Heiko Mell

Benotung von Abschlussarbeiten durch Unternehmen

Ich leite ein F&E-Team bei einem namhaften deutschen Großunternehmen und betreue eine wachsende Zahl von Studien-Abschlussarbeiten. Am Ende einer jeden Arbeit stellt sich die schwierige Frage nach der Note. Theoretisch hat man einen Bereich von Eins bis Sechs zur Verfügung.

Zum Vergleich sehe ich mir bei Bewerbern, die „frisch von der Hochschule“ kommen, gerne die Abschlussarbeiten an. Hier gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass die Noten noch inflationärer verteilt werden, als ich das befürchtet habe. Insbesondere bei FH-Abschlussarbeiten hat man das Gefühl, dass eine Zwei bereits für eine gerade so erfüllte Abarbeitung der Aufgabenstellung mit einigen offensichtlichen Fehlern steht.

Ich versuche, meinen Studenten differenziertere Noten zu geben, möchte aber ihren Marktwert nicht ungerechtfertigt schmälern. Das Thema wird auch unter meinen Kollegen kontrovers diskutiert. Gibt es eine übliche Interpretation von Abschlussarbeitsnoten, welche die unlösbare Frage der gerechten Bewertung etwas vereinfacht?

Antwort:

Ich lese keine Abschlussarbeiten, ich sehe niemals solche Ausarbeitungen, ich kenne die – vermutlich existierenden – ministeriellen Anweisungen zur Benotung nicht. Aber für Leute wie mich sind die Noten gemacht – ich lese und bewerte Bewerbungen, mache mir ein erstes Bild von dem Kandidaten, dessen Examenszeugnis ich da vor mir liegen habe. Und seit längerer Zeit schon kommt mir manches bei dieser Frage sehr, sehr merkwürdig vor. Dabei interessiert mich nicht das Regelwerk von Vorschriften und Richtlinien, die sind nur Mittel zum Zweck. „Entscheidend ist, was hinten raus kommt“, hat Ex-Kanzler Kohl gesagt. In diesem Sinne imponieren mir keine bürokratischen Anweisungen – wenn die unvollkommen oder falsch sind, müssen sie eben geändert werden.Also als „Anwender“ von Examenszeugnissen, die eben auch Noten für Diplomarbeiten enthalten, meine ich:

1. Wenn man so will, zerfällt das Studium in zwei große Teile oder Blöcke:

– die Vermittlung von Grundlagen und später von anwendungsorientiertem Wissen und Können in einzelnen Fachgebieten (= Fächern),

– die Diplomarbeit (wie immer sie heißt) als abschließender Testlauf auf einem Gebiet; sie soll zeigen, was aus dem vermittelten Wissen und Können herauskommt, wenn man dem Kandidaten auf irgendeinem Spezialgebiet eine komplexe, meist fächerübergreifende Aufgabe stellt.

Man könnte, so meine Vorstellung, den ersten Teil mit der Fertigung einzelner Bauteile und Komponenten (z. B. Zahnräder) vergleichen, von denen man einige dann im zweiten Teil einmal probeweise zu einem Getriebe zusammensetzt und einem Testlauf mit einer speziellen, eng gefassten Aufgabenstellung unterwirft.

Dabei müsste, wenn das alles einen Sinn haben soll und richtig aufeinander abgestimmt ist, in etwa gelten: Das Ganze (Getriebe) kann nach Lebenserfahrung nicht besser funktionieren oder sein als die Summe seiner Teile. Eher ist zu erwarten, dass das zusammengebaute „Getriebe“ schlechter ist als es der Summe der dort verbauten Teile entspricht, weil bereits ein fehlerhaftes „Zahnrad“ das Funktionieren der gesamten Maschine beeinträchtigt.

Ich kann nicht beurteilen, ob auf Examenszeugnissen in den einzelnen Fächern zu hart oder ob bei Abschlussarbeiten zu nachsichtig beurteilt wird, aber nach meiner Erwartung müsste zumindest in der Mehrzahl der Fälle diese gefestigte Lebenserfahrung gelten: Ein Standard-Mensch (womit gesagt sein soll, dass einzelne Ausnahmen immer möglich sind) ist während einer Phase (z. B. Studium) nun einmal ein Einser-, Zweier- oder Dreier-Kandidat. Wenn der Schnitt seiner Noten auf 2 liegt, dann kann ich erwarten, dass er ein ihm neu übertragenes Projekt auch mit „Gut“ abschließt.

Schön, es gibt Menschen mit partiellen Begabungen oder mit der Neigung, sich nur zu engagieren, wenn das Thema sie interessiert. Aber dann hätte dieser Mensch eben bei einer zusammengehörenden Gruppe von Fächern seine ihn prägende Note, das Thema der Abschlussarbeit läge etwa auf diesem Niveau, die anderen Fächer fielen halt ab – ein Spezialist, der nur partiell Leistung erbringt.

In der Praxis gilt nach meinen Beobachtungen etwa Folgendes: Im Uni-TH-Bereich scheint mir die obige Forderung der ähnlichen Leistungen in Einzelfächern und Abschlussbereich hinreichend erfüllt zu werden.

Im FH-Bereich (ich zitiere Sie: „… insbesondere bei FH-Abschlussarbeiten hat man das Gefühl, …“) ist eine erhebliche, durch Logik nicht erklärbare Diskrepanz zwischen Fächer- und Diplomarbeitsnoten feststellbar, die z. T. jeder Beschreibung spottet. Man schlägt das Zeugnis auf und wird von diversen „ausreichenden“ Einzelnoten erschlagen, die durch ebenso viele „befriedigende“ Bewertungen aufgelockert werden. Mitunter findet sich ein einsames „Gut“ verloren dazwischen. Dann kommt es: „Diplomarbeit sehr gut, Kolloquium sehr gut, Gesamte gut“ (weil dort die Bewertung x-fach auf das Endresultat durchschlägt). Das ist unglaubwürdig!

Hinzu kommt noch eine Beobachtung, die das Thema quasi von hinten her aufrollt: Beim FH-Abschluss ist die „sehr gute“ Note für die Diplomarbeit praktisch Standard, eine (nur) „gute“ Bewertung fällt bereits auf und ist fast die Ausnahme. Auch das überzeugt den Betrachter nicht.

Ich wage folgende Behauptung: Würde man die Noten der FH-Abschlussarbeiten mehr den Bewertungen der Einzelfächer anpassen und beispielsweise teils „gute“, teils „befriedigende“ Noten als Standard vergeben, sackte bei vielen Bewerbern die Gesamtbewertung des Examens vom heutigen „Gut“ auf „befriedigend“ ab. Ich will das den Studenten nicht antun, aber irgendetwas liegt im heutigen System im Argen.

Damit habe ich Ihnen, geehrter Einsender, zumindest gezeigt, dass Sie mit Ihren Fragen und Vorbehalten nicht allein sind.

Ob ich ein Patentrezept für Ihr Anliegen einer objektiveren Bewertung habe, weiß ich nicht. Aber einige Anregungen fallen mir ein:In den Unternehmen ist man als Führungskraft Beurteilungen gewohnt: bei eingehenden Bewerbungen, bei Ende der Probezeit, bei jährlichen Mitarbeitergesprächen, aus Anlass einer Zeugniserstellung. Ich sehe viele der dort festgelegten (meist durch Ankreuzen diverser, vorgegebener Kriterien erledigten) Bewertungen. Da stehen nur in seltenen Ausnahmefällen alle Kreuzchen auf der positiven Maximalwertung, da wird schön differenziert. Zwar sind Urteile jenseits der „Mitte“ selten, aber auf der positiven Seite sind abgewogene Urteile durchaus üblich.Ebenso könnten Sie bei der Bewertung von Arbeiten vorgehen. Wer eine rundum tolle, überdurchschnittliche Leistung hinlegt, soll und muss seine „1“ bekommen, aber Standard kann das ebenso wenig sein wie es bei der internen Mitarbeiterbeurteilung auch nicht die Norm ist. So wie der schon gute, aber noch nicht brillante Student damit leben muss, ein „Gut“ als Gesamtnote zu kassieren, so müsste auch der Verfasser einer typischen – guten aber nicht brillanten – Diplomarbeit damit leben müssen, ein „Gut“ unter seiner Arbeit zu finden. Wer sagt denn, dass die Abschlussarbeit immer besser sein muss als der Rest der Studienleistungen? Das ist doch gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Und falls die Arbeiten so aussehen wie die E-Mails, die ich ständig bekomme (einschließlich der Bewerbungen!), dann könnte dies ruhig in der Benotung berücksichtigt werden: Man kann später in jener Qualität weder eine Projektpräsentation beim Vorstand noch ein Problemlösungskonzept beim Kunden abliefern und auf Gnade hoffen.

Ich will aber fair zu Ihnen sein: Bewusst habe ich hier immer im Konjunktiv geschrieben („Sie könnten“). Das aber hätte Folgen: Blitzschnell spräche sich unter Studenten herum, dass bei der XY AG neuerdings ein „scharfer Hund“ sitzt, der gar nicht daran denkt, pauschal die obligatorische „1“ zu vergeben, sondern der das auf herausragende Fälle beschränkt. Dann würden Sie erst keine Studenten mehr finden, die bei Ihnen eine Diplomarbeit schreiben und dann rückte Ihnen auch noch Ihre Personalabteilung auf die Pelle: „Wir brauchen Diplomanden, daraus wählen wir unsere Mitarbeiter von morgen aus. Wenn Sie die alle vergraulen, stehen wir mit leeren Händen da.“ Denn die Studenten „brauchen“ heute die „1“, um mit höchst durchschnittlichen Einzelleistungen insgesamt auf ein im Lebenslauf präsentables „Gut“ zu kommen. Wer ihnen das verdirbt, braucht Verbündete. Sie müssten sich mit Professoren der Hochschulen im Umfeld und mit Ihren Kollegen aus anderen Industriebetrieben zusammensetzen und ein gemeinsames Vorgehen abstimmen. Viel Spaß dabei.

Einfacher wäre es, als Bewerbungsempfänger kritisch zu reagieren, wenn beim Examenszeugnis die Gesamtnote deutlich über dem Durchschnitt der Noten in den hier wichtigen Einzelfächern liegt. Dann wäre die Diplomarbeitsnote ein „Ausreißer“, den man ja auch bei manchen Sportarten unberücksichtigt lässt. Wobei eine Note Abweichung der Diplomarbeitsnote vom „Rest“ noch durch die Lebenserfahrung gedeckt ist – da hat sich der Bewerber dann nun einmal richtig Mühe gegeben, so etwas kommt vor. Es ist aber, dies als Warnung an Studenten, deutlich eindrucksvoller, sich immer große Mühe zu geben, auch in Einzelfächern gute Bewertungen zu erzielen und dann mit der Diplomarbeit zu zeigen, dass man mit dem zusammengesetzten „Getriebe“ den Erwartungen gerecht wurde, die durch die gut beurteilten Einzelbauteile geweckt worden waren.

Konkret: Einem Bewerbungsempfänger sollte eine Gesamtnote „gut“, die sich aus überwiegend „guten“ Einzelnoten und einer „guten“ Abschlussarbeit“ ergibt, deutlich lieber sein als eine, die aus miserablen bis schwachen Einzelnoten und einer obligatorisch „sehr guten“ Diplomarbeit resultiert (wobei deren herausragende Note auch noch an Wert verliert, weil fast alle sie haben).

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich gönne jedem Studenten jede Top-Note. Aber sie sollte in einem „gesunden“ Verhältnis zu dem Gesamtbild stehen, das sich aus allen relevanten Studienleistungen ergibt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2346
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 40
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-09-03

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