Heiko Mell 02.01.2016, 00:19 Uhr

Von „ganz unten“ zum Dr.-Ing.?

Ich habe mit 19 Jahren meinen Hauptschulabschluss nachgeholt, danach ein Berufseingliederungsprogramm und eine Ausbildung zum Industriemechaniker durchlaufen. Danach blieb ich noch ein Jahr bei dem ausbildenden Unternehmen im Anlagenbau.

Im Anschluss daran folgte eine Weiterbildung zum Maschinenbautechniker inklusive Fachhochschulreife (1,2 und 1,3). Um meine Karrierechancen zu verbessern, begann ich nach der Technikerschule Maschinenbau an der Universität … zu studieren. (Das muss wohl eine Gesamthochschule gewesen sein, sonst hätten Ihre Voraussetzungen zum Uni-Studium nicht ausgereicht; H. Mell). Mittlerweile bin ich im sechsten Semester und habe mein Vordiplom mit der Note 2,1 nach dem fünften Semester erlangt.

Nun stelle ich mir die Frage, ob es für mich sinnvoll wäre, eine Promotion anzustreben. Aber bei Studienende werde ich etwa 30 Jahre alt sein. Daher weiß ich nicht, ob eine Promotion für mich noch wirklich sinnvoll ist. Wären meine Leistungen, die im Bereich 2,0 liegen, überhaupt dafür ausreichend?

Da ich wirtschaftlich und politisch interessiert bin und später gerne Tätigkeiten im Ausland ausüben möchte, habe ich ebenfalls darüber nachgedacht, nach Studienabschluss ein MBA-Fernstudium zu machen und während dieser Zeit parallel dazu erste Berufserfahrungen zu sammeln. Mein angestrebtes Ziel ist es, nach dem Studium eine Ingenieurtätigkeit im Anlagenbau auszuüben, langfristig als Projektleiter.

Was würden Sie mir raten?

Antwort:

Für Menschen wie Sie ist der zweite Bildungsweg geschaffen worden. Und: Was Sie bei Ihrer damaligen Ausgangsvoraussetzung inzwischen erreicht haben, verdient uneingeschränkt Respekt.Sie tragen einen urdeutschen Namen; über die Gründe, die bei einem Jugendlichen mit Ihren geistigen Anlagen ursprünglich zum verpatzten Hauptschulabschluss geführt hatten, wissen wir nichts. Immerhin ist die Vermutung erlaubt, dass Sie in einer eher bildungsarmen Umgebung aufgewachsen sind, die Sie geprägt hat. Dieses Argument brauchen wir noch.Zum Hintergrund Ihrer Frage (wobei das Gesagte für viele Menschen gilt, die nicht unbedingt deckungsgleiche, aber doch ähnliche Gegebenheiten in ihrem Werdegang aufweisen):

Unser gesamtes berufliches System beruht auf Standards, auf Normvorstellungen, die weitgehend sowohl für Positionen als auch für Personen gelten. An Menschen, die im Rahmen dieser Standards liegen, sind die Spielregeln für optimales oder sinnvolles Handeln ausgerichtet.

Zwar ist dieses System ziemlich weit offen bzw. durchlässig (wie man an Ihrem Beispiel sieht), aber am problemärmsten „funktioniert“ immer noch, wer in einer bestimmten Entwicklungsphase auch von seinen Lebensumständen her den jeweiligen Standards entspricht. Das leuchtet sicher zunächst einmal ein.

Abweichungen vom Standard sollen gar nicht erst auf „besser“ oder „schlechter“ hin abgeklopft werden – in Ihrem Fall reicht uns die Feststellung, dass abweichende Umstände zu etwas geführt haben müssen, das „anders“ ist. Und damit hat das System so seine Probleme. Ob ein Kind in seiner Schulklasse beispielsweise deutlich leistungsstärker oder schwächer ist als die Mitschüler, ist nicht so wichtig: Beides kann ihm eine Menge Ärger einhandeln. Sie nun erwägen, Dr.-Ing. zu werden. Da Ihre Leistungen bezogen auf Ihre Startvoraussetzungen, höchste Anerkennung verdienen und da ein 2,0-Examen schon unter Standard-Bedingungen als Basis genügt, würde Ihr Leistungsvermögen meiner Meinung nach ausreichen, um auch diesen Schritt noch zu schaffen. Nur ob das gut wäre für Sie, ist damit noch nicht bewiesen.

Sehen wir uns den Standard des Dr.-Ing. einmal an: Herkunft aus einer Familie, die keinesfalls akademische Bildung haben muss, aber in der Regel auf ordnungsgemäßen Schulbesuch und anständige Leistungen ihrer Kinder dort achtet. Abitur mit 2,0 oder besser mit 19 Jahren, ein Jahr Bundeswehr oder Zivildienst ohne besondere Vorkommnisse. Uni-/TH-/TU-Studium zwischen 20 und 26, Examen irgendwo zwischen sehr gut und gut. Promotion am Institut oder Lehrstuhl mit sehr gut. Alter dabei: 31.Und jetzt schauen Sie einmal, wo Ihre Prägungen, die Sie erfahren haben, wo Ihre Fakten, die Sie bieten, jeweils davon abweichen. Wann immer in den nächsten Jahren jemand einen Dr.-Ing. sucht oder einstellt, hat er ein Bild vor Augen, dem Sie nicht entsprechen können.

Natürlich können Sie im Einzelfall gerade wegen Ihrer Besonderheiten irgendwo besonders gut hineinpassen – aber wie wahrscheinlich ist es, dass Sie genau jene Ausnahmestelle finden? Je größer das Unternehmen, desto standardisierter die Positionen und die Anforderungen an den idealen Inhaber. Allein Ihr Einstiegsalter von 35 schlösse Sie von vielen Konzernlaufbahnen aus.

Und eingestellt zu werden ist nur die kleinste Hürde! Danach müssen Sie sich unter Standard-Kollegen bewähren, profilieren, durchsetzen. Ganz zweifelsfrei kann auch das trotz Ihrer Abweichungen vom Standard ebenso wie die Einstellung gelingen.

Aber mir sind zahlreiche Absolventen des zweiten Bildungsweges begegnet, die formal – von der Ausbildungsqualifikation her – „alles“ erreicht hatten und doch nicht glücklich geworden sind. Nehmen wir ein Beispiel, das die möglichen Ursachen beleuchtet.

Ein Kind wächst in einer Akademiker-Familie auf. Vater, Mutter, Onkel, Tanten, Vettern und Cousinen – fast alles irgendwie „studierte Leute“. Das Kind sieht: Tante Martha ist promovierte Oberstudienrätin, aber ziemlich überspannt, niemand nimmt sie ernst. Cousin Peter hat nur eine Lehre, aber einen eigenen florierenden Handwerksbetrieb aufgebaut; Onkel Theodor ist zweifach promoviert, operiert aber erfolglos im Beruf. Bruder Martin hat „nur“ studiert, ist irgendwo angestellt und macht unaufhaltsam Karriere. Das Kind lernt: Eine akademische Basis ist die normalste Sache der Welt. Man hat sie – aber sie bedeutet eigentlich nichts. Weder macht sie den Menschen besser, noch garantiert sie beruflichen Erfolg oder ist sie mit einer überzeugenden Persönlichkeit verbunden.

Das Kind lernt auch, die Frage akademischer Titel, Ränge und Weihen gelassen zu sehen und vorurteilsfrei abzuwägen, ob dieses Zusatzstudium und jene Promotion sinnvoll und lohnenswert erscheinen.

Bei einem bildungsferneren Herkunftsumfeld werden sehr oft das Studium, der erreichte akademische Grad und gar der „Titel“ überbewertet und glorifiziert. Allein dass das Kind studiert, ist in Familie und Nachbarschaft eine Sensation. Und als krönender, von niemandem mehr zu leugnender Abschluss gilt dann der „Dr.“.

Daher ist der Drang zur Promotion bei Absolventen des zweiten Bildungswegs überproportional ausgeprägt. Womit sonst nichts gesagt sein und keine Kritik verbunden werden soll.

Aber es soll deutlich auf die Gefahr hingewiesen werden, dass in solchen Fällen der Wunsch nach dem „Aushängeschild Dr.“ spezielle Ursachen hat und zu unüberlegtem Streben führen kann. Erkennt – und akzeptiert – man als Betroffener die Zusammenhänge, trifft man leichter die sachlich richtige Entscheidung.

Im speziellen vorliegenden Fall rate ich von weiteren Bildungsmaßnahmen erst einmal ab. Jetzt heißt es: hinein in die Praxis, Ärmel aufkrempeln, ran an die Probleme und die solide Basis einer erfolgreichen Berufslaufbahn schaffen. Wenn Sie dann, so nach ein bis zwei Jahren, noch Kapazitäten frei haben, dann machen Sie halt noch ein nebenberufliches MBA-Studium. Priorität aber sollte ab jetzt die berufliche Arbeit haben.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2227
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 24
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-06-11

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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