Heiko Mell

Schul- und Studiennoten

Mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag „Schul- und Studiennoten“ gelesen (Frage 2.616 v. 05.04.2013). Hier schreiben Sie: „Aber Ihre geistigen Fähigkeiten sind zwischen beiden Ereignissen gleich geblieben, die Resultate jedoch schwanken.“

Stimmt es, dass sich die geistigen Fähigkeiten nach dem Abitur, das ja heute schon mit 18 Jahren abgelegt wird, nicht mehr ändern? Verfügen Sie über entsprechende Studien, die Sie mir zur Verfügung stellen könnten?Mich interessiert dieses Thema sehr, da mir diverse männliche Personen bekannt sind, die nach einem mäßigen Schulabschluss eine steile Karriere im Studium und danach hingelegt haben.

Daher vermute ich, dass insbesondere das männliche Gehirn auch nach dem Abitur noch einen Reifungsprozess durchlaufen kann.

Antwort:

Ich vermute das auch.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Sie führen einen der ältesten, zweifelsfrei männlichsten Vornamen, die man sich vorstellen kann. Und ich mag bei diesem heißen Thema nicht auch noch nach Geschlechtern differenzieren. Glauben Sie, jemand würde es wagen, weibliche Gehirne von nachjugendlichen Reifeprozessen aufzuschließen? Öffentlich? Und warum sollte er? Lassen wir diesen Aspekt also vollständig weg. Was bleibt, ist schwierig genug. Meine Erkenntnisse beruhen auf eigener umfassender Praxis. Zur Klarstellung: Ich spreche hier von Regeln, von Standards. Bei jeder davon gibt es Ausnahmen, viele von uns kennen auffallende einzelne Ausreißer – und bei Menschen ist nichts unmöglich. Und doch gibt es klare Muster auf dieser Basis:

1. Das Abitur ist in seinen Anforderungen auf einen jungen Menschen ausgerichtet, der 18 oder 19 Jahre alt ist, 12 oder 13 Jahre lang auf bestimmte Schulen gegangen ist und dort bestimmte Lerninhalte vermittelt bekam. Die Prüfung ist so aufgebaut, dass der Durchschnitt etwa ein Ergebnis von 2,5 erreicht.

Manche Schüler sind in ihrer Schulzeit leistungsstärker als der Durchschnitt, andere sind – im Hinblick auf die Fähigkeit, geistig den gestellten Anforderungen zu entsprechen, den Stoff zu lernen und ihn zu rekapitulieren – schwächer als andere.

2. Das Studienexamen ist in seinen Anforderungen auf einen jungen Erwachsenen von etwa 25 Jahren ausgerichtet, der nach der Schule etwa vier bis sechs Jahre lang eine bestimmte Hochschule besucht hat und dort bestimmte Wissensinhalte bzw. Methoden zum selbstständigen Wissenserwerb vermittelt bekam. Das Examen ist so ausgerichtet, dass der Durchschnitt der Studenten damit zurechtkommt und – vermutlich – auch einen Durchschnitt von etwa 2,5 erreicht.

3. Wenn es – was ich unterstelle – irgendeine Art von Weiterentwicklung zwischen Abitur und Studienexamen bei den jungen Menschen gibt, dann ist diese bei der Stoffvermittlung während des Studiums und bei den Anforderungen im Examen bereits berücksichtigt worden.

4. Und so ist tatsächlich, das zeigen Tausende von gelesenen Bewerbungen, in den weitaus meisten Fällen die Abiturnote mit der Universitäts(!)-Examensnote identisch, eine halbe Note Abweichung nach oben oder unten inbegriffen. Man ist eben, das deckt sich auch mit meinen eigenen Beobachtungen aus Schul- und Studienzeiten, ein „Einser-Mann“ oder eine „Zweier-Frau“ etc. – und bleibt es auf fachlicher Ebene sein ganzes Leben lang.

Achtung: Liebe Leser, aus mir völlig unverständlichen Gründen ärgert diese unbestreitbare Tatsache manche Leute bis zur Weißglut. Sollten Sie zu denen gehören, die das nicht verkraften können, will ich nur vorher sagen, dass ich diese Aufregung schon kenne. Bei meiner Aussage bleibe ich dennoch. Die Statistik bestätigt mich darin.

5. Nun zum Kern: Geistig stärker oder fähiger, anspruchsvolles und auf Menschen wie ihn zugeschnittenes(!) Wissen aufzunehmen oder zu verstehen, wird der Mensch eigentlich zwischen 19 und 25 nicht. Seine Grundfähigkeiten, die hier gefordert werden, um in der Abiturprüfung und im Uni-Examen zu bestehen, sind – von den immer möglichen Ausnahmen abgesehen – unverändert geblieben. Das gilt, weil beide Prüfungen auf den Durchschnitt der Prüflinge ausgerichtet sind und die durchschnittliche persönliche Weiterentwicklung in diesem Alter bereits berücksichtigen.

Aber: Abi- und Examensnoten hängen nicht nur von den entsprechenden geistigen Fähigkeiten ab. Man kann auch zeitweise faul sein, desinteressiert, anderen Leidenschaften nachgehend etc. Meist handelt es sich um Abweichungen nach unten, die man dann erzielt.

Nun der Umkehrschluss: Wer deutliche Abweichungen zwischen Abi- und Uni-Examensnote ausweist, hat das schwächere Ergebnis vermutlich Faulheit, Desinteresse oder dem Primat „anderer Leidenschaften“ zu verdanken. Denn das jeweils andere, bessere Resultat zeigt, was er könnte, wenn er nur wollte. Nun ist das menschlich und nicht das Ende aller Dinge. Aber es gilt auch: Bei Vorliegen bestimmter Umstände neigt ein solcher Kandidat dazu, deutlich hinter seinem Leistungsvermögen zurückzubleiben. Es kann sein, dass dies ein einmaliger Vorgang war, der sich nicht wiederholt – aber das Wort heißt „kann“!

Wenn man dann noch einen beruflichen Werdegang vorlegt, in dem sich erfolglose mit erfolgreichen Phasen abwechseln, heißt es schnell: Mal funktioniert er, mal nicht. Wann gerade „mal“ ist, weiß niemand.Wobei auch gesagt sein muss: Wenn man schon einen deutlichen Trend in den Noten zwischen Abi und Uni hat, dann ist der zum Besseren vorzuziehen.

6. Die festgestellte Übereinstimmung zwischen Abi- und Uni-Ergebnis gibt es auch bei der Analyse beruflicher Werdegänge: Typisch ist der Kandidat, der bei unterschiedlichen Arbeitgebern in unterschiedlicher Umgebung immer wieder mit ähnlichen Resultaten „funktioniert“. Das gilt im positiven Bereich ebenso wie im kritischen.

7. Also lautet meine Antwort auf Ihre Frage: Natürlich verändern sich Persönlichkeit, geistige Reife, Vernunft und allgemeine Lebenseinstellung eines Menschen zwischen Abitur und Uni-Examen noch. Aber die „geistigen Fähigkeiten“, die es ihm ermöglichen, den auf seinen Entwicklungsstatus ausgerichteten Anforderungen „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“ oder „so eben noch“ gerecht zu werden, die bleiben weitgehend gleich.

Und sagen Sie bloß nicht: „Dieses und jenes hat mich einfach nicht interessiert, wurde mir vom Lehrer/Professor nicht ‚spannend“ genug dargeboten, hat mich im betrieblichen Alltag gelangweilt.“ Das kann alles sein, ist aber niemals eine Ausrede für Leistungen unter meinem höchsteigenen Standard. Wenn ich etwas mache, dann nach meinem besten Vermögen. Fehlendem Interesse begegne ich durch Fachabwahl, Studienfachwechsel, neuen Job (im Rahmen der Regeln). Aber wo mein Name darunter steht, da wurde alles gegeben, was ich geben konnte. Es gibt Menschen, die haben von diesem Prinzip noch nie gehört (schade) oder sie lehnen es vehement ab (äußerst schade).

Und als Reaktion auf Ihre beispielhaft genannten schwachen Abiturienten, die erst im Studium und später dann in der Praxis noch eine steile Karriere hinlegten, gibt es Unterschiedliches zu sagen:

a) Der Volksmund findet das eine tolle Leistung – „nein, wie der sich hochgerappelt hat“. Soll er (der Volksmund).

b) Der Fachmann nimmt zunächst einmal die Karriere nach dem Studium aus dieser Betrachtung heraus: Beruflicher Aufstieg ist kaum von Examensnoten abhängig, wie man weiß. Aber: Die Examensnote ist eine Eintrittskarte ins Berufsleben. Und in einer Wettbewerbsveranstaltung, zu der man gar nicht zugelassen wird, ist es äußerst schwer, einen vorderen Platz zu belegen.

c) Bösartige Leute wie ich sagen: Die Examensnote zeigt in solchen Fällen seine Leistungsfähigkeit – was er kann, wenn er denn will. Im Abi hätte er auch schon gekonnt – denn dieses Können ist Teil seiner Persönlichkeit, er hat aber nicht gewollt. Einem Grundschüler kann es an Einsichtsfähigkeit mangeln, ein wahlberechtigter 18-Jähriger hat diese Ausrede nicht. Er muss gewusst haben, was er anrichtete, als er zuließ, dass sein „eingebauter Sportwagenmotor“ sein damaliges „Auto“ nur so eben knapp über Leerlaufleistung vor sich hinschob. Wer weiß denn, ob sein Wandel zwischen Abi und Examen von Dauer ist und unter welchen Umständen der nächste Einbruch erwartet werden muss?

d) Die Geschichte mit dem Fluch der bösen Tat, die immer nur weiteres Böses nach sich zieht, ist bekannt (Schiller, Wallenstein). Wer also die gegebene Fähigkeit zur eindrucksvollen Ausbildungsleistung (Uni-Examen 1,x) hat, sie aber im Abitur nicht nutzt (3,x), musste extrem „ackern“, um im Studium die ihm möglichen Ergebnisse zu erreichen. Das ist dann die „Strafe“, die für das frühere Arbeiten unter eigenem Standard fällig wird. Oder: Es ist sehr viel leichter, mit einem 1,x Abi auf ein 1,x Studienexamen zu kommen als von 3,x mühsam aufzusteigen.

Kurzantwort:

Holen Sie möglichst in jeder beruflich relevanten Phase Ihres Lebens heraus, was in Ihnen steckt. Andere werden später einmal aus dem, was Sie herausgeholt haben, darauf schließen, was dringesteckt hat.

Frage-Nr.: 2647
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-10-10

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