Heiko Mell

Ich denke groß, aber die Noten sind klein

Ich bin an einem Punkt angelangt, bei dem ich mich an Sie wende und hoffe, dass Sie mir aus meiner Krise heraushelfen können.
Mein Abitur hatte ich – offen gesagt aus Faulheit – mit 3,4 abgeschlossen. Das Vordiplom im Maschinenbau erlangte ich an der TH … (3,4 in fünf Semestern). Ich führe diese Details an, weil uns weisgemacht wurde, dass die Note egal sei, solange man schnell durchkommt.

Danach ging ich an die TU … und wechselte die Fachrichtung (aber ebenfalls mit dem Ziel Dipl.-Ing.). Mein Schnitt liegt zur Zeit bei etwa 2,3 bis 2,4.
Seit ein bis zwei Semestern bin ich in ein tiefes Motivationsloch gefallen, das sich in meinen Noten widergespiegelt hat (zuletzt 4,0 in einem Fach, das mich eigentlich sehr interessiert). Ich führe das auf die mich ständig bewegende Frage zurück „Was will ich und wie schaffe ist das?“, da ich kurz vor dem Studienabschluss stehe.

Ich interessiere mich sehr für Politik und Wirtschaft und sehne mich nach einer Position im Management oder Vertrieb. Jedoch bin ich nach eigenem Einschätzen sehr schüchtern und unsicher im Dialog mit anderen (werde z. B. rot, wenn die Aufmerksamkeit auf mich gerichtet ist; weiß nicht, was und wie ich etwas sagen soll), obwohl ich mich gründlich in ein Thema einarbeiten kann und mich daher nicht zu verstecken brauchte. Die sogenannten „Soft Skills“ sowie Selbstvertrauen sind wohl meine größte Schwäche.

Im Grunde ist meine Frage: Was kann ich mit meiner Qualifikation und meiner Persönlichkeit erreichen? Welche Unternehmen (KMU oder Großkonzerne) und welche Positionen sollten mein Ziel sein? Muss ich mir ernsthaft bezüglich des Findens eines Jobs Sorgen machen? Vielleicht fallen Sie aus allen Wolken, aber ich strebe trotz meiner Noten eine Promotion an, da ich glaube, dass ich mich in ein Thema sehr gut einarbeiten kann (Facharbeit im Abitur mit 13 von 15 Punkten, Semesterarbeit 1,3; Praktikanoten 1,3 bis 2,3). Falls dies nicht gelingt, gelten wieder die zuvor gestellten Fragen. Aus meinen Interessen heraus ziele ich auch auf einen MBA ab.

Sie merken, ich denke groß, aber die Prüfungsnoten bleiben klein. Aber ich bin mir trotzdem sicher, dass ich das schaffen kann. Vielleicht sehne ich mich nach Bestätigung?

Antwort:

Sie haben es noch ein wenig schwerer als das ein unbefangener Leser merken kann. Da ist zunächst Ihr Name. Ich kann daraus nicht schließen, ob das ein männlicher oder weiblicher Vorname ist. Ich kritisiere das nicht, ich sage nur, dass ich das nicht einordnen kann. Ihr beigefügter Lebenslauf weist eine deutsche Geburtsstadt und ein Aufwachsen hier, aber eine Nicht-EU-Staatsbürgerschaft aus. Es ist daher denkbar, dass Sie durch Prägung und Vorbilder im Umkreis nicht so optimal auf das Berufsleben in diesem Land vorbereitet wurden wie ein Kind eines deutschen Akademikers, beispielsweise. Für empfindliche Gemüter: Auch diese Bemerkung enthält lediglich eine sachliche Feststellung und keine Wertung.

Aber Sie sind derzeit eine Art „deutscher Ausländer“, hier aufgewachsen, sprechen vermutlich fließend Deutsch, sind aber allein durch Ihre Staatsbürgerschaft als Ausnahme vom Regelfall (Standard-Bewerber) gekennzeichnet. Ich weiß nicht, warum Sie diesen Status haben, aber ich würde darüber nachdenken, ob es nicht ratsam sein könnte, sich weniger stark zum Ausnahmefall (den andere schwer einordnen können) zu machen. So fragt man sich (beispielsweise als Bewerbungsempfänger), was dieser Mann (ich entscheide mich für dieses Geschlecht) eigentlich will: Hier bleiben, sich integrieren oder demnächst in das Land auswandern, dessen Pass er hat. Es geht nicht darum, wie ich darüber denke, ich informiere Sie über mögliche Probleme, auf die Sie – zusätzlich zu den Ihnen bekannten – stoßen könnten. Es geht auch absolut nicht um die Gefahr, dass jemand etwas gegen Sie haben könnte (warum sollte er), schlimmer ist, dass er die Gesamtkonstellation vielleicht nicht versteht. Braucht jemand mit Ihren speziellen Voraussetzungen eigentlich eine Arbeitserlaubnis in diesem Land – ich weiß das nicht und glaube ganz sicher, dass auch andere (mögliche Bewerbungsempfänger) das nicht wissen. Das alles fördert nicht Ihre Akzeptanz bei Bewerbungen.

Zu den von Ihnen angesprochenen Problemen: Sie zeigen oder beschreiben mehrere Auffälligkeiten in Ihrer bisherigen „Laufbahn“ (die ja noch gar nicht richtig begonnen hat). Sie haben hohe, anspruchsvolle Ziele genannt, also müssen Sie auch entsprechende Maßstäbe akzeptieren, nach denen Sie beurteilt werden. Handeln wir die Kriterien der Reihe nach ab:

 

1. Sehr schwaches Abitur, bedingt durch Faulheit. In jenem Alter waren Sie nach unseren Richtlinien schon erwachsen (Sie waren 20 damals), da sollte man wissen, dass hohe Ziele große Leistungen erfordern. Und zwar immer und überall – ob Sie nun auf der Schulbank sitzen oder sich nebenbei Geld als Hofkehrer verdienen, beispielsweise („wenn ich kehre, dann wird es erstklassig“). Es ist eine Frage der persönlichen Einstellung, der Anforderungen an sich selbst. Natürlich bekommen Sie heute dafür einen „Jugendsünden-Rabatt“ – und wir könnten die Geschichte abhaken, wenn danach nur noch Top-Ergebnisse gekommen wären.

An der Stelle eine Warnung an mögliche Nachahmer: Sie wissen nie, was in Ihrem Leben noch kommen wird. Und erfahrungsgemäß kommt da schnell einiges zusammen. Vermeiden Sie also unnötige Auffälligkeiten in einer früheren Phase, um nicht eines Tages zum „Wiederholungstäter“ zu werden. Und „Faulheit“ ist absolut vermeidbar!

 

2. Der Wechsel von Uni und Fachrichtung allein wäre unproblematisch. Aber in Verbindung mit anderen Aspekten könnte der Eindruck der Konzeptionslosigkeit dadurch gestützt werden. Vor allem gilt: Bei Ihrem so gezielt ausgesuchten neuen Hauptstudium gibt es jetzt keine Ausrede mehr: Das muss Traumziel gewesen sein, muss Sie überdurchschnittlich fasziniert und interessiert – und müsste alles an Leistungskraft mobilisiert haben, was in Ihnen steckt. Immerhin werden Sie sich das neue Gebiet ja selbst und offenbar freiwillig ausgesucht haben.

Sagen wir es einmal so: Nehmen Sie die Frage nicht so wichtig, was Sie jetzt wollen – tun Sie erst einmal das engagiert erstklassig, was Sie vor kurzem noch unbedingt wollten.

 

3. Das „tiefe Motivationsloch“ wirft Fragen auf, die ich nicht beantworten kann. Sie führen das auf die Frage „Was will ich …?“ zurück, so richtig überzeugen kann mich das nicht.Sie sind dabei, Ingenieur zu werden. In dem Beruf spielen Sachlichkeit, Logik, emotionsarmes Handeln generell eine große Rolle. Stellen Sie sich doch keine Fragen, die derzeit nun wirklich nicht angesagt sind! Sie haben sich selbst auf eine Schiene gesetzt, an deren erstem „Bahnhof“ steht „Dipl.-Ing. der Fachrichtung …“. Irgendeine Wahl haben Sie doch erst wieder, wenn Sie dort angekommen sind. Also zum Teufel mit Motivationslöchern und Selbstzweifeln und mit aller Kraft hinarbeiten auf einen guten Abschluss dieser Etappe. Da ist kein Raum für eine 4,0 in einem Fach, das Sie „eigentlich interessierte“, Sinnfragen sind jetzt überflüssig.

 

4. „Ich sehne mich nach einer Position im Management“ sagen Sie. Das bedeutet, andere Leute zu führen, deren Chef zu sein. Das ist Elite (so sieht es das System). Das ist nichts für Leute mit Motivationslöchern, Selbstzweifeln und mit den Problemen gemäß 6. Streichen Sie – zumindest vorläufig – dieses Ziel aus Ihrem Katalog.Übrigens ist das Auseinanderklaffen von Wollen und Können eine Standardursache für berufliche Probleme. Aber: Das Wollen kann man ändern, das Können praktisch nicht.

 

5. „Management oder Vertrieb“ als Zielvarianten ist fachlich unsinnig. Im Vertrieb gibt es ebenso viel Management wie z. B. in der Entwicklung. Streichen Sie auch den Vertrieb – mit den Einschränkungen gem. 6 sind Sie klar ungeeignet dafür.

 

6. Schüchternheit, Unsicherheit im Dialog, Erröten, nicht zu wissen, was man sagen soll, steht einer Laufbahn im Management entgegen und disqualifiziert für den Vertrieb. Jeder Versuch, auf dieser Basis eine entsprechende Laufbahn zu erzwingen, würde als Misserfolg enden. Und: Im Großunternehmen gingen Sie damit generell unter.

 

7. Ich weiß nicht, ob man Sie auf Ihrer Basis promovieren lässt. Falls doch: Ich rate eher ab. Das ist wieder ein neues Ausbildungsprojekt, in dem Faulheit, Motivationslöcher oder Selbstzweifel drohen (können). Mit Ihrer Vorgeschichte wären Sie bei einem Scheitern beruflich empfindlich angeschlagen. Sie haben sich bisher auf keinem „Bildungsfeld“ (Schule, 1. Studium bis Vordiplom, 2. Studium bis Hauptdiplom) so brillant geschlagen, dass die Krönung für gute Studenten, die Promotion, empfohlen werden könnte.

 

8. Es wird Zeit, auch einmal etwas Positives zu sagen und eine Lösung aufzuzeigen: Ihr Notenspiegel des Hauptdiploms weist diverse Noten von 2,0 und besser aus, Sie selbst rühmen sich zusätzlich diverser Einzelleistungen aus den letzten Jahren. Mein Rat: Konzentrieren Sie sich auf Ihre zweifelsfrei vorhandenen fachlichen Stärken. Suchen Sie sich eine Einstiegsposition mit entsprechendem fachlichen Schwerpunkt (auf einem der Gebiete, in denen Sie „gut oder besser“ sind) und streben Sie zunächst einmal eine Fachlaufbahn an. Werden Sie dort ein guter Mitarbeiter, der wegen seiner Fachqualifikation allseits geachtet ist. Dabei gewinnen Sie dann auch Selbstsicherheit. Und dann sehen wir weiter.Ein mittelständisches oder kleineres Unternehmen dürfte für Sie am besten geeignet sein.

Kurzantwort:

Wenn Wollen (Laufbahnziele) und Können (nachweisbare Voraussetzungen dafür) auseinanderklaffen, drohen erhebliche Probleme. Die Lösung: Wünsche kann man selbst ändern, die eigenen Fähigkeiten sind gegen schnelle Veränderungen resistent.

Frage-Nr.: 2218
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-05-14

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