Heiko Mell

Master oder Dipl.-Ing.?

Ich bin angehender Maschinenbaustudent. Nach längerem Überlegen habe ich mich für die TU … entschieden. Dort bietet man neben dem Bachelor/Master zum kommenden Einstiegssemester noch den „alten“ Diplomstudiengang an. So stellen sich mich (aber, aber, Herr Student in spe; H. Mell) die Frage, ob dieser Studiengang noch zeitgemäß ist bzw. wie es um seine Wertigkeit bei den Unternehmen in ca. fünf Jahren bestellt ist.

Antwort:

Eine allein richtige Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Die betriebliche Praxis sieht das Thema noch nicht einmal als besonders wichtig an, aber Professoren neigen schon einmal dazu, sich in Ausbildungsfragen stark zu engagieren. Ich will versuchen, alles was mir einfällt, geordnet aufzulisten:

1. Wäre die Einführung des Bachelor/Master-Systems, bei dem in der ursprünglichen Form nicht einmal ein „Ingenieur“ als Titel herauskam („Master of Science“), eine rein deutsche Idee gewesen, gäbe es sicher bereits eine breit aufgestellte Gegenbewegung. Es war jedoch ein internationaler, durch Verträge auf politischer Ebene initiierter Prozess („Bologna“), also wird der uns wohl auf Jahre hinaus erhalten bleiben (endgültig wäre eine geradezu lächerliche Einschätzung).

2. Wichtiger als die Frage, wie lange es überhaupt noch Diplom-Studiengänge irgendwo im Lande geben wird (die ich nicht beantworten kann), ist folgende Überlegung:Sie – wie alle anderen Menschen auch – neigen zur Betrachtung eines Problems aus dem ureigenen Blickwinkel des Betroffenen. Sie würden erschrecken bei dem Gedanken, eines Tages eine Urkunde als „Dipl.-Ing.“ vorlegen zu müssen, während alle anderen schon Master sind. Genau das aber wird und kann nicht geschehen!

Sehen Sie, die „deutsche“ Praxis in den Unternehmen ist voller Diplom-Ingenieur. Sie sitzen als Sachbearbeiter auf ausführenden Positionen, sind als Team- oder Gruppenleiter die entscheidenden Fachverantwortlichen für ihre Prozesse oder sie sind als Manager die zentralen Entscheider in Personalangelegenheiten.Wer als Entwicklungsingenieur (ob der wohl in Zukunft „Entwicklungsmaster“ heißt?) eingestellt wird, wer also das Rennen unter den Bewerbern macht, entscheidet der Leiter der Entwicklung (der von der Personalabteilung unterstützt wird). Der ist heute Dipl.-Ingenieur. Selbst in zwanzig Jahren werden die meisten davon entweder immer noch Dipl.-Ing. sein oder doch zumindest Dipl.-Ingenieure aus der beruflichen Zusammenarbeit noch sehr gut kennen. Stößt ein solcher Manager auf einen Dipl.-Ing. als Mitarbeiter oder als Bewerber, wird er das entweder sehr positiv oder mindestens neutral sehen, niemals jedoch negativ.

Sie also werden in Ihrem ganzen Berufsleben in diesem Lande auf niemanden stoßen, der den Dipl.-Ing. negativ sieht oder einschätzt. In 100 Jahren könnte das anders sein, es könnte sich aber auch ein neuer Veränderungsprozess abgespielt haben, als dessen Folge „Master“ ein ganz alter Hut wird.

3. Im Ausland könnte das auch anders aussehen. Dazu müssten Sie das Land betrachten, in dem Sie eventuell länger oder auf Dauer leben, arbeiten, weiter studieren oder promovieren möchten. Fest steht aber, dass der deutsche Diplom-Ingenieur auch international einen hervorragenden Ruf hatte und weiterhin hat. Nur könnte der Master in manchen Ländern problemloser akzeptiert werden.

(Wenn meine Informationen stimmen, dann haben sich jedoch z. B. unsere britischen Freunde allen Versuchen erfolgreich entzogen, eine gemeinsame europäische Bachelor/Master-Ausbildung zu schaffen, sie haben sich, wie ich hörte, „keinen Millimeter bewegt“ und einfach ihr System behalten. Und wie ich ebenfalls hörte, erkennt man in den USA den neuen deutschen/teileuropäischen Bachelor/Master nicht als gleichwertig an. Sollte das falsch sein, scheibe man mir, ich korrigiere mich dann gern.)

4. Da nach meiner Überzeugung der Bachelor als Ziel eines TU-Studiums nicht sinnvoll ist (nur wenn es sich so ergibt oder ergeben muss, ist der Bachelor/TU deutlich besser als z. B. das frühere – auf dem Arbeitsmarkt wertlose – Vorexamen), geht es hier um die konkurrierenden Ziele Master und Dipl.-Ing.

Sie, geehrter Einsender, können also nach Vergleich der Studieninhalte und -verläufe frei auswählen und sich entscheiden. Tiefgreifende Vor- oder Nachteile auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind weder zu erwarten noch zu befürchten.

5. Beginnend mit etwa zwei, ganz bestimmt aber nach fünf Jahren Praxis überstrahlen die ausgeübte Tätigkeit, etwa erzielte sachliche oder erste Karriere-Erfolge sowie der Name und das Image Ihres Arbeitgebers die Details Ihres Studiums mehr und mehr. Ich z. B. habe einen Studienabschluss, den es seit mehr als 40 Jahren gar nicht mehr gibt. Das hat noch niemanden gestört, wurde niemals hinterfragt, interessiert überhaupt nicht.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2461
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 4
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-01-27

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