgrades ausgeschlossen hat, wird man das bei Ihnen auch nicht tun. Die erwähnte Quote mag bei Mittelstandsunternehmen etwas geringer sein, aber es gibt sie auch dort.

Konkret: In einem Industrieunternehmen sind Positionen im Management die bestbezahlten(!), wichtigsten und nach allgemeiner Auffassung anspruchsvollsten. Die Angst, als Dr.-Ing. könnte man so rundum gut sein, dass man für das Management überqualifiziert ist, mag originell sein, ist aber unberechtigt.

Wenn es denn sein muss, wage ich mich auf das glatte Eis einer selbstgestrickten Definition. Menschen mit Promotion haben in der Regel ein Hochschulexamen „gut oder besser“. In einem anspruchsvollen, zeitlich begrenzten Prozess haben sie unter Beweis gestellt, dass sie zu einer vertieften wissenschaftlichen Beschäftigung mit einem engeren Thema in der Lage sind, welches sie selbstständig erarbeitet und bei dessen Aufbereitung sie eigene, neue Erkenntnisse gewonnen haben. Im Übrigen sind sie Menschen wie du und ich – mit allen denkbaren Stärken und Schwächen.

Unter den Nichtpromovierten gibt es eine größere Gruppe, die eine Promotion auch geschafft hätte (die aber nicht gewollt hatoder keinen praktikablen Weg dazu fand). Und viele der Promovierten arbeiten nach Erhalt der Doktorurkunde auf diesem Weg vertieften wissenschaftlichen Tuns weiter, andere hören sofort damit auf und lösen Aufgaben wie nichtpromovierte Akademiker auch.

Später finden sich durchaus nichtpromovierte Ingenieure, die mehr erreicht haben als viele promovierte, es gibt ebenso viele Beispiele für die umgekehrten Ergebnisse beruflichen Strebens.

Ihre höchst persönliche Motivation gemäß Nr. 3 ist nach wie vor eine sehr solide, ernstzunehmende Begründung für diesen Schritt. Und zusätzlich gilt: Es gibt keine nennenswerte Quote von Dr.-Ingenieuren, die später die Promotion bereut oder als Fehler eingestuft haben. Warum sollten Sie die erste Ausnahme sein?

Kurzantwort:

Abgesehen von einigen Laufbahnen, in denen eine Promotion stark erwünscht oder zwingend vorausgesetzt wird, ist der Dr.-Ing. kein pauschaler „Karriereturbo“ mehr. Es ist vor allem eine Frage des persönlichen Anspruchs, ob man sich für diesen zeitaufwendigen Weg entscheidet.

Frage-Nr.: 2666
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2014-01-23

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