Heiko Mell

Längeres Studium wegen eines Praktikums?

Ich bin Wirtschaftsingenieurstudent an der TU. Nach dem jetzigen Stand wäre ich demnächst nach gut dreizehn Semestern (darunter eines im Ausland) und damit dann 28 Jahren fertig. Mein Ziel ist es, nach dem Diplom (zwischen 2,2 und 2,4) in einem Konzern der Energiewirtschaft zu beginnen.

Ich habe während der Semester immer einige Wochen bei einer kleinen Firma (60 Mitarbeiter) gearbeitet und auch die Pflichtpraktika in noch kleineren Betrieben abgelegt. Mir fehlt ein Praktikum in einem größeren Unternehmen, das meiner Zielgruppe entspricht.

Was soll ich jetzt tun? Ich könnte das Studium so schnell wie möglich beenden, befürchte dann aber spätere Absagen von Konzernen wegen des fehlenden Großbetriebspraktikums. Ich könnte das Studium so schnell wie möglich beenden und danach ein solches Praktikum absolvieren. Ich könnte das Studium verlängern, ein solches Praktikum einschieben, hätte dann aber 14 Semester und wäre 29 Jahre alt. Eine weitere Variante bestünde darin, die Diplomarbeit in einem Zielunternehmen zu machen, jedoch ist es schwer, so etwas an unserer Uni zu realisieren (der wissenschaftliche Anspruch fehlt angeblich etc.).

Antwort:

Das berufliche System, zu dem Ihr Problem gehört, ist so aufgebaut, dass es eigentlich solche schwer zu beantwortenden Fragen nicht geben sollte. Wer dennoch vor ihnen steht, dürfte irgendetwas falsch gemacht haben. Das müssen wir klar herausarbeiten, schon um den anderen Lesern Lerneffekte zu bieten.

In Ihrem Fall sind das zwei Aspekte:

a) Das Studium sei kurz und gut, der Kandidat sei bei seinem Abschluss nicht älter als der Standard. In Ihrem Fall fängt das mit einer „Ehrenrunde“ auf dem Gymnasium an, Ihr Auslandssemester war nicht ins deutsche Studiensystem integriert, war wertvoll, hat aber die Zeit dafür voll „gekostet“. Da die Mathematiknote auf dem Abiturzeugnis zwischen mangelhaft und befriedigend schwankt, wird die TU für Sie anfangs kein Zuckerschlecken gewesen sein. Glückwunsch dazu, dass Sie es (fast) geschafft haben, aber es kostet halt Zeit, die „Sünden der Vergangenheit“ aufzuarbeiten.

b) Es hilft natürlich ungemein, rechtzeitig zu wissen, wohin man will. Sie arbeiten das ganze Studium über in Miniunternehmen, sehen nie einen Großbetrieb von innen, wollen dann unbedingt in einen Konzern – und stellen nun fest, dass Ihre Vergangenheit nicht zu Ihrer Zukunftsrichtung passt. Das alles hat man schon harmonischer aufeinander abgestimmt gesehen.

Zu diesen beiden Aspekten kommt ein dritter, den ich aber unter „Fakten“, nicht unter „Fehler“ einordne: Konzerne denken viel eher pauschal, haben stur durchgehaltene Standards im Anforderungsbereich als Mittelständler. Und weil es so nahe beieinander liegt, passt zum konzernüblichen „Wir sind die Größten“ auch ganz gut „Wir haben besondere Ansprüche“. Wegen des Sogs, den diese Arbeitgeber auf dem Arbeitsmarkt auf den akademischen Nachwuchs ausüben, können sie auch strenge Anforderungen durchsetzen. Ich kann nicht wissen, wie Ihr spezielles Zielunternehmen zum Einstiegszeitpunkt x reagieren wird, weise aber vorsichtshalber darauf hin, dass es namhafte Großunternehmen in diesem Lande gibt, durch deren Anforderungsraster Sie einfach fallen würden – ob mit oder ohne Großbetriebspraktikum.

Überlegen Sie also einmal in diese Richtung: Alles, was Sie haben, was Sie vorweisen können (einschließlich Ihrer Praktika) würde viel besser zu einem Berufseinstieg und einem weiteren Berufsweg im Mittelstand passen. Das müssen ja nicht unbedingt Kleinunternehmen sein, aber z. B. solche zwischen vielleicht 300 und 3.000 Mitarbeitern. Dort ist man nicht pauschal toleranter, aber man wertet mehr den Einzelfall, wägt bei jedem Bewerber individuell ab. Man ist dort auch nicht so stark auf dem Markt, dass man es sich leisten könnte, etwa Bewerbungen ohne bestimmte Qualifikationsmerkmale gar nicht mehr zu prüfen.

Und Ihr ganzes Problem mit dem Praktikum hätte sich in Luft aufgelöst. Da man ohnehin nicht versteht, wo die so plötzlich aufgetretene Begeisterung für Konzerne (die schon aus einer unbewussten Arroganz der Größe heraus immer etwas elitär denken) herkommt, kann man Ihnen raten: Alles ist gut, Ihr Problem ist so gut wie gelöst, Sie müssen nur Ihre Zielvorstellung ändern. Vielleicht passen Sie auch gar nicht so gut in die Konzernumgebung – ein nicht zu unterschätzender Aspekt.

 

Zur konkreten Frage: Es geht den Konzernen weniger um das „stimmende“ Praktikum als um die Antwort auf die – hier etwas überspitzt formulierte – Frage: „Wir sind die Größten, wo wir sind, ist vorne, wir sind internationaler Marktführer oder streben es an, wir setzen Maßstäbe, wir lassen andere hinter uns – passt dieser Kandidat zu uns?“ Da ist neben vielen anderen Fragen eben auch jene von Interesse: Kennt er überhaupt einen Betrieb unserer Art und Größe, in den er jetzt hineinwill, hat er da schon einmal erfolgreich hineingerochen? Und für diese eine von vielen Fragen könnte ein erfolgreich absolviertes Großbetriebspraktikum ein Aspekt von Bedeutung sein. Mehr nicht.

Die Antwort auf Ihre Frage hängt auch von der zum Zeitpunkt Ihrer Bewerbung herrschenden Konjunktur und der Situation auf dem Arbeitsmarkt ab. Die Großbetriebe passen ihr Anforderungsraster bei Einsteiger-Einstellungen auch diesen Gegebenheiten an, Aussagen von pauschaler Gültigkeit sind also gar nicht möglich. Eine einzige neue Energiewende unserer Regierung – und wer gestern noch krampfhaft neue Mitarbeiter suchte, entlässt heute sogar von denen, die er schon hat.

Ich empfehle Ihnen in Ihrer speziellen Situation, Ihr Studium so schnell und so gut wie möglich abzuschließen – und aus dem, was Sie dann haben, auf dem Markt das Beste zu machen. Es ist nicht zu verantworten, Ihr heute schon hohes Abschlussalter noch einmal zu erhöhen.Und wenn ich das alles noch einmal durchlese, dann fühle ich die Verpflichtung, noch eine ganz klare Warnung auszusprechen: Bei einem bestimmten Unternehmen oder Unternehmenstyp einen Einstiegsjob zu finden, ist nicht alles. Man muss sich dann dort auch gegen Kollegen durchsetzen: in der täglichen Arbeit, bei Beförderungen etc. Nun gibt es junge Akademiker, die standen schon im Gymnasium auf 1,0. Die haben ein sehr gutes Diplom und eine ebensolche Promotion. Die haben in ihrem ganzen Leben das Wort „mangelhaft“ noch nie geschrieben gesehen und waren deutlich jünger als Sie beim Start in den Beruf. Die gehen in die Konzerne (nicht nur, aber eben auch). Ganz einfach gegengefragt: Wohin sollten die sonst gehen: die Elite der Bewerber zur – selbst definierten – Elite der Unternehmen. Und das wären dann Ihre künftigen Kollegen. Und mit denen würden Sie um die vorderen Plätze ringen – in jedem Projekt, in jedem Meeting, bei jeder Präsentation, jeden Tag neu.

Es gibt Leute mit schwächeren Ausbildungsvoraussetzungen, die würden das schaffen, alles schon dagewesen. Aber sind Sie solch ein „Leut“? Die Antwort liegt bei Ihnen.

Kurzantwort:

Zielwechsel sind problematisch, z. B. die Ausrichtung auf Kleinbetriebe während des gesamten Studiums – und dann der Wunsch, unbedingt im Konzern zu arbeiten.

Frage-Nr.: 2603
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2013-01-18

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