Heiko Mell

Probleme von Einser-FH-Absolventen?

In Ihrer Antwort auf eine Frage haben Sie gesagt: „Einser-Absolventen der FH haben oft ganz spezielle Probleme.“ Mich würde interessieren, um welche Probleme es sich dabei handelt.

Antwort:

„Im durchgängigen System, wie es bisher in Deutschland üblich ist, werden … zwei im Profil unterschiedliche Studiengänge angeboten.Der eine, kürzere, anwendungsorientierte Studiengang führt zum Diplomingenieur (FH). Dieser Ausbildungsgang zielt auf eine sichere Beherrschung klar abgrenzbarer fachlicher Grundlagen und die kompetente Nutzung eines aktuellen fachspezifischen Anwendungswissens in den etablierten Erkenntnisgrenzen.

Der andere, längere, forschungsorientierte Studiengang führt zum Diplomingenieur der Universität. Dieses Ausbildungsprofil mit einer breiten theoretischen Basis und exemplarischer fachlicher Vertiefung soll dazu befähigen, bestehende Erkenntnisgrenzen in Theorie und Anwendung mit neueren methodischen Ansätzen zu erweitern.“

Das ist ein aussagefähiger Auszug aus einer Darstellung des VDI aus Anlass der bevorstehenden Einführung von Bachelor/Master. Dann kommen noch diese Aspekte hinzu:

Das Universitätsstudium ist aufwändiger. Es setzt im Regelfall Abitur voraus, für die FH reicht die darunter anzusiedelnde Fachhochschulreife. Abiturienten erzielen im Normalfall ein Uni-Examen etwa auf Abiturniveau (± 0,5 Noten), an der FH liegt ihr Resultat etwa eine Note darüber. Es gibt diverse Studienabbrecher an der Uni, die dann durchaus erfolgreich das FH-Studium durchziehen – der umgekehrte Weg ist mir noch nie begegnet.

Wenn Sie diese Argumente (und es finden sich noch mehr) in die Waagschale werfen, dann ergibt sich: Stellt man eine Ausbildungshierarchie auf, dann lautet diese in der Technik etwa: Facharbeiter – Meister/Techniker – Dipl.-Ing. (BA)/Dipl.-Ing. (FH) – Dipl.-Ing. (TH/Uni) – promov. Dipl.-Ing. (Uni). Diese Stufen bauen nicht immer einfach aufeinander auf, teils überlappen sie sich etwas, teils sind die Sprünge von einer Ebene zur anderen unterschiedlich groß. Irgendwo dazwischen bzw. daneben gibt es dann noch Bachelor und Master, die nun ganz zweifelsfrei eine ganze Stufe auseinander liegen.

Es kommen weitere Erkenntnisse ins Spiel:

1. Es ist dem jungen Menschen unbedingt zu raten, sein vorhandenes Potenzial so weit wie möglich auszuschöpfen. Konkret: Wer die Anlagen hat, Dr.-Ing. zu werden, sollte nicht als Techniker in Rente geben.

2. Wer eine Ausbildung unterhalb der höchsten Ebene mit sehr gutem Examen abschließt, hätte erfahrungsgemäß das Zeug gehabt, die nächsthöhere Stufe noch mindestens mit gutem, oft sogar ebenfalls mit sehr gutem Resultat abzuschließen.

So, nun gibt es selbstverständlich auch FH-Ingenieure mit sehr gutem Abschluss (Gesamtnote, nicht nur die Diplomarbeit), die in die Praxis gehen und rundum glücklich werden. Aber es gibt eben auch jene, die dann in der Praxis das Gefühl bekommen, da wäre noch etwas möglich gewesen, das ihnen irgendwie fehlt. In manchen (vorzugsweise größeren) Unternehmen sind halt in bestimmten Tätigkeitsbereichen (z. B. Entwicklung) sehr viele Führungspositionen mit Universitäts-Absolventen, eventuell sogar mit promovierten, besetzt. Und wenn es mit der eigenen Beförderung nicht so klappt, dann lag es – ob bewiesen oder nicht – „natürlich“ am Ausbildungsabschluss. So etwas wird leicht zur fixen Idee.

Denn einem Einser-FH-Absolventen fehlt es – völlig zu Recht – am übergroßen Respekt vor dem überlegenen Wissen und Können des Uni-Ingenieurs, vor allem des durchschnittlichen.

Dreier-Absolventen der FH sehen hier kaum Probleme. Sie haben das, was sie geben wollten oder konnten, im Studium ausgereizt, da bleibt kein Raum für Überlegungen wie „was du bist, hätte ich auch werden können“ gegenüber Uni-Leuten.

Aber eben die FH-Einser haben mitunter ihre „ganz speziellen Probleme“. Im Übrigen ist das vom Persönlichkeitstyp abhängig. Falls Sie ein entsprechendes Examen haben, sagen Sie nicht, Sie hätten kein Problem damit, sofern Sie erst am Anfang des Berufslebens stehen. Zehn Jahre später sieht das oft ganz anders aus.

Und für den Fall, dass dieser Beitrag immer noch nicht genug Sprengstoff enthält: Nach einem Bachelor-Abschluss mit „sehr gut“ aufzuhören, ist unsinnig. Das schreit geradezu nach dem anschließenden Master (sofort oder auch nebenberuflich). Denn man sieht es schon an den Begriffen: Der Dipl.-Ing. (FH), der oft gar nicht so heißt, aber dennoch einer ist, liegt schon sprachlich sehr nahe am Dipl.-Ing. (TH/Uni), der oft auch nicht konkret so heißt. Der Unterschied wird irgendwie als relativ gering empfunden. Zwischen „Bachelor“ (einem bis dahin völlig unvertrauten Begriff, der uns hier gar nichts sagt) und einem „Master“ liegen sprachliche Welten. Unter „Master of the Univers“ (das Spiel hat 17 Mio. US $ eingebracht) kann man sich etwas vorstellen, das klingt doch irgendwie nach „ganz oben“. Sicher ist: Auch der Bachelor-Abschluss wird seinen Mann oder seine Frau ernähren. Aber hier heißt die „1“ ganz klar: Es gibt noch etwas darüber, und er/sie hätte das Zeug dazu gehabt, aber hat sein/ihr Potenzial nicht genutzt. Wer auch nur ein bisschen ehrgeizig ist, wird sich später einmal fragen, ob seine damalige Entscheidung, nach dem Bachelor aufzuhören, so rundum richtig war.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Jeder ist seines Glückes Schmied, Empfindungen sind höchst individuell und jeder kann so vorgehen, wie er mag. Auch ist dies kein Angriff auf FH-Ingenieure, ich bin schließlich auch einer. Ich möchte nur erreichen, dass ein betroffener Noch-Student rechtzeitig darüber nachdenkt. Wenn er sich dann anders entscheidet: Wir sind ein freies Land – und es hieß ja „oft“ in meinem Ursprungstext, nicht „immer“. Und damit das ganz klar gesagt ist: Dem Einser-FH-Absolventen drohen spätere Probleme mit sich selbst und für seinen Seelenfrieden – nicht mit dem Arbeitgeber!

Kurzantwort:

Es ist dem jungen Menschen unbedingt zu empfehlen, vorhandenes Potenzial für seine Ausbildung auch auszuschöpfen (statt zu „mauern“, wie man beim Skat sagt). Der Einser-Abschluss einer Ausbildung, die nicht an der Spitze der Skala steht, lässt auf ungenutzte Potenzialreserven schließen.

Frage-Nr.: 2327
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-24

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