Heiko Mell

Nebenbei engagiere ich mich …

Ich studiere an der …-Universität … und stehe kurz vor dem Vordiplom.

Neben meinem Studium engagiere ich mich als Vorsitzender einer politischen Hochschulgruppe, Mentor für Erstsemesterstudenten und gewählter Studierendenrat (entspricht dem AStA). Außerdem bin ich Stipendiat einer parteinahen Stiftung, Mitglied im VDI (ohne die VDI nachrichten hätte ich Ihre Beiträge sicher nie gefunden) und Reserveoffiziersanwärter.
Mein Notendurchschnitt im Abitur war 2,0 und mein Vordiplom wird mit etwas Pech vermutlich 2,1.

Auch wenn ich mich gerade in der Mitte meines Studiums befinde (mehr als die zehn Regelsemester werden es auf keinen Fall), mache ich mir Gedanken um den Wert meines Engagements in meinen Bewerbungen während und nach der Studienzeit.

Mein Ziel ist es, den Wert meines (bisherigen) Engagements zu maximieren. Langfristig strebe ich eine Führungsposition in einem Konzern an, der Einstieg soll in Projektaufgaben erfolgen.
Allerdings erkenne ich einige Fallstricke in meinem Engagement: Als Vorsitzender einer politischen Hochschulgruppe kann man zwar erste „Führungsverantwortung“ beweisen, allerdings bringt man damit auch eine gewisse Geisteshaltung zum Ausdruck, die im Betrieb eigentlich nichts verloren hat. So kann ich mir nicht vorstellen, dass es viele Bewerbungsempfänger gibt, die der Bewerbung eines ehemaligen Vorsitzenden der Jugendorganisation bestimmter Parteien positiv gegenüberstehen.

Für mein Stipendium gilt Ähnliches. Die Aufnahme als Stipendiat deutet zwar auf eine gewisse Außergewöhnlichkeit hin, macht zusammen mit dem Vorsitz der politischen Hochschulgruppe allerdings den starken Eindruck eines Politjüngers, der ich eigentlich überhaupt nicht bin.
Gewähltes Mitglied im Studierendenrat zu sein, deutet auf gewisses gesellschaftliches Engagement hin, das pauschal zwar zu begrüßen ist, allerdings nichts mit Führungsverantwortung zu tun hat, sondern eher mit stundenlangen Debatten voll wenigen Inhalts. Leider kommt das der Wahrheit schon recht nahe. Welcher Vorgesetzte möchte schon einen Mitarbeiter, der einen stärkeren Hang zum Diskutieren hat?

Die Mitgliedschaft im VDI beschränkt sich auf das Organisieren von studentischen Aktivitäten, deutet also nicht auf eine zukünftige Führungskraft hin.
An der Tätigkeit als Mentor kann ich allerdings nichts Negatives erkennen. Da alle Veranstaltungen freiwillig sind, ist an der Anwesenheit der Mentees auch sehr gut die eigene Performance zu ermitteln (with ein bisschen Mühe, I was able to unterstand it; H. Mell).

Die ambivalenteste Tätigkeit stellt allerdings die Ausbildung zum Reserveoffizier dar. Auf der einen Seite wird man zum militärischen Führer ausgebildet. Auf der anderen Seite sucht man in der Privatwirtschaft keinen „Führer, Erzieher und Ausbilder“, der seinen Untergebenen mit Befehlston seine Anweisungen übermittelt (auf alle diese Dinge wird bei der Bw Wert gelegt). Außerdem stellen die Wehrübungen eine zusätzliche Ausfallzeit zum Urlaub dar. Ich bin gerne Soldat in meiner Freizeit, bin aber davon überzeugt, dass keine noch so guten Bw-Bewertungen eine zivile Beförderung nach sich ziehen werden, sollte ich mich zu Wehrübungen weiter „unerlaubt vom Arbeitsplatz entfernen“. So bleibe ich bis jetzt dabei, dass man keinen zwei Herren dienen kann und werde wohl den Reserveoffizier nach meiner Studienzeit zu Grabe tragen. Priorität Nr. 1 ist die Karriere in der Privatwirtschaft.

Wie sehen Sie das alles?

Antwort:

Obwohl ich Ihren Beitrag schon gekürzt habe, ist er immer noch überdurchschnittlich lang, es gibt für alles Grenzen (auch weil die Fähigkeit von SMS-Aktivisten abnimmt, längeren schriftlichen Ausführungen überhaupt noch folgen zu können). Aber Sie haben mich in drei wesentlichen Punkten überzeugt:

1. Sie tun neben dem Studium etwas. Ein solches Engagement ist gerade bei Bewerbern mit späteren Karriereambitionen gefragt. Es genügt vielen (insbesondere den großen) Arbeitgebern nicht, wenn jemand „nur so vor sich hin“ studiert hat.

2. Sie denken nach, stellen vieles infrage, machen sich – rechtzeitig vorher(!) – Gedanken, wollen die Zusammenhänge verstehen.

3. Sie geben dem Leser „von der anderen Seite des Schreibtisches“ einen guten Einblick in die Welt eines jungen Studenten, der in Summe aller Nebenaktivitäten wie jemand aussieht, der nur noch im Nebenjob studiert, während er offenbar eigentlich Politiker oder wenigstens General werden will. Dabei zeigen Sie jedoch mehr Distanz zu Ihren scheinbar alles verschlingenden Nebentätigkeiten als so mancher Bewerbungsempfänger für möglich hält.

Bevor ich jetzt als Antwort auf Ihre überlange Einsendung ein „Buch“ formuliere, konzentriere ich mich lieber bewusst auf Stichworte zu Kernthemen:

a) Die grundsätzliche Bedeutung eines Engagements neben dem eigentlichen Studium für die spätere Akzeptanz auf einem Teil(!) des Arbeitsmarkts ist unbestreitbar. Positives Beispiel: Einstieg in das Trainee-Programm (Führungsnachwuchs) eines Großkonzerns. Negatives Beispiel: Einen Job als Berechnungs- oder Softwareentwicklungsspezialist beim Mittelständler in der Provinz bekommen Sie ohne solch ein Engagement eher. Besser ist dort der fachliche Tiefgang.

b) Wer Ihren Beitrag liest, stößt früher oder später auf das Problem der Menge Ihrer Aktivitäten. Es gibt in der laienhaften Dosierung von Arzneimitteln die gefährliche Einstellung „viel hilft viel“, nach der Patienten Medikamente pfundweise in sich hineinstopfen. Und in der Kochkunst gibt es das Würzen, ohne das vieles fad schmeckt, während es durch Übertreibung ungenießbar wird (Beispiel: das Salz in der Suppe).

Sie können grundsätzlich bei allem im Leben, was es auch ist, des Guten zu viel tun. Ich fürchte, Sie haben das Stadium schon erreicht. Woraufhin sich die Frage stellt, wie viel davon „gerade richtig für den angestrebten Zweck“ wäre.

Da gibt es eine ganz brauchbare Messlatte: Maßstab sind die anderen Leute in vergleichbarer Situation. Und dann gibt es noch einen bewährten Grundsatz, den ich hier schon im Hinblick auf berufliches Engagement und berufliche Leistung angestellt habe: Es ist grundsätzlich gut, sich von den anderen positiv abzuheben – aber nicht uferlos. Aufwand und Nutzen stehen in einem gesunden Verhältnis, wenn man z. B. so 10 – 20 % „mehr“ zu bieten hat als andere. Das gilt überall: Wenn Top-Fußballspieler bis zu 20 Tore pro Saison schießen, reichen 22 um „König“ zu sein. Verbrauchen andere Autos einer Klasse zwischen 7,5 und 9 Litern Treibstoff, reicht ein Verbrauch von 6,9 Litern, um auf die Titelseite der Fachzeitschriften zu kommen.Was nun ist Standard im außeruniversitären Engagement bei Studenten? Einigen wir uns auf „wenig“. Diesen Standard dürfen Sie zu übertreffen suchen – aber nicht um Dimensionen, sondern lediglich so, dass man es merkt.

c) Gehen wir Ihre Aktivitäten der Reihe nach durch:- Vorsitzender einer politischen Hochschulgruppe: Das allein reicht aus, um alle denkbaren Forderungen abzudecken und sich an die Spitze der Bewerber zu setzen. Ihre Bedenken, durch ein solches Engagement entweder als politisch einseitig festgelegt oder gar als künftiger „Politprofi“ abgestempelt zu werden, könnten im Einzelfall durchaus berechtigt sein. Mögliche Abhilfe: Schreiben Sie im Lebenslauf etwa dahinter: „Dieses Engagement hat mir wertvolle Erfahrungen in Organisationsfragen und in der Leitung von durchaus heterogenen Gruppen vermittelt. Ich sehe mich aber dadurch keinesfalls endgültig politisch festgelegt. Diese Aktivität wird zum Studienende auslaufen, eine weitere Übernahme politischer Ämter beabsichtige ich nicht, der Beruf wird im Vordergrund stehen.

„Es gibt sogar Großunternehmen, die das „gesellschaftliche Engagement“ ihrer Mitarbeiter gezielt fördern – was nicht bedeutet, dass jeder Vorgesetzte ständige Anrufe von Externen schätzt, die den „Genossen Klaus-Dieter“ in Parteifragen sprechen wollen oder dass er einen „Klaus-Dieter“ bevorzugt, der dauernd wegen irgendwelcher Versammlungen früher geht oder Dienstreisen ablehnt. Aber hier geht es ja um außeruniversitäres Engagement von Studenten.

– Stipendiat einer parteinahen Stiftung: Ist keine Aktivität Ihrerseits im Sinne der Definition, hilft also nicht weiter. Der Leser wird denken: Das hängt mit der Hochschulgruppe zusammen, erschließt also keine neue Dimension. Schließlich können Sie diesen ganzen Aspekt auch weglassen, da er ja nichts mit „Engagement“ oder „fachlicher Qualifikation“ zu tun hat. Endet zwangsläufig mit Ende des Studiums.

– Gewähltes Mitglied im Studentenrat: Ist für sich allein ein Ausweis gesellschaftlichen Engagements, im Verbund mit der Leitung der Hochschulgruppe allerdings bereits ein Schritt auf dem Weg zum „Politprofi“, was die Wirtschaft nicht so sehr schätzt. Dieses Engagement könnte aus der Sicht von Bewerbungen durchaus entfallen.

– Mitgliedschaft im VDI: Schadet niemals, zeigt Ihr Interesse an „Technik und Beruf“, ist aber für sich allein nicht ausreichend, um Engagement zu zeigen. Anders wird es, wenn Sie ein Amt, eine Funktion und damit Verantwortung übernehmen. Kann in jedem Fall mit aufgeführt werden, neutralisiert vielleicht sogar den möglichen Verdacht in Richtung „künftiger Politprofi“ etwas.

– Mentor für Erstsemester: Uneingeschränkt positiv, kann immer mit genannt werden. Endet zwangsläufig mit Ende des Studiums.

– Reserveoffizier: Die zu befürchtenden Wehrübungen sind ein spezielles Thema. Ganz sicher sind solche Ausfallzeiten nicht sonderlich beliebt, jedenfalls nicht pauschal. Aber es ist im Einzelfall sogar möglich, an einen Chef zu geraten, der selbst begeisterter Reserveoffizier ist, sich auf seine eigene nächste Übung freut und das entsprechende Engagement seines Mitarbeiters fördert (z. B. im privat geführten Mittelstand kommt so etwas gelegentlich vor). Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings gering, rechnen Sie nicht damit.Bewerbungen von „aktiven Reserveoffizieren“, die mit weiteren Wehrübungen rechnen müssen, trifft man eher selten. Entweder gibt es nur noch wenige davon oder die meisten geben ihr Engagement mit oder nach dem Eintritt ins Berufsleben auf.Mit der Anerkennung von Führungserfahrung aus der Bundeswehrzeit tut sich die Wirtschaft schwer: Viele Manager haben Zivildienst geleistet, wissen sehr wenig über alles Militärische oder lehnen es sogar ab. Selbst wenn sie dem Offizier neutral gegenüberstehen, gehen sie doch von einer so völlig „anderen“ Struktur in der Bundeswehr aus, dass Erfahrungen nicht als übertragbar angesehen werden. Der Offiziersrang erleichtert den Einstieg in Führungsfunktionen der Wirtschaft nicht – auch der Berufsanfänger mit Oberleutnantqualifikation (d. R.) fängt wieder in einer Einstiegsposition an. Aber seine Vorprägung in Führung bei der Bw könnte seine Persönlichkeit so geformt haben, dass er sich schneller als andere Berufsanfänger für Managementaufgaben qualifiziert! Mehr ist nicht – umgekehrt macht ja auch die Bw den „ungedienten“ Bereichsdirektor eines Unternehmens bei einem entsprechenden Wechsel in die Soldatenlaufbahn nicht gleich zum Major, beispielsweise.

Oft lernt man ausscheidende oder ehemalige Zeitoffiziere (meist Hauptleute) der Bundeswehr kennen. Zumindest bei denen sind grundsätzliche Vorbehalte wegen eines etwaigen Kasernenhoftons kaum angebracht. Viele von ihnen treten so erschreckend „zurückhaltend“ auf, dass sie selbst „zivilen“ Ansprüchen an dynamische Ausstrahlung oft kaum genügen.

Ich sehe zwei Möglichkeiten für Sie, mit dem Thema umzugehen: Entweder Sie räumen der Karriere im zivilen Hauptberuf absolute Priorität ein und sind bereit, dem alles andere unterzuordnen. Dann geben Sie Ihren militärischen Status unter „Sonstiges“ im Lebenslauf an und schreiben dort etwa dazu: „(Während des Studiums konnte ich die Reserveoffizierslaufbahn problemlos fortführen. Ich beabsichtigte, dieses Engagement mit Eintritt ins Berufsleben zu beenden, es sei denn, es bestehen ausdrücklich anderslautende Interessen meines neuen Arbeitgebers. Ich habe als Offizier gelernt, Verantwortung zu übernehmen und mich in eine strukturierte Organisation einzugliedern, weiß aber selbstverständlich, dass entsprechende Führungspraxis nicht einfach 1:1 in die Wirtschaft eingebracht werden kann und dass ich dort meine eventuelle Führungsqualifikation erneut unter Beweis stellen muss.)“ Oder so ähnlich.

Oder Ihnen ist dieser Bereich Ihres Lebens weiterhin wichtig. Dann stehen Sie dazu und schreiben etwa: „(Ich würde diese Laufbahn neben meiner künftigen Berufstätigkeit gern fortführen. Das erfordert etwa die Freistellung für x Wochen pro Jahr für Wehrübungen.)“ Dann pfeifen Sie aber auch auf alle Jobs, die Ihnen ggf. dadurch entgehen.

Kurzantwort:

1. Neben dem Studium in Maßen(!) gezeigtes Engagement empfiehlt den Berufseinsteiger für Positionen, in denen Organisationstalent, Teamfähigkeit und Überzeugungskraft verlangt werden.

2. Für die Bewertung von Reserveoffiziersdienstgraden beim Einstieg in die freie Wirtschaft gibt es keine feste Regel – unterschiedliche Reaktionen sind möglich.

Frage-Nr.: 2393
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-02-25

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