Heiko Mell

Besser schnell als gut?

Ich stehe mit 22 Jahren am Anfang meines Maschinenbaustudiums an der TH … Ich frage mich, ob ich versuchen sollte, mein Bachelorstudium von sieben Semestern Regelstudienzeit auf sechs Semester zu verkürzen. Da dann meine Priorität auf der Zeit liegt, würde ich versuchen, möglichst viele Prüfungen pro Semester zu bestehen anstatt mir mehr Zeit zu lassen und überall gute Noten zu schreiben.

Wie wird dies in der Regel von meinem zukünftigen Arbeitgeber bewertet? Ist es besser, schneller als die Regelstudienzeit zu sein oder ist es wichtiger, immer gute Noten zu schreiben?

Antwort:

Es ist zunächst einmal wichtig, auch im sprachlichen Ausdruck solchen Anforderungen gerecht zu werden, die man eines Tages an Sie als Absolventen einer Elite-Hochschule stellt. Sie können nach meinem Empfinden aus zwei Gründen nicht „schneller als die Regelstudienzeit“ sein:

a) Die „Regelstudienzeit“ ist ein zusammengesetztes Wort mit dem Kernbegriff „Zeit“ – so wie eine Haustür in der Hauptsache eine Tür ist. Und Sie können irgendwie nicht „schneller als die Zeit“ sein, beim Studium nicht und auch nicht sonst.

b) Die „Regelstudienzeit“ ist sachlich ein Zeitrahmen. Der passt auch nicht zu „schneller“. Den könnte man über- oder unterschreiten, beispielsweise.Ich sehe also etwa zwei Möglichkeiten, Ihre Frage korrekt zu formulieren:“Ist es besser, schneller zu studieren als es die Regelstudienzeit vorgibt oder …?“ Ist es besser, die Regelstudienzeit zu unterschreiten oder …?“

Da mich so etwas erfahrungsgemäß nicht gerade beliebter macht, stellt sich die Frage, was ich damit bezwecke:

Ich lese täglich Bewerbungen, Einsendungen zu dieser Serie und Schilderungen diverser Problemsituationen aus der Feder von Akademikern. Die sprachliche Qualität ist z. T. erschreckend. Die Absender müssen in bestimmten Situationen mit Nachteilen rechnen, weil viele Entscheidungsträger mehr angewandte Mühe erwarten und sich – teils kopfschüttelnd, teils unangenehm berührt – abwenden. Also versuche ich, soweit ich das kann, die Aufmerksamkeit meiner Leser auf besonders hervorstechende Fehlleistungen zu lenken. Damit sie ihren eigenen Werken mehr Misstrauen entgegenbringen – ja damit dieses Misstrauen zur selbstverständlichen Routine wird. Ich will helfen, nicht anklagen. Und der jeweilige Einsender steht unter dem Schutz der Anonymität, niemand zeigt mit dem Finger auf ihn.

Die Fehlerquote ist übrigens sehr viel höher als meine gelegentlichen öffentlichen Korrekturen vermuten lassen. Vieles korrigiere ich beim Abdruck stillschweigend. Mein Anspruch: Ich veröffentliche keine Fragen, die noch schwerwiegende sprachliche Unzulänglichkeiten enthalten. Denn alles Gedruckte wirkt wieder prägend auf andere. Daher lautet meine Devise: Ich veröffentliche nur Formulierungen, die zumindest ich verstehe und die man gerade noch akzeptieren kann. Notfalls schreibe ich die Sätze um.

Da Sie natürlich gern ein Beispiel lesen möchten:Im ersten hier abgedruckten Absatz der „Frage“ heißt es im Original: „Da nun die Priorität auf Zeit zu studieren liegt, würde ich versuchen …“. Wenn ich das abdrucke, übernimmt das noch jemand, denn es hat in der Zeitung gestanden. Also versuche(!) ich, den Sinn des Geschriebenen zu erfassen und formuliere mehr oder minder „automatisch“ um.

Und bei der Gelegenheit der immer wiederholte Hinweis: Ich bin der Mann, der gelegentlich Fehler findet und korrigiert. Ich tauge hingegen mit meiner eigenen Schreiberei nicht als Maßstab. Selbstverständlich unterlaufen auch mir Fehler – und ich verstehe, dass es reizvoll sein kann, mir die unter die Nase zu reiben. Aber am Prinzip ändert es nichts. Und ich kann jedem, der solche Fehler macht, aufmunternd zurufen: Sie sind nicht allein (was vielleicht tröstet, aber nicht entlastet).

Zum – wichtigen – Thema der Frage:

Wenn ein junger Mensch in einer Regelung (z. B. in der seines Studiums) steckt, dann unterstellt er bei Fragen und/oder Planungen meist, die Dinge seien so. Das aber stimmt nicht! Richtig ist: Im Augenblick sind die Dinge so, sie werden keinesfalls so bleiben. Bis Sie in Rente gehen, wird alles mehrfach nachhaltig verändert werden. Es wage nur ja niemand, das zu bezweifeln, sonst liste ich wieder einmal auf, wie das Ingenieurstudium und die erzielten Berufsbezeichnungen seit meinem Studienbeginn verändert wurden – mehrfach und nachhaltig. Und das wird so weitergehen, vertrauen Sie mir.

Rechnen Sie also damit, dass alles, was Ihnen heute als festgefügt und ewig geltend erscheint, verändert werden wird.Was glauben Sie, wie viel Zeit jemand brauchte um herauszufinden, wie lange mein Studium damals üblicherweise hätte dauern dürfen? Im Kopf verfügbar hat das von den heutigen Entscheidungsträgern niemand mehr, er müsste schon sehr engagiert danach „forschen“.

Was geschähe also, würde ich mich bewerben? Meine aus heutiger Sicht ungewöhnlich klingende Berufsbezeichnung nähme der Leser hin, die Frage der Studiendauer würde er wegen fehlenden Wissens über die damaligen Gegebenheiten schulterzuckend abtun – aber die Noten, die hätten heute noch die gleiche Wirkung wie damals.

Sie fragen nach der Einstufung durch Ihren zukünftigen Arbeitgeber. Die Basis dieser Frage ist falsch! Es wird diesen einen Arbeitgeber nach dem Studium geben – und drei oder sieben weitere danach. Und schon der dritte wird nicht mehr wissen, welche Studiendauer zu Ihrer Zeit Standard war. Aber ein „Gut“ von einem „Befriedigend“ unterscheiden, das wird er können.

Denken Sie also langfristig: Noten behalten ihren Wert, die Studiendauer ist nur ein relativ zu sehender Begriff. Womit nicht gesagt ist, dass Sie endlos lange brauchen dürfen und Zeit nun gar keine Rolle mehr spielt. Aber konkret auf Ihre Frage lautet die Antwort: Es zahlt sich nicht aus, die Regelstudiendauer zu unterschreiten und dafür schwächere Noten zu riskieren.

Etwas kommt noch hinzu: Sie studieren an einer TH. Planen Sie bloß nicht, dort mit einem Bachelor abzugehen, wenn schlechte Noten Sie nicht dazu zwingen. Also kommt auf Sie der Master zu, die auf jenem Zeugnis stehenden Noten sind noch wichtiger als die Daten des Bachelorstudiums. Noch besser natürlich sind gute Noten aus jeder Phase der gesamten Ausbildung und kurze Zeiten, wo immer es geht.

Denn wer im ersten und im zweiten Studium gleichermaßen gut war, der verspricht schon eher gleichmäßig gute Leistungen auch bei unterschiedlichen Anforderungen in der Praxis. Wer in einem Falle gut, dann wieder deutlich schlechter ist, steht unter „Verdacht“, nur dann zu „funktionieren“, wenn ihm die Umstände gerade zusagen. Das gilt später ebenso für unterschiedliche Tätigkeiten bei verschiedenen Arbeitgebern.

Kurzantwort:

Eine „kurze“ Studiendauer ist ein relativer Begriff, für den sich die Maßstäbe immer wieder ändern. Eine gute Note dagegen behält ihren Wert.
Erstrebenswert ist natürlich „kurz + gut“, aber im Zweifel riskiere man keine gute Note, nur um eine extrem kurze Dauer zu erreichen.

Frage-Nr.: 2537
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-01-26

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