Heiko Mell

Köln, München, BMW, Master u. a. m.

Ich bin Mitte 20, habe eine gewerbliche Ausbildung in der Kfz-Technik abgeschlossen und studiere derzeit im Bachelor-Studiengang „Fahrzeugtechnik“ an der FH Köln. Dabei wird ein Praxissemester eingelegt, welches ich bei der BMW AG in München absolvierte.

Durch meinen entsprechenden Aufenthalt in München konnte ich die Stadt sowie die Hochschule München (FH) kennenlernen. Insbesondere der Diplom-Studiengang „Fahrzeugtechnik“ in München sagt mir sehr zu: Ich habe während des Studiums eine größere Fächerauswahl (Wahlfächer) und ich schätze den Diplomtitel als anerkannter ein als die Bachelor-Master-Variante.

Zusätzlich hat die Hochschule München, meiner Meinung nach, einen besseren Ruf als die FH Köln.

Mein Notendurchschnitt in Köln liegt zurzeit bei 2,0 (es wäre also kein Wechsel aufgrund schlechter Noten).
Aus o. g. Gründen (nicht „aufgrund der o. g. Gründe“ wie in Ihrem Original, das klingt scheußlich; H. Mell) überlege ich den Wechsel.

Nun mein Problem:
Mir würden zwar einige Prüfungsleistungen anerkannt, ich würde aber wegen des unterschiedlichen Studienaufbaus höchstwahrscheinlich zwei bis drei bereits erbrachte Semester verlieren. Insgesamt hätte ich dann in Köln zehn bis elf Semester bis zum Master gebraucht und in München elf Semester bis zum Dipl.-Ing. (FH):
Neben einer besseren Ausbildung an der Hochschule München verspreche ich mir noch einen intensiveren Kontakt (Werkstudententätigkeit) zur BMW AG durch einen Ortswechsel nach München.

Wäre es sinnvoll, diesen Schritt/Wechsel zu unternehmen, obwohl ich dann nach dem Diplom fast drei Semester über der Regelstudienzeit in München läge, ich aber in der gleichen Zeit auch einen Masterabschluss in Regelstudienzeit erlangen könnte und ich zusätzlich privaten Umzugsstress durch Wohnungssuche hätte? Wie würde dies ein späterer Arbeitgeber bewerten? Wie wichtig ist die schnelle Absolvierung eines Studiums insbesondere unter Berücksichtigung guter Noten und Praxiserfahrung (hier: zusätzlicher Firmenkontakt durch Werkstudententätigkeit)?

Antwort:

Wissen Sie, was ein lebender Albtraum ist? Wenn nicht, schauen Sie einmal in den Spiegel.

Dabei ist Ihr Problem vernünftig geschildert worden und durchaus nachvollziehbar – so denkt ein Student eben, so darf er auch denken. Aber mir schaufeln Sie so nebenbei zwei hochbrisante Probleme auf den Tisch: In diesem Beitrag geht es um den Vergleich zweier Fachhochschulen und dann auch noch um das leidige Thema Dipl.-Ing. contra Master. Der Umgang mit Tellerminen ist demgegenüber geradezu harmlos.

Bitte vergessen Sie nicht, dass „die Leute“

a) traditionell ein sehr starkes, instinktives Vertrauen zum gedruckten Wort haben und

b) meist nur sehr flüchtig lesen, nicht zwischen Tatsachenbericht und Kommentar trennen sowie schon gar nicht zwischen der Frage eines Einzelnen und der sorgfältig abgewogenen Antwort eines Fachmannes darauf. Und mit ein bisschen Pech bleibt dann hängen: „Es soll ja in den VDI nachrichten gestanden haben, dass die FH in München besser ist als die in Köln – und die Personaler von BMW sollen den Dipl.-Ing. dem Master ja wohl vorziehen.“ Um das zu verhindern, müssen wir hier sehr vorsichtig vorgehen.

Ich nenne ja niemals Namen, von Einsendern und Arbeitgebern nicht, in der Regel auch nicht von Hochschulen. Aber hier versteht man nur im weitgehenden Klartext, worum es geht. Und ein Student trägt ja auch nicht das Diskretionsrisiko eines Angestellten.

 

Tasten wir uns einmal an Ihr Problem heran:

Sie sind, das wird beispielsweise im zweiten abgedruckten Absatz deutlich, von der Stadt München begeistert. Das teilen Sie mit sehr vielen Menschen, auch ich kann das gut verstehen. Überlegen Sie bitte einmal sehr sorgfältig, inwieweit nicht diese Liebe zu Stadt und Region letztlich zentraler Kern all Ihrer hier geäußerten Gedanken ist – und Sie die anderen Argumente nur nachschieben oder zumindest stärker betonen. Gegen München als Lieblingswohn- und -studienort spricht ja überhaupt nichts. Aber wenn dies das ausschlaggebende Argument wäre, sollten Sie sich das eingestehen und nicht nach Hilfsargumenten suchen.

Dann sind Sie im Augenblick stark auf ein Unternehmen fixiert. Das jedoch sollten Sie nicht sein! Wer nur eine Firma als Ziel-Arbeitgeber hat, setzt letztlich alles auf eine Karte – und ist zwangsläufig nach eigenen Maßstäben „zweitklassig“ beschäftigt, wenn es bei der Nr. 1 nicht klappt. Nun ist das ein sehr gutes Unternehmen mit erstklassigem Namen, da gibt es keinen Zweifel. Aber genau dieses Haus könnte zum Zeitpunkt Ihres Examens gerade Einstellstopp haben oder Ihnen keine Startchance in der Laufbahn bieten, die Sie anstreben oder die gut für Sie wäre. Sie sollten diesen Wunsch reduzieren auf „Ich möchte bei einem Kfz-Hersteller im Premiumsegment arbeiten oder bei einem der ganz großen namhaften Zulieferer.“ Sehen Sie, es ist unsinnig für einen Dipl.-Ing. (FH) oder einen Master Ihrer Fachrichtung Audi und Daimler auszuschließen oder – stellvertretend für viele – Bosch. Von den Mittelständlern ganz zu schweigen. Was wollen Sie denn machen, wenn BMW Sie nicht nimmt oder später wieder entlässt? Ihre Lebensplanung mit 28 als gescheitert ansehen? Ein internationaler Zulieferer versucht in diesen Tagen sogar, Opel zu kaufen. Dort würden sich Chancen ergeben, die müssten Ihnen für die nächsten zwanzig Jahre reichen, beispielsweise. Mein Rat: Lösen Sie sich unbedingt von der Fixierung auf einen Unternehmensnamen und konzentrieren Sie sich lieber auf einen Arbeitgebertyp mit mehreren Vertretern seiner Art.

Vergessen Sie die Frage nach dem Ruf verschiedener angesehener Fachhochschulen. Generell spielt diese Frage bei der bundesweiten Suche nach Arbeitskräften keine besondere Rolle. Es kann jedoch sein, dass ein Unternehmen(!) eine bestimmte FH im regionalen Umfeld präferiert, weil man mit den Absolventen gute Erfahrungen gemacht hat und weil enge Verbindungen zu den Professoren bestehen.

Bleibt die Frage Dipl.-Ing. oder Master. In aller Kürze: Die Bachelor-/Master-Ausbildung ist politisch und unter internationalen Gesichtspunkten gewollt, sie wird sich mittelfristig durchsetzen (bis zur nächsten Reform). National war die Wirtschaft mit dem Dipl.-Ing. (FH) völlig zufrieden – die Fachvorgesetzten in den deutschen Firmen waren und sind es auch (sie nennen sich ja selbst überwiegend so, Chefs mit Master-Diplom gibt es ja noch nicht). In zehn, zwanzig Jahren mag sich das ändern, aber der „alte“ Dipl.-Ing. wird Karrieren bis zur Pensionierung tragen, da gibt es keinen Anlass zu Bedenken.

Generell dürfen Sie nun nicht Äpfel mit Birnen vergleichen: Der Dipl.-Ing. (FH) ist etwas „mehr“ in der Qualifikation als der Bachelor, der Master rangiert deutlich über beiden. Zumindest ist das in der Theorie so und auch in den Lehrplänen. Ob die Wirtschaft in der Einstell- und Beförderungspraxis diese Differenzierung nachvollzieht, ist offen – und darf bezweifelt werden. Aber formal sind Sie mit elf Semestern und Master „mehr“ als mit elf Semestern und Dipl.-Ing. (FH) sowie einem zu langen Studium dafür.

Ich kann Ihnen also aus rationalen Überlegungen nicht zu diesem Wechsel raten. Den Kontakt zu BMW können Sie ja dennoch weiter pflegen. Ich hoffe, die FH München verzeiht mir das.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2316
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 21
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-05-20

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