Heiko Mell

Industrie sucht Ingenieure, bietet aber Studenten keine Praktika

Mein Sohn studiert an der TU … Fahrzeugtechnik und war damit beschäftigt, sich einen Praktikumsplatz für das 7. Semester zu suchen. Mittlerweile hat er einen gefunden, ist damit aber innerhalb seines Semesters eine große Ausnahme.

Mehrere seiner Studienkollegen, auch mit guten und sehr guten Noten, haben bereits mehrere Absagen von Firmen der Automobilbranche bekommen.

Das passt nicht in das Bild des „Nachwuchsmangels“, welches die Industrie so stark in der Öffentlichkeit vermitteln möchte. Wenn sie nicht bereit ist, den Studenten entsprechende Praktikumsplätze anzubieten, dann braucht sie sich nicht zu wundern, wenn später keine ausgebildeten Ingenieure zur Verfügung stehen oder wenn sich die fertigen Ingenieure in anderen Firmen eine Stelle suchen.Ich empfinde das Lamentieren der Industrie hier schon als etwas falsch. Warum wird von der Industrie nicht erkannt, dass ihr Ruf unter den Studenten auch schon während des Studiums leiden kann?

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Antwort:

Sie können nicht sehen, dass ich beim Sortieren meiner Argumente lächle. Nicht über Sie, absolut nicht, sondern weil das Problem bekannt, aber auch so verzwickt ist. Ich glaube die Antwort zu kennen, habe aber oft Schwierigkeiten, sie einem nur auf einen Teilbereich (Studium) fixierten Menschen herüberzubringen. Ich liste einfach alles auf, was mir dazu einfällt. In einer immer wieder unterschiedlichen Kombination aus diesen Aspekten (vor allem wegen unterschiedlicher Gewichtungen) liegt die Erklärung. Und: Jedes Argument ist ernst gemeint:

1. Mit dem Ingenieurmangel ist das so eine Sache. Sagen wir es einmal so: Die Presse kennt diesen Mangel. Die große Mehrheit der betroffenen Betriebe und meine Branche, die Unternehmen bei der Personalsuche unterstützt (dazu gehören auch Zeitungen und andere Medien, die Stellenanzeigen abdrucken), kennen ihn (noch?) nicht, vielleicht kommt er ja noch. Ich beobachte den deutschen Stellenmarkt seit 1975 – und weiß, wie es aussieht, wenn in einer Hochkonjunkturphase die gut verdienende Industrie verzweifelt Mitarbeiter sucht: ganzseitige Anzeigenkampagnen, pausenloses Inserieren, Bereitschaft zu erheblichen Investitionen in die Personalwerbung – das alles ist nicht!

2. Wenn die Industrie dringend Ingenieure sucht (einige sucht sie natürlich schon), dann ihren Idealtyp „mit etwa zwei- bis fünfjähriger Berufspraxis nach dem Studium“. Anfänger sind deutlich weniger begehrt, vielen Firmen sind sie eher lästig – sie wissen halt so wenig. Es hilft kaum, dass die jungen Anfänger nichts dafür können – der Arbeitgeber muss zwei Jahre Einarbeitung in sie investieren, bis sie selbstständig „losmarschieren“ können. Bis dahin kosten sie Geld, erst dann bringen sie solches ein.

Der Druck, unbedingt Erfolg zu erzielen, Geld zu verdienen und möglichst geringe Kosten zu verursachen, ist heute so groß, dass die einzelnen betrieblichen Vorgesetzten sagen: „Ich brauche den sofort voll einsatzfähigen Ingenieur, für Einarbeitung habe ich keine Zeit.“

3. „Die Industrie“ gibt es in dieser Frage gar nicht, sondern nur einzelne Unternehmen, die jedes für sich ums Überleben kämpfen. Sie müssen also immer das einzelne Unternehmen sehen, das rein egoistisch denkt (denken muss), das nur auf kurz- bis mittelfristige betriebswirtschaftliche Effekte ausgerichtet ist und das auf dem Markt keinen Cent „Rabatt“ dafür bekommt, etwa seiner kostenintensiven „gesamtgesellschaftlichen Mitverantwortung für die Ausbildung junger Leute“ gerecht geworden zu sein.

4. In dieser Frage gibt es gerade im mittelständischen Bereich nicht einmal „das einzelne Industrieunternehmen“, das da beispielsweise Praktikumsplätze anbieten könnte. So etwas müsste dann auf Geschäftsführungsebene entschieden und per Anweisung festgelegt werden. Dafür ist das Problem nicht wichtig genug. Auf der Tagesordnung der GF stehen ja noch:

a) Eroberung des chinesischen Marktes,

b) Einstieg in die zukunftsorientierte Branche XY,

c) dringende Umsatzausweitung durch Gewinnung neuer Großkunden,

d) überzeugende Präsentation eines Investitionsvorhabens bei der Bank zwecks Gewährung eines Kredits von 100 Mio. EUR (wobei die Bank deutlich mehr davon hat, Staatsanleihen zu kaufen, die ihre Eigenkapitalquote nicht tangieren und hohe Zinsen bringen). Und dann kommt

e) Wir müssten Studenten mehr Praktikumsplätze bieten, das wäre langfristig irgendwie vernünftig. Hat das eine Chance, auf unternehmerischer (GF-)Ebene spontan ernstgenommen zu werden?

5. Also landet das Problem in der 2. Führungsebene, beim Personalleiter. Der sieht das alles ein, kann aber selbst kein Praktikum gewähren und keins gestalten. Er kann nur einen technischen Bereichsleiterkollegen fragen, ob der eventuell einen Praktikanten nimmt. Und der sagt z. B.: „Grundsätzlich schon, und Sie haben ja recht, eigentlich müssten wir. Aber wir stehen gerade extrem unter Druck. Ich kann niemanden abstellen, der sich um Praktikanten kümmert, der also seine Zeit damit verplempert, Studenten ans Händchen zu nehmen. Ich kann ja schon keine Ingenieuranfänger mehr einarbeiten, also das geht leider überhaupt nicht.“ Das war es dann – niemand reagiert bösartig, alle sind im Grunde guten Willens. Bloß es kommt nichts dabei heraus.

6. Der Nutzen, den ein einzelnes mittelständisches Unternehmen von einem einzelnen Praktikanten hat, ist zweifelhaft. Dass er durch seine praktische Arbeit wesentliche Probleme des Unternehmens löst, glaubt wohl niemand. Also bleibt allein die Hoffnung, diesen einen Praktikanten kennenzulernen, ihn als „interessant“ einstufen zu können (sonst lohnt es ja nicht) und darauf zu hoffen, dass mana) genau dann, wenn der mit dem Studium fertig ist, in genau dem Bereich des Unternehmens, bei dem er jetzt sein Praktikum machen würde, einen Einsteiger-Ingenieur sucht undb) dass genau dieser heutige Student dann auch genau zu diesem Unternehmen kommt und dort einen Vertrag unterschreibt. Und nicht in einem der beliebten Großkonzerne verschwindet. Und das ist alles ein bisschen viel verlangt.

Großkonzerne sehen das anders, pauschaler: 100 Anfänger-Ingenieure werden jedes Jahr eingestellt, also vergeben wir 150 Praktikantenstellen (oder 200), außerdem sind glückliche Praktikanten gut fürs Konzern-Image. Das darf ruhig etwas kosten.

7. Und dann gibt es noch die unter Studenten, besonders aber unter Eltern von Studenten, weitverbreitete Meinung: Wenn die Studienordnung Praktika vorschreibt und/oder wenn Praktika engagiert empfohlen oder später von den Unternehmen, die Anfänger-Ingenieure einstellen, sogar gefordert werden, dann muss „man“ doch den armen Studenten …Dabei wird vergessen, dass es sich hier um mehrere grundverschiedene handelnde Parteien handelt, von denen keine die Macht hat, die anderen zu verpflichten. Die Spanne reicht vom Kultusministerium über Karriereberater bis zu Industriefirmen.

8. Es gibt in einzelnen Unternehmen durchaus auch folgende Einstellung, die vielleicht nicht sehr schön, aber völlig legal ist: „Bleiben Sie mir mit den Praktikanten vom Leib. Das bedeutet Aufwand, jemand muss sich kümmern, die halten uns von der Arbeit ab. Machen wir nicht. Hinterher gehen die mit dem Studium fertig gewordenen jungen Leute ja doch nicht ausgerechnet dorthin, wo sie ein Praktikum gemacht haben. Aus Dankbarkeit, weil wir ihm damals geholfen haben, kommt niemand zu uns. Also ersparen wir uns den ganzen Ärger – und wenn wir einmal einen Ingenieur-Anfänger einstellen sollten (noch lieber nehmen wir berufserfahrene Leute), dann bieten wir finanziell etwas mehr, dann sind wir für ihn attraktiv. Und wirtschaftlich ist das für uns sogar günstiger. Sollen andere Firmen Praktika anbieten.“

9. Letztlich hat die Vergabe von Praktika für Unternehmen nur einen Wert, wenn sie auf diesem Weg spätere Ingenieure für sich begeistern können. Und zwar nur solche, die sie auch einstellen würden. Also legen viele an Praktikanten und ihre Werdegänge, Noten, Studienspezialisierung etc. dieselben Maßstäbe an wie später an fertige Jungingenieure. Konkret: Ein Unternehmen nimmt nicht jeden Anfänger und folgerichtig nicht jeden Praktikanten. Absagen bei Bewerbungen um ein Praktikum sind also in erheblichem Maße einzuplanen.

Und quasi als Punkt 10 dieser Aufzählung (aber von der Systematik her dort nicht hineinpassend) ist der Hinweis fällig, dass dennoch (trotz 1 – 9) viele Firmen bereit sind, Praktikanten zu beschäftigen, manche berechnend, manche selbstlos. So wie Ihr Sohn, geehrter Einsender, letztlich ja doch noch eine Chance bekommen hat. Und: Die Problematik ist vergleichbar mit dem Facharbeitermangel: In der Vergangenheit haben manche Firmen händeringend neue Mitarbeiter gesucht, wollten aber keine Lehrlinge ausbilden.

Bedenken Sie, dass ich immer wieder darauf hinweise: Das System ist keineswegs durchgängig logisch, in seinem Aufbau vielfach unzulänglich, zweifelsfrei an allen Ecken und Enden optimierungsbedürftig – und doch das effizienteste, das wir je hatten. Es ist dies ein Teil des „ganz normalen täglichen Wahnsinns“.

Kurzantwort:

Eigentlich müssten Unternehmen, die ja angeblich alle händeringend Ingenieure suchen, den studentischen Nachwuchs engagiert unterstützen, um später Jungingenieure zu haben. In der Praxis jedoch tun sie das aus vielen schlechten Gründen nicht.

Frage-Nr.: 2506
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-16

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