Heiko Mell

Aber die Noten vergibt der Professor

Seit glückseligen Studienzeiten in den 1980ern lese ich wöchentlich Ihre Karriereberatung. Allen Zweiflern zum Trotz, in meinem bisherigen Berufsleben haben sich Ihre Regeln bewahrheitet. Über die Stationen Promotion, Projektleitung, Abteilungs- und Konstruktionsleitung bei einem Konzern sowie technische Geschäftsführung bei einem konzerngebundenen Mittelständler bin ich vor einigen Jahren zur TU … gelangt und habe dort den Lehrstuhl für Maschinenelemente inne.Im Rahmen der Vorlesungen berichte ich auch regelmäßig über meine eigenen Berufserfahrungen und in diesem Zusammenhang auch über Ihre Karriereberatung. Da die Vorlesungszeit meist knapp ist, habe ich nun einen Link zu Ihrem Internetauftritt angegeben.

Ich möchte noch auf eine mittlerweile „eingerissene“ Unart hinweisen: Bei den Studenten hat sich ins Hirn „gebrannt“, dass sie nach Möglichkeit alle Studienarbeiten und die Diplomarbeit in der Industrie anfertigen sollen, damit sich bei den betreffenden Firmen die Chancen zur Einstellung erhöhen.

Dabei wird leider immer wieder von den Studenten übersehen, dass diese Arbeiten vom Hochschullehrer ausgegeben und bewertet werden und nicht von der Industrie. Hinzu kommt noch, dass an einem TU-Institut aufgrund von Forschungs- und Industrieprojekten immer genügend hochaktueller Stoff für derartige Arbeiten verfügbar ist. Vielleicht können Sie die Studenten einmal darauf hinweisen, dass das Studium nur fünf bis sechs Jahre dauert und diese schöne, im Vergleich zum Berufsalltag entspannte und bildende Zeit nie wieder zurückgeholt werden kann. In der Industrie können dann noch 45 Jahre verbracht werden.

Weiterhin viel Erfolg für die Karriereberatung!

Antwort:

Ich stoße in beruflichen Werdegängen öfter einmal auf Notenkonstellationen im Examenszeugnis, bei denen die Bewertung der Diplomarbeit unangenehm auffällt. Sonst liegt diese auf dem Niveau der besseren Noten des Dokumentes, aber dann gibt es Ausreißer nach unten, die leicht den Gesamtdurchschnitt empfindlich drücken. Im Gespräch bringt der Betroffene dann eine Erklärung, die durchaus überzeugt: „Ich habe die Arbeit in der Industrie in enger Zusammenarbeit mit dem Unternehmen XY angefertigt. Dort war man auch hochzufrieden mit den von mir niedergelegten Resultaten. Aber mein Professor äußerste sich sehr kritisch über die pragmatisch angelegte, nur auf die Praxis bezogene Arbeit, sie war ihm nicht wissenschaftlich-tiefgängig genug. Das hat zu dieser schwächeren Note geführt.

„Das deckt sich mit dem Kernsatz der obigen Einsendung des TU-Professors: „… wird … von den Studenten übersehen, dass diese Arbeiten vom Hochschullehrer … bewertet werden und nicht von der Industrie.“

Dies ist keine Serie über Hochschulpolitik. Lassen wir also die Frage völlig außen vor, ob man sich nicht auch ein Modell vorstellen könnte, nach dem die Diplomarbeit bewusst als Instrument eines gleitenden Übergangs vom Studium in die Welt der Praxis eingesetzt und von beiden Partnern (Hochschullehrer und Industrie) in Harmonie sowohl vergeben als auch bewertet wird. Dem ist heute generell nicht so, obwohl es Ausnahmen gibt (zumindest im Hinblick auf die harmonische Zusammenarbeit aller drei Partner, also einschließlich des Diplomanden).

Es mag ja auch sein, dass der Lehrstuhl äußerst interessiert daran ist, bestimmte ihm auf den Nägeln brennende Themen entsprechend bearbeiten zu lassen. In jedem Fall ist die Mahnung berechtigt: Die Diplomarbeit ist Teil des Studiums, für eine gute Note brauchen die Studenten das Wohlwollen des bewertenden Professors. Wenn der irgendetwas in dem Zusammenhang nicht mag, ist es riskant, dennoch genau das zu tun und seinen anderslautenden Wünschen nicht zu entsprechen. Denn die Note begleitet Sie berufslebenslang.

Eine pauschale Warnung vor industrieorientierten Arbeiten im Studium scheint mir zu „hart“ zu sein; viele Professoren, so sieht es aus, kommen problemlos damit zurecht. Es kommt halt auf den Einzelfall an. Und für den rechtzeitigen Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern eignen sich auch Praktika sehr gut. Letztlich ist auch der momentane Ingenieurmangel ein sehr guter Türöffner.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2211
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 20
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-16

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