Heiko Mell

Später Chancen im Automobilbereich?

Ich strebe ein Studium an der TH … als Maschinenbauingenieur an. Da ich erst dieses Jahr mein Abitur vollende, ist es noch eine lange Zeit, bis ich mein Studium hinter mir habe. Mich würde interessieren, wie denn ungefähr die Berufschancen in der Automobilbranche aussehen – auch wenn man wahrscheinlich nur schwer Prognosen über einen solchen Zeitraum abgeben kann.

Außerdem werden immer mehr Ingenieure nach einem dualen Studium eingestellt – hat man dadurch als reiner Studierender später überhaupt noch Chancen?

Antwort:

Sie führen mich hier an meine Grenzen. Da ich aber aus verschiedenen Quellen weiß, wie wenig Schüler manchmal wissen (können), versuche ich dennoch eine Hilfestellung:

1. Geht man von der beruflichen Praxis als Bezugsmaßstab aus, ist die Welt des Schülers extrem solide, übersichtlich, geordnet und kalkulierbar. Die Lehrer sind Beamte, die Schulräte auch, die Landeskultusminister sind ebenfalls Staatsbedienstete. Schulen gehen nicht in Insolvenz, werden nicht von anderen aufgekauft. Neue technische Entwicklungen fegen nicht ganze Schulformen vom Markt – und wenn das Abitur von neun Gymnasialjahren auf acht umgestellt wird, gilt das schon als gewaltige Veränderung.

Der Weg von dieser „Welt“ in die der Praxis – auf dem Umweg über die irgendwie dazwischen angeordnete Hochschule – ist gewaltig, das ist ein Dimensionssprung, den man durchaus mit jenem „ins kalte Wasser“ vergleichen kann. Das soll Sie nicht erschrecken, man überlebt das in der Regel durchaus. Aber „da draußen in der Praxis“ ist fast alles anders. Sie haben nahezu alle Freiheiten, Ihren Weg selbst zu wählen und zu gehen, sind aber für Ihr Schicksal auch selbst verantwortlich.

Es gibt dort keine Beschwerdeinstanz, die Ihren Protest zur Kenntnis nimmt, wenn Sie sich auf eine Fachrichtung spezialisieren, die nach Studienende nicht mehr gefragt ist oder auf eine Branche, die es dann nicht mehr gibt. Der großen, fast absoluten Freiheit des Einzelnen (die Sie so an der Schule nicht haben) steht ein adäquates Risiko der Fehlentscheidung gegenüber (das Sie so an der Schule auch nicht tragen müssen). Aber keine Angst, man gewöhnt sich daran. Ich will Sie nur darauf vorbereiten, dass dieses Berufssystem „da draußen“ auf viele Fragen, die ein von seiner Welt geprägter Schüler stellen könnte, keine Antworten hat.Ihnen steht also der Sprung in eine „Welt“ bevor, in der nach anderen Regeln gelebt wird als in Ihrer heutigen. Dies für den Fall, dass Ihnen manches im Beruf merkwürdig vorkommt. Gewöhnen Sie sich schnell daran, Sie haben ohnehin keine Wahl.

 

2. Jene Regeln verlangen, dass Sie zum Abiturzeitpunkt wissen sollten, was Sie studieren wollen, zumindest nach Hochschultyp und Fachrichtung, später im Hauptstudium kann oft noch eine spezielle Vertiefung gewählt werden.Diese Festlegungen lassen sich ggf. korrigieren – aber solche Korrekturen werden mit fortgeschrittener Studiendauer immer schwieriger, sie kosten Zeit und Energie.Das heißt, ein Gymnasiast hat zwei Ziele:

a) ein gutes Abitur und

b) zum Abiturzeitpunkt zu wissen, was er studieren will.Beide Ziele sind ungefähr gleich wichtig!

 

3. Die Wirtschaft plant im Detail und bei personellen Maßnahmen kaum noch über mehr als zwei Jahre hinaus. Die technologischen Entwicklungen, Veränderungen auf den Märkten, konjunkturelle Verschiebungen lassen weiterreichende Festlegungen praktisch nicht mehr zu. Das Paradebeispiel gilt für Ihre Generation: Internet und Handy gibt es erst seit wenigen Jahren.

Und: Auch ausgesprochene „Boom-Fächer“ können sich für den Einzelnen als Flop erweisen – z. B. wenn 10.000 Studenten pro Jahr ein solches Fach abschließen, aber nur 5.000 Anfänger gebraucht werden. Solche Entwicklungen hatten wir schon, sie werden wiederkommen. Daher ist nicht einmal eine Boombranche ein sicheres Umfeld.Also planen auch Sie nicht zu lang im Voraus, bleiben Sie flexibel, verfolgen Sie neue Entwicklungen und seien Sie zu Änderungen Ihrer Planungen im Rahmen der Möglichkeiten bereit.

Legen Sie jetzt begabungs- und neigungsgerecht sowie mit einem Auge auf den Markt Ihre Fachrichtung und den Hochschultyp fest. Das haben Sie mit „Maschinenbau an der TH“ getan. Ganz sicher ist das eine gute Wahl, falls Ihre Talente dem entsprechen. Und weitere Spezialisierungen kommen dann im Hauptstudium, die Entscheidung müssen Sie jetzt noch nicht treffen.

 

4. Die spätere Einsatzbranche sollten Sie solange wie möglich offenhalten. Während des Studiums sammeln Sie Erfahrungen, kommen z. B. über Praktika an unterschiedliche Branchen heran, lernen sich selbst besser kennen und ersetzen so manche jugendliche Schwärmerei durch fundierte Hinwendung an ein Thema.

 

5. Die Fahrzeugbranche wird es „immer“ geben, so weit Prognosen überhaupt möglich sind. Die individuelle Mobilität wird die Menschheit in unseren Breiten mit Zähnen und Klauen verteidigen. Noch zu Zeiten Ihrer Pensionierung werden Fahrzeuge gebaut werden, das ist ganz sicher. Aber ob im Jahr Ihres Examens von vielleicht vier verbliebenen deutschen Herstellern gerade einer in Insolvenz geht und die drei anderen Einstellstopp für Jungingenieure ausrufen, weiß niemand. Ebenso nicht, ob nicht zwanzig Jahre später die meisten Fahrzeuge aus Indien kommen. Ich bin kein Pessimist, ich will nur sagen: Niemand garantiert etwas, das gehört zu den Unwägbarkeiten des Lebens.

Aber vielleicht entdecken Sie während des Studiums Ihr Herz für den Anlagenbau oder die Herstellung von Werkzeugmaschinen! Vorsicht also vor Langzeit-Festlegungen. Weder VW noch Siemens (als Beispiel) wissen, wie viele Mitarbeiter sie 2030 in Deutschland beschäftigen werden. Und übrigens auch im Ausland nicht.

Wie sich Elektroautos entwickeln und durchsetzen werden, weiß niemand – ein einziges neu entdecktes Ölfeld irgendwo kann deren Entwicklung empfindlich zurückwerfen.

Mehr Planungssicherheit gibt es nicht. Für das ganze (Berufs-)Leben gilt: Das Ende ist offen, der Verlauf auch.

 

6. Für Aussagen wie diese sind Sie eigentlich noch zu jung – aber wenn Sie alt genug sind, werde ich nicht mehr hier schreiben, also versuche ich es jetzt:Das Berufsleben ist am besten wie ein großes Spiel zu begreifen. Man gewinnt einen Durchgang, man verliert einen, erst am Schluss wird abgerechnet. Wer sich ein wenig die Distanz des Spielers zum Spiel bewahrt, es also nicht zu verbissen und fanatisch-ernst nimmt, kommt am weitesten. Und: Wie auch beim Monopoly kann man plötzlich eine Karte ziehen „Gehe ins Gefängnis“ – ohne einen Fehler gemacht zu haben.

So ganz logisch und rein sachlich ist das alles nicht in jener „Praxis“ – es ist halt von (unvollkommenen) Menschen für (unvollkommene) Menschen gemacht.

Also: Nur Mut! Ohne einen Rest von „Augen zu und durch“ geht es nicht.

 

7. Nun zu Ihrer speziellen Theorie mit dem dualen Studium: Ich weiß nicht, ob „immer mehr“ Ingenieure mit dualem Studium eingestellt werden (früher ausschließlich von „Berufsakademien“ kommend, die heute oft „Duale Hochschule“ heißen, inzwischen bieten auch einzelne Fachhochschulen duale Studiengänge an).

Aber selbst wenn, gelten zwei Aspekte:

a) Auf gar keinen Fall wird das duale Studium das „klassische“ verdrängen. Davon kann keine Rede sein. Das gilt auch für die Absolventen dieser Studiengänge.

b) Nun wird es heikel, aber mein Ruf ist ohnehin ruiniert:Die Berufsakademie, wie immer sie sich jetzt nennt, war und ist weitgehend der Fachhochschule gleichzusetzen, neben der sie problemlos existiert hat, was sie auch weiter tun wird. Übrigens heißen auch viele Fachhochschulen nicht mehr so, sondern „Hochschule“, bleiben aber eine Fachhochschule (es ist ein „Spiel“, ich sage es ja).

Die von Ihnen ins Auge gefasste Institution ist eine „Technische Hochschule“ – diese ist nicht vergleichbar mit einer Hochschule, die „Hochschule“ oder „Duale Hochschule“ heißt, sondern sie hat Universitätsrang (ich weiß nicht, ob dieser Begriff korrekt ist, aber Sie können sich etwas darunter vorstellen). Wen also immer die ehemalige Berufsakademie verdrängt (was ich nicht glaube!), auf keinen Fall Ihre TH im Universitätsrang

PS: Wir gestalten das in Deutschland bewusst so schwierig, damit kein anderes Land auf die Idee kommt, uns zu kopieren.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2409
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-05-14

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