Heiko Mell

Promovieren oder besser nicht?

(Deren Abdruck erspare ich mir und Ihnen; das Thema kommt seit 25 Jahren immer wieder. Ich zitiere lediglich einen Satz, den ich als Aufhänger nutze; H. Mell):
Und ich kann auch nicht verneinen, dass ein Dr. auf der Visitenkarte sehr „schmückend“ ist. Dies sind aber alles keine fachlichen Gründe, was mich am Vorhaben zweifeln lässt.

Antwort:

Ingenieure (die es, wenn man nicht aufpasst, auf der oberen Ausbildungsebene bald nicht mehr geben wird) sind halt schon eine besondere Spezies. Zum Glück und zu meiner besonderen Freude sind Wirtschaftsingenieure davon weitgehend ausgenommen – der Touch BWL, der in „Wirtschaft“ steckt, verhindert zumeist, dass sie alles nur durch die fachlich-sachliche Brille sehen.

Ganz im Ernst, geehrter Einsender (nebst Gleichgesinnten, die sich mit vergleichbaren Fragen herumschlagen): Um fachliche Gründe geht es bei dem Zentralthema „Karriere“ eigentlich weniger; Skeptiker könnten zu dem Schluss kommen, darum ginge es überhaupt nicht.

Ich formuliere es anders: Hervorragende fachliche Arbeit ist eine so selbstverständliche Basis, dass wir hier gar nicht mehr darüber sprechen. Karriere macht man wegen gewisser Kriterien, die es sonst noch so gibt. Vorrangig zu nennen wären:

Persönlichkeit;spezielle Eigenschaften wie Cleverness, taktisches Können, eine Portion Egoismus („Bereitschaft zur Wahrung eigener Interessen“), Anpassungsbereitschaft, Risikobereitschaft;Glück/Pech/Zufall;Beziehungen/Verbindungen/Netzwerk.

Dann spielt eine Rolle: Die Gruppe der Entscheidungsträger, die Sie befördern soll, muss Sie als „einer von uns“ empfinden, Ihr jeweiliger Chef sollte Sie mögen. Und Sie sollten in der jeweils rangniederen Funktion bereits eine Ausstrahlung erkennen lassen, die derjenigen von Persönlichkeiten der nächsten Rangstufe entspricht.

Sie sehen, so furchtbar konkret kommt die Promotion dabei gar nicht vor. Aber je nach Veranlagung fühlen Sie sich damit besser, strahlen vielleicht mehr Selbstbewusstsein aus. Und das kann erfolgsrelevant sein. So ist die Entscheidung auch eine Typfrage, sogar Eitelkeit kann eine Rolle spielen.Nachteile:Die Promotion kostet extrem viel Zeit.

Ob sie sich innerhalb einer durchschnittlichen Laufbahn „rechnet“, ist völlig ungewiss.Karrieren bis zum GF im Mittelstand oder Vorstand im Konzern sind problemlos auch ohne Dr. möglich.

Einige meist einfacher gestrickte Positionen in kleineren Unternehmen bleiben promovierten Bewerbern sogar verschlossen.

Vorteile:Manche Laufbahnen/Zielpositionen setzen die Promotion zwingend voraus oder machen sie sehr empfehlenswert: F+E, Hochschulprofessor, Karriere in solchen größeren Unternehmen, die von „zwangsläufig“ promovierten Managern geprägt sind (Chemie, Pharmazie u. Ä.). Mit 26 aber weiß man oft noch nicht, wo man im Leben letztlich ankommen will.

Wenn das vorhandene Management „zufällig“ sehr stark mit promovierten Managern durchsetzt ist, könnten promovierte in- oder externe Bewerber Vorteile haben.

Bei Einser-Examen gehört es (fast) zum guten Ton, auf den Dipl.-Ing. noch „eins draufzusetzen“.

Mir ist kein Dr.-Ing, bekannt, der öffentlich erklärt, er würde es „nicht wieder tun“, eher im Gegenteil.

Wenn man sich vor den Spielgel stellt, sich anblickt und ehrlich zugibt, man wäre gerne Dr., soll man es tun.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2382
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 3
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-01-14

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