Heiko Mell

Von der TU zur FH mit Fachwechsel

Ich bin 24 Jahre alt und studiere seit zehn Semestern Bauingenieurwesen an der TU … Ich merke immer mehr, dass dieses Fachgebiet für mich keine Zukunft mehr hat. Das ist natürlich äußerst schade um die verlorene Zeit.

Ich habe vor, den sehr schmerzhaften Weg zu wählen, dieses Studium an den Nagel zu hängen und Maschinenbau an der Hochschule … zu studieren. Ich habe mir diesen Schritt sehr gut überlegt, obwohl er sehr hart sein wird.

Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie mein zukünftiger Arbeitgeber auf diesen Lebenslauf reagieren wird. Ich werde bei Abschluss des zweiten Studiums mit ca. 29 – 30 Jahren sehr alt sein. Andererseits herrscht in diesem Fachgebiet bekanntlich ein Fachkräftemangel. Wenn man einen guten Abschluss voraussetzt, wie stehen meine Chancen in der Arbeitswelt?

Antwort:

Wie jeder Einsender leicht einsehen wird, steht bei dieser Zeitungsserie der Nutzen für möglichst viele Leser im Vordergrund (ginge es nur um diesen einen Fragesteller, lohnte das Verbreiten des Falles an mehrere zigtausend Leser nicht). Ich bin also verpflichtet, über das Spezielle hinaus auf Allgemeinverbindliches zu achten, das ist nicht nur auf meine persönliche Bösartigkeit zurückzuführen.

Also, geehrter Einsender, Sie schreiben hier einen Brief. Bei diesem Tun gewöhnt man sich einen Stil an, der auch Ausdruck der Persönlichkeit ist und natürlich irgendwie in alle entsprechenden „Machwerke“ ausstrahlt, die man so von sich gibt. Eines Tages schreibt man dann eine Bewerbung, etwas später interne Berichte an die Unternehmensleitung – alles im angewöhnten persönlichen Stil.Als Empfehlung für Briefe geschäftlicher/beruflicher Art:

1. Man fange möglichst nicht mit „Ich“ an.

2. In späteren Sätzen darf man dann gelegentlich wieder mit „Ich“ beginnen – aber bitte nicht auffällig oft. Sie nun beginnen den Brief mit „Ich“, von den insgesamt von mir gezählten zwölf Sätzen steht an acht davon auch dieses Wort (oder die Variante „mir“) am Beginn. Beides gilt es zu vermeiden. Das geht, wenn man es versucht; aber es hinterlässt einen sehr ichbezogenen Eindruck, wenn man es versäumt.

In der Sache habe ich eher beruhigende Aussagen für Sie:

Es gibt mehrere Berufseinsteiger, die während des Studiums die Fachrichtung gewechselt hatten. Daraus wird den Betroffenen praktisch kein wirklicher Vorwurf gemacht. Der junge Schulabgänger ist sich oft seiner persönlichen Starken, Schwächen, Vorlieben und Abneigungen noch so wenig sicher, dass er sich nach einiger Zeit korrigieren muss.

Man wünscht sich natürlich, der Student würde nicht gerade zehn Semester für die Erkenntnis brauchen. So zwei bis drei wären deutlich besser. Aber: Fachrichtungswechsel während des Studiums werden grundsätzlich akzeptiert bzw. toleriert.

Der Wechsel von der TH zur FH (Ihre „Hochschule“ dürfte eine solche sein, auch wenn sie sich nicht mehr so nennt) ist ziemlich häufig in Lebensläufen zu beobachten. Die Ursachen liegen meist in der Befürchtung (oder Gewissheit), das TU-Studium gar nicht, nicht in vernünftiger Zeit oder nicht mit noch vorzeigbaren Ergebnissen abschließen zu können. Dass ein solcher Student bis zum Wechsel in allen Fächern „sehr gut“ erzielt hatte, ist recht selten (die alten Zeugnisse/Studienbescheinigungen aus dem Erststudium legt man späteren Bewerbungen ohnehin nicht bei).

Oft hilft bei der Beurteilung des Falles ein Blick auf das Abiturergebnis: TU-Abbrecher mit Abi-Durchschnitt 1,0 und Leistungskurs Mathematik werden kaum beobachtet. Wer jedoch z. B. ein Abitur mit 3,x ohne Mathe-Leistungskurs hat, quält sich an der TU ziemlich. Er stößt bei späteren Bewerbungslesern auf Verständnis für den fast zu erwartenden Wechsel – aber eventuell auch auf Kopfschütteln etwa mit der Bedeutung: „Hat der das denn nicht gewusst?“

In den Köpfen der Entscheidungsträger ist noch weitgehend ein Durchschnittsalter beim FH-Abschluss von 28 Jahren verankert (das es jetzt so nicht mehr gibt; teils fehlt in Zukunft der Wehrdienst, teils muss man jetzt zwischen Bachelor und Master differenzieren). Über diesem langjährigen Erfahrungswert liegen Sie nur wenig, wenn Sie z. B. mit 29 Jahren Bewerbungen schreiben.

 

Fazit: Was Sie eines Tages an Qualifikation abliefern, ist nicht das Ideal, das man von einem Top-Absolventen erwarten würde, wird aber vom Arbeitsmarkt grundsätzlich akzeptiert; Sie haben zwar zwei der einzeln problemarmen Wechsel kombiniert, ich glaube aber, Sie bekommen Ihre Chance. Vielleicht (ziemlich sicher) nicht im Traineeprogramm eines Großkonzerns, aber dort oder im Mittelstand als Direkteinsteiger. Dann liegt es wieder an Ihnen, was Sie daraus machen.

Als dringende Empfehlung: Wechseln Sie so schnell wie möglich und geben Sie im neuen Studium 120% Ihres Leistungsvermögens. Ziel dabei: Abschluss in kürzestmöglicher Zeit, in jedem Fall vor dem Alter von 30 und „gut“, eher besser. Jetzt, in Ihrem neuen „Traum-Umfeld“, muss es klappen!

Und so als dritten oder vierten Absatz eines späteren Bewerbungsanschreibens könnten Sie dann formulieren:

„Nach dem Abitur hatte ich mich zunächst für das Studium einer anderen Fachrichtung an einer anderen Hochschule entschieden. Schon bald hatte ich deutliche Zweifel, ob dies die richtige Wahl gewesen war. Ich wollte aber keinesfalls zu früh und etwa unüberlegt aufgeben, sondern setzte mir das Ziel durchzuhalten und den Abschluss zu erreichen. Nicht zuletzt wegen ständig weiter schwindenden Interesses am ursprünglichen Fachgebiet habe ich mich schweren Herzens dann doch zu Abbruch und Wechsel entschlossen. Das neue Gebiet Maschinenbau hat mich von Anfang bis zum Studienende begeistert, die erzielten Noten unterstreichen das.“

Dem liegt das Prinzip zugrunde: Ein Bewerber muss wissen, wo er mit seinem speziellen Werdegang Fragen aufwirft – und gleich Antworten darauf liefern.

Kurzantwort:

1. Fachrichtungswechsel im Studium werden vom Markt ebenso akzeptiert wie Wechsel von der TU zur FH. Es empfiehlt sich jedoch, möglichst schnell zu merken, dass man „auf dem falschen Dampfer“ ist und entschlossen zu handeln.

2. Wer in seiner Bewerbung Fragen aufwirft, sollte sie dort auch beantworten.

Frage-Nr.: 2475
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 13
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-03-31

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