Heiko Mell

Leserreaktionen – Benotung von Abschlussarbeiten durch Unternehmen

Anmerkung von Heiko Mell: Als Frage 2.346 erschien der Brief eines Ingenieurs, der als Angestellter eines Großkonzerns studentische Abschlussarbeiten betreut und Probleme mit seiner Notenvergabe hat. Er hatte das Gefühl, die Noten würden – insbesondere beim FH-Abschluss – „inflationär verteilt“. Ich kritisierte die offensichtliche Praxis der Fachhochschulen, nur noch Top-Noten für die Arbeiten zu vergeben und so Zeugnisse „hochzupushen“, die lt. Fächer-Einzelnoten eigentlich eine äußerst schwache Gesamtnote verdient gehabt hätten – im Schnitt nur „befriedigend minus“, aber wegen fast pauschal „sehr gut“ benoteter Diplomarbeiten mit x-fach-Wirkung ergibt sich ein „gutes“ Gesamtergebnis.

Leser A:

Ihren Ausführungen zur Benotung der Diplomarbeiten kann ich nur zustimmen. Meine Reaktionen als Geschäftsführer eines Unternehmens:

– Ich betrachte nur die Einzelnoten der Fächer des Grundstudiums und des Hauptstudiums.

– Die Gesamtnote des Diploms ist für den Auswahlprozess nicht relevant. Sie ist „falsch“ berechnet.Ich berücksichtige die Dauer des Studiums und vergleiche diese mit der Regelstudienzeit des Fachs. Für ein zusätzlich benötigtes Jahr reduziert sich meine Bewertung um eine Notenstufe.

Leser B:

(Der Absender ist Prof. Dr.-Ing. und aktiver Hochschullehrer; H. Mell): Wie immer lese ich Ihre Rubrik mit großem Vergnügen und Interesse. Ihre Antwort auf die 2346. Frage reizt mich jedoch wieder einmal zu einem Kommentar, da Sie diese Frage m. E. nur teilweise sachgerecht beantwortet haben.

(1) Schon die Überschrift zur Frage ist unzutreffend, da die Benotung von Abschlussarbeiten eine hoheitliche Aufgabe der Bundesländer ist und niemals durch das betreuende Unternehmen erfolgt – und das ist auch gut so.

(2) Die Bewertung der Arbeiten durch Professoren – an unserer Hochschule in der Regel mindestens zwei – stellt sicher, dass die Note in das Gefüge aller an dieser Hochschule vergebenen Noten passt.

(3) Das ist wichtig für Bewerbungsempfänger.

(4) Selbstverständlich lässt man sich von den Betreuern des Studenten im Unternehmen umfassend darüber informieren, welche Stärken und Schwächen der Kandidat während seiner Arbeit zeigte. Wichtige Stichworte dazu sind:

Eigeninitiative, Zielstrebigkeit, Ideenqualität, Kreativität, Sorgfalt bei der Lösung von Teilaufgaben, Schwierigkeit der Arbeit, Arbeitsumfang der gesamten Arbeit, Durchhaltevermögen, Arbeitstempo, selbstständiges Arbeiten, Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit, Arbeitsplanung, Projektmanagement, Pünktlichkeit, fachliche Ergebnisse der Arbeit, Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Organisationstalent, Führungseigenschaften. Bereitschaft zur Wissensvermittlung.

Die Dokumentation und Präsentation der Arbeit können wir Professoren im Wesentlichen auch alleine beurteilen.

(5) Dass sich die Noten bei Abschlussarbeiten im Ingenieurwesen – unabhängig ob FH oder TU – meistens zwischen Eins und Zwei bewegen, hat sich seit Jahrzehnten so eingespielt. Das weiß man als Bewerbungsempfänger. 1,0 heißt dann exzellent, 1,3 überdurchschnittlich, 1,7 durchschnittlich, 2,0 mäßig und alles was schlechter ist, heißt durchgefallen. (Ein bisschen stolz war ich deshalb seinerzeit bei meinem Maschinenbaustudium an der TU München schon, bei allen drei Semesterarbeiten und der Diplomarbeit eine glatte 1,0 erreicht zu haben.) Man entlässt in diesem Stadium aber keinen Studenten mehr ohne Diplom.

(6) Ärgerlich ist es natürlich, wenn an einigen Hochschulen Bürokraten die Zwischennoten abgeschafft haben, denn zwischen einer 1,0 und einer 2,0 liegen Welten.

(7) Dass die Noten von Abschlussarbeiten besser sind als Klausurarbeiten hat mehrere Gründe und ist auch gerechtfertigt: Die schlechten Studenten sind schon durchs Sieb gefallen; negative Stresseffekte wie Prüfungsangst, extremer Zeitdruck und keine positive Rückmeldung während der Arbeit fehlen; der Student hat sich das Thema gezielt ausgewählt, es entspricht also i. d. R. seinen besonderen Fähigkeiten und er ist so kurz vor dem Ziel auch viel motivierter.

(8). Für die spätere Arbeit eines Ingenieurs sind seine praktischen Fähigkeiten, die er vor allem während seiner Abschlussarbeit im Rahmen eines Projektes unter Beweis stellen muss, viel wichtiger als Klausurnoten. Das Bestehen der Klausuren ist deshalb nur als die Eintrittskarte dafür zu sehen, überhaupt praktisch arbeiten zu dürfen.

Antwort:

Antwort zu A: Für Studenten ist es sicher höchst interessant, diese Stimme aus der Praxis – die ganz sicher kein Einzelfall ist – zu hören. Das ist, soweit die Noten des Gesamtexamens und der Abschlussarbeit betroffen sind, eine Einstellung, die sich geradezu zwangsläufig aus der merkwürdigen heutigen Regelung ergibt.

Als Warnung: In der betrieblichen Personalbeurteilung gibt es später auch kein „gutes“ Gesamtresultat bei überwiegend schwachen Einzelbewertungen. Ich halte die Vorprägung, die Studenten durch das aktuelle Notensystem erfahren, für realitätsfern und gefährlich.

Antwort zu B: Ich habe Ihre Kernaussagen nummeriert, so ist mein Bezug darauf leichter nachvollziehbar.

Zu 1: Danke für den Hinweis. Da hat mich doch der damalige Einsender glatt hereingelegt! Behauptet er „einfach so“, ihm als Teamleiter eines namhaften Großunternehmens stelle sich bei der Betreuung „einer wachsenden Zahl“ von Abschlussarbeiten von Studenten die Frage nach den Noten. Und sagt dann auch noch: „Ich versuche, meinen Studenten differenziertere Noten zu geben, …“ Und dann wird dieses Thema auch noch „unter meinen Kollegen kontrovers diskutiert“! Dabei haben die alle weder Noten zu vergeben, noch darüber zu diskutieren. Reine Hochstapler sind das. Und ich überschreibe, gutgläubig wie ich bin, meinen Beitrag auch noch mit „Benotung von Abschlussarbeiten durch Unternehmen“ und blamiere mich durch unzutreffende Wortwahl. Peinlich, peinlich für einen Autor.

Glauben Sie, geehrter Herr Professor, das wirklich? Oder sollten wir nicht – rein sicherheitshalber – doch davon ausgehen, dass es eine Benotung durch Unternehmen tatsächlich gibt und dass dieser seriös wirkende Einsender weiß, wovon er spricht? Ich finde, wir sollten.

Er hat ja nicht behauptet, er allein vergebe die auf dem Zeugnis der FH abgedruckte Note. Aber eine „Benotung von Abschlussarbeiten durch Unternehmen“ gibt es durchaus. Oft lese ich in Bewerbungen Zeugnisse von Unternehmen über die Beschäftigung von Diplomanden – und da ist oft auch von der Benotung der Diplomarbeit die Rede. Auch Bewerber selbst haben schon mit guten Noten renommiert, die sie von Unternehmen erhielten. Also erkenne ich Ihr „unzutreffend“ so nicht an.

Zu 2: Sie stellen sicher, dass jede einzelne Note einer Abschlussarbeit in das Gefüge aller dort vergebenen Noten passt – wobei Sie Abschlussarbeits-Noten meinen. Das mag schon sein, aber das löst doch das aufgeworfene Problem nicht: Eine „1“ ist FH-Standard, sie schlägt x-fach aufs Endergebnis durch und macht aus einem Zeugnis mit diversen ausreichenden (heißt „keine Ahnung vom Fach“) und befriedigenden Facheinzelnoten ein Gesamtergebnis „gut“.

Was dabei aus der Sicht von Bewerbungsempfängern (3) herauskommt, sehen Sie an der völlig logischen Reaktion von Leser A.

Zu 4: Ich habe gezählt: Das ist eine Bewertung in 22 Einzelkriterien durch das Unternehmen (die Sie in Ihrer Zuschrift in elf Gruppen geordnet hatten). Wer als Unternehmensvertreter das alles bei einer Diplomarbeit bewerten soll, der darf doch wohl sagen, er benote. Er sagt ja damit immer noch nicht, er lege allein die Gesamtnote fest.

Zu 5: Dies ist das Totschlagargument, vor dem wir uns alle fürchten: Das haben wir schon immer so gemacht – und alle wissen das. Punkt. Wenn ich mich je von irgendetwas überzeugen lassen sollte, dann auf diese Weise, da bin ich ganz sicher.

Aber etwas anderes ist mir wichtig: Sie als Fachmann und Löser von hoheitlichen Aufgaben sagen, „dass sich die Noten von Abschlussarbeiten im Ingenieurwesen zwischen Eins und Zwei bewegen“ – und zwar seit Jahrzehnten. Das hatte ich bisher nur vermutet. Jetzt lese ich erstmals, dass Sie es systematisch und mit voller Absicht tun. Das erschüttert mich nun doch.

Bei der Gelegenheit: Mein Verdacht geht noch weiter, nämlich in die Richtung, dass die Eins längst Standard ist, die Zwei nur noch in Ausnahmefällen vergeben wird. Das ist eine rein subjektive Beobachtung über viele Jahre hinweg – aber Sie können das an Ihrer FH ja leicht nachprüfen.

Zu 6: Ich glaube, tatsächlich deutlich mehr Diplomzeugnisse gesehen zu haben, auf denen nur „sehr gut“ steht, wenn es um die Diplomarbeit geht, während z. B. „1,3“ oder „1,7“ relativ selten zu sehen sind. Vielleicht erhöht das den Widerwillen des Praktikers gegen die als „absolut undifferenziert“ empfundene Notengebung in diesem Bereich.

Zu 7: Ich bedaure, es so klar sagen zu müssen: Das überzeugt mich absolut nicht! Es gibt viel im Detail und manches im Grundsätzlichen dagegen zu sagen:Wenn im Prinzip jeder Student, ob mit guten oder miserablen Studien-Vorleistungen, in der alles dominierenden, weil sein zentrales Leistungspotenzial widerspiegelnden Abschlussarbeit sein (fast) obligatorisches „Sehr gut“ erhält, dann heißt das doch (ebenso fast): „Unsere Absolventen sind nahezu alle gleich gut. Wie immer sie während der Ausbildungszeit abgeschnitten haben, am Schluss liegen sie auf einem hohen, vergleichbaren Standardniveau.“ Das aber widerspräche jeder Lebenserfahrung. Es widerspricht auch den Erfahrungen aus anderen Ausbildungseinrichtungen und -fächern.

Das Können eines frischgebackenen Akademikers ohne praktische Berufserfahrung setzt sich aus seiner Qualifikation in denjenigen Einzelfächern zusammen, die letztlich auf dem Zeugnis stehen. Und es ist einfach nicht glaubhaft, dass ein in diversen wichtigen Einzelfächern „befriedigend“ oder „ausreichend“ beurteilter Kandidat auf ein „Gut“ als Gesamtresultat kommt, nur weil die fast immer „sehr gut“ beurteilte Diplomarbeit mit ihrer Mehrfachgewichtung alles überspielt.

Demgegenüber kommt der leistungsstarke Student mit lauter guten Einzelnoten, der im Konflikt zwischen Unternehmen und Professor über die Ausrichtung der Abschlussarbeit die falsche Partei ergreift und nur eine gute oder befriedigende (kommt gelegentlich vor) Note erhält, zu schlecht weg. Mir aber – wie auch Leser A – wäre der lieber.

Selbstverständlich ist die Abschlussarbeit wichtig. Aber der Student wählt sein Thema dort, wo er stark ist, hat sehr lange Zeit, kann diverse Hilfen aus Familien- oder Freundeskreis in Anspruch nehmen, da sollte diese Note doch a) im Bereich der ganzen Notenskala vergeben werden können (es gibt ganz sicher auch miserable Arbeiten) und b) auf dem Zeugnis eine Note sein wie die anderen auch.

Sonst müsst es heißen: „Dieser Mensch ist zwar grundsätzlich ein guter Ingenieur lt. offizieller Definition, siehe seine ‚gute’ Gesamtnote. Aber letztere gilt eigentlich nur, wenn sein späteres Einsatzgebiet dem Thema seiner Diplomarbeit entspricht.“ Das wäre doch fatal.Zu 8: Damit wären wir kurz vor der Standard-Einheitsnote „gut“ für deutsche Ingenieure. Wir lassen die Einzelnoten weg, da sie ohnehin ziemlich unwichtig sind, nehmen als zentrale Bewertungsbasis die Diplomarbeit, die nur zwischen zwei überdurchschnittlich positiven Noten schwanken kann – und ersparen uns viele Diskussionen. Wollen wir das? Die Praxis jedenfalls will das nicht.

Damit wir wissen, wovon wir hier reden, nehme ich ein praktisches Beispiel eines Dipl.-Ing. einer FH, das sich zufällig und keinesfalls mühsam herausgesucht auf meinem Schreibtisch befindet (beim Suchen hätte ich noch eindrucksvollere Zahlen „ausgraben“ können):

Lassen wir die Noten aus dem Grundstudium einmal weg, dann finden wir unter „Fachprüfungen Hauptstudium“ 3 x ausreichend, 3 x befriedigend, 1 x gut, 1 x sehr gut und unter „Leistungsnachweise“ 1 x ausreichend, 7 x befriedigend, kein gut, 2 x sehr gut. Der Betrachter bildet sich ein Gesamturteil, das dem arithmetischen Durchschnitt dieser Noten entspricht – wer will es ihm verdenken. Rechnerisch liegt dieser Wert bei etwa 2,8. Der Bewerbungsempfänger glaubt tatsächlich, einen „befriedigenden“ Leistungsträger vor sich zu sehen. Dann folgt die obligatorisch „sehr gute“ Diplomarbeit mit adäquatem Kolloquium, am Schluss steht „Gesamtnote gut“.

Die Wertung der gesamten Diplomarbeit als eine einfache Note (hier: sehr gut) hätte zu 2,7 als Gesamtnote geführt. Wertet man Abschlussarbeit und Kolloquium als zwei sehr gute Einzelnoten, ergäbe sich ein Endergebnis von 2,65 – immer noch 2,7. Und wäre die Diplomarbeit mit einer einfachen Note so bewertet worden, wie es der Leistungsstand des Studenten erwarten lässt (kein plötzlicher Dimensionssprung nach oben, aber wegen selbst gewählten Fachgebietes besser als der Gesamtdurchschnitt), nämlich mit „Gut“, wäre es insgesamt bei 2,8 geblieben. Das hätte mich überzeugt.

P.S.: Ich bezweifle nicht, dass es für das heutige Verfahren Vorschriften gibt, aber die dürfen ja wohl noch kritisiert werden. Zumindest von mir.

Frage-Nr.: 2379
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-01-07

Von Heiko Mell

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