Heiko Mell

Lustig ist das Studentenleben, …

Ich komme nicht umhin, Sie mit der vermutlich 1001. Frage über Sinn und Unsinn einer Promotion zu behelligen.
Ich bin 28. Nach dem Abitur (1,7) und dem Zivildienst habe ich mein Studium an der TU … begonnen. Zu Beginn war ich wenig überzeugt von meiner Entscheidung für dieses Studium, wobei mich eher das Auswendiglernen als der von vielen bemängelte fehlende Praxisbezug gestört hat.

Aber Aufgeben ist meine Sache nicht und das Studium war sowieso nicht mein Hauptziel, denn dieses hatte ich schon erreicht: das Studentenleben. Das habe ich auch genossen und mich eher auf Sport, der auch mein Studium finanziert hat, und auf das Ausgehen konzentriert. Mein Ziel im Studium war, niemals durchzufallen (das ist gelungen), aber in keinem Fall durch Lernen das Privatleben einzuschränken. Das führte zu einem gerade noch befriedigenden Vordiplom nach vier Semestern.

Im Hauptstudium habe ich damit geglänzt, erstmal so gut wie keine Prüfungen abzulegen, weil man sich ja zunächst eine interessante Richtung raussuchen muss. Danach war ich ein Jahr im Ausland und habe dort acht Fachprüfungen abgelegt, mehr als in zwei Jahren an der heimischen Universität. Nebenbei war ich in diesem Land Studenten-Landesmeister im Fußball und als Kapitän bei der Studenten-Europameisterschaft. Die Prioritäten waren also noch unverändert.

Drei Punkte haben mir die Augen geöffnet: Ich habe letztlich die Richtung gefunden, die mir Spaß macht (numerische Berechnungsverfahren im Bereich …). Dann kam ein Bewerbungsgespräch für ein Praktikum, bei dem mir ganz direkt gesagt wurde: „Mit diesen Noten und der Studiendauer von fünfzehn Semestern haben Sie keine Chance.“ Schließlich habe ich während des Arbeitens an meiner Studienarbeit erfahren, dass ich nie mehr Sport machen kann.

Der vorhandene Ehrgeiz musste also anders gestillt werden als bisher. Folglich habe ich meine Studienarbeit mit 1,0 abgeschlossen, danach weiter am Institut als Hiwi gearbeitet und ging dann als Praktikant „zum Daimler“ (Anmerkung d. Autors: Damit drückt man im Schwabenlande aus, man arbeite beim Hersteller von Mercedes-Fahrzeugen; wobei, es fällt mir noch rechtzeitig ein, dort nicht gearbeitet, sondern „geschafft“ wird, ob man danach auch geschafft ist, wird nicht gesagt). Die dort angebotene Diplomarbeit habe ich abgelehnt, um noch einmal etwas anderes zu sehen, dann habe ich meine Diplomarbeit bei einem Mittelständler abgelegt (1,0) (da liegt sie nun, die abgelegte Diplomarbeit, aber ich höre jetzt für diesen Beitrag damit auf, d. Autor).

Letztlich habe ich meinen Schnitt auf den des Abiturs retten können. Von der Firma, bei der ich das Diplom geschrieben habe (die Versuchung in Sachen „Diplom geschrieben“ ist groß, aber mein Wort muss gelten, d. Autor), bin ich direkt übernommen worden. Zu meiner eigenen Überraschung ist aber ebenfalls eine Bewerbung bei einem renommierten Institut einer ebenso namhaften technischen Universität erfolgreich gewesen (erst nach der Unterschrift unter den anderen Arbeitsvertrag). Was aber mit Sicherheit mehr der derzeitigen Arbeitsmarktlage als meinem späten Sinneswandel geschuldet ist.

Erst jetzt die eigentliche Frage: Ist eine langwierige, aber sehr praxisnahe Promotion für einen „Spätstarter“ ein sinnvoller Weg oder ein Karrierekiller? Eigentlich fühle ich mich bei meinem derzeitigen Arbeitgeber wohl. Meine Leistung wird von meinem Team- und von meinem Abteilungsleiter (beide übrigens promovierte Ingenieure) sehr geschätzt. Das Gehalt ist gut, meine Kollegen sind nett. Andererseits, verzeihen Sie mir den Ausdruck, ist jenes Uni-Institut nicht Championsleague? Sollte man dafür nicht auf Geld verzichten und seine Chance beim Schopfe packen? Das sagt mein Bauch.

Mein Kopf sagt: Du wärst zu alt beim Abschluss der Promotion – und eine Kündigung beim heutigen Arbeitgeber sieht niemals gut aus. Zumal ich damit rechne, dass mein Abteilungsleiter nicht erfreut sein wird, wenn sein neuer „Lieblingsschüler“ (O-Ton) geht.
Das Arbeitszeugnis könnte einen versteckten Hinweis enthalten

Antwort:

Der besondere Wert dieser Zuschrift liegt in der sehr offenen Darstellung einer studentischen Persönlichkeitsentwicklung. Mit hoher Sicherheit ist die erste Phase des Studentenlebens mit ihrer speziellen Zielsetzung (Hauptsache Spaß und Zeit fürs Hobby) nicht gerade untypisch für viele junge Menschen. Man liest so etwas aus der Feder eines Betroffenen aber selten so anschaulich.

Ich sehe verschiedene Themen, die hier angeschnitten worden sind und die ich einzeln besprechen will:

1. „Funktioniert“ hat die Wandlung vom „studentischen Lotterleben“ mit äußerst schwachen Studienleistungen zum spätberufenen (15 Semester) Akademiker mit vorzeigbarem Examen nur, weil Potenzial vorhanden war! Stellen Sie sich, liebe Leser, das alles auf der Basis eines 3,x-Abiturs vor, dann ahnen Sie, was dabei herausgekommen wäre. Daraus resultieren zwei mahnende Hinweise (also das, was man im jugendlichen Alter so besonders gern hört) an potenzielle Nachahmer:

a) Wenn Sie überhaupt entsprechende geistige Fähigkeiten haben, dann sehen Sie zu, dass die irgendwo aktenkundig aufblitzen. Also beispielsweise im Abiturzeugnis. Schule ist für einen intelligenten Menschen ein besserer Spaziergang – gemessen an dem, was später noch kommt. Man sagt Ihnen, was Sie tun müssen, große Entscheidungen werden nicht erwartet, mit den Lehrern ist – guter Wille vorausgesetzt – fertig zu werden. Und später dann geht es „nur“ um einen Wiederanschluss an alte Leistungsstandards.

b) Wer Basis-Fähigkeiten dieser Art nicht besitzt, also trotz hoher Anstrengungen nicht über ein Abitur etwa zwischen 2,8 und 3,5 hinausgekommen ist, darf sich Eskapaden dieser Art im Studium keinesfalls leisten. Einmal abgesackt ist er, studientechnisch gesehen, weitgehend „tot“. Dann im Hauptstudium plötzlich auf gute Noten zu kommen, die man bisher noch nie sein eigen nennen durfte, ist praktisch nicht möglich. Kürzer: Faul ist schlecht. Aber immer noch besser faul + begabt (weil korrigierbar) als faul + unbegabt (weil … na ja).

 

2. „Ein Jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“ (Bibel, Prediger 3.1). Das steht in diesem Zusammenhang dafür, dass es auch in der Entwicklung eines Menschen optimale Zeiten für bestimmte prägende Handlungen und Vorgehensweisen gibt. Dabei gilt der Grundsatz: Was sich allgemein eingespielt und eingebürgert hat, gilt als Norm. Man gehe einfach einmal davon aus, dass diese Normen generell vernünftig sind – und dass ein erhebliches Abweichen davon eher zu Nach- als zu Vorteilen führt.

Diese Norm nun sagt in etwa: Der junge Mensch tut gut daran, von früher Jugend an sein vorhandenes Potenzial auszunutzen, stets leistungsorientiert zu sein und auf gute Resultate hinzuarbeiten. Oder um es – dieser Einsendung entsprechend – auf eine populäre Sportart abzustellen: Wenn ein Fußballspieler schon auf den Platz geht, dann soll er auch höchsten Einsatz zeigen und alles geben, was er kann. Niemand ist an einem Fußballgenie interessiert, das in der ersten Hälfte einer Saison vornehme Zurückhaltung übt und alles tut, um nicht etwa unnötigen Ballkontakt zu bekommen.

Die geforderte Leistungsbereitschaft von Jugend an führt nicht nur zu guten Resultaten (kurzes Studium mit möglichst glänzenden Noten), sie übt auch in diesem Alter einen großen prägenden Einfluss auf die Persönlichkeit aus. Diese frühe Prägung ist später nur noch schwer nachholbar.

Maßstab für jede Art von Beurteilung und Bewertung sind jeweils „die anderen“ aus ähnlichen Laufbahnen, Studienrichtungen u. Ä. Wenn also jemand von der Oberstufe des Gymnasiums an bis zum Studienexamen jeweils leistungsorientiert sowie nach zwölf Semestern mit durchgängig guten Noten fertig war und beispielsweise eine Promotion zum Dr.-Ing. mit 31 Jahren abschließen konnte, dann weiß die Umwelt (künftige Arbeitgeber, Vorgesetzte, Kollegen) in etwa, wie das zu beurteilen ist – und wie die Entwicklung dieses Menschen weitergehen wird:

a) Dieser von Jugend an leistungsorientierte Mensch ist grundsätzlich kalkulierbar – zumindest auf fachlichem Gebiet wird er so weitermachen.

b) Dieses leistungsorientierte Verhalten insbesondere in den prägenden Jahren hat zu einer bestimmten Standard-Persönlichkeit geführt, auf die das System ausgerichtet ist. Das bezieht Stärken und Schwächen absolut ein und enthält keine absolute Wertung. Aber auf der Basis dieses „Normgedankens“ kann die XY AG einen Mitarbeiter von der ABC AG für ein vergleichbares Aufgabengebiet einstellen – und ihn bei ähnlichen, auch genormten Anforderungen mit Aussicht auf Erfolg einsetzen.

Sie, geehrter Einsender, entsprechen nicht diesem Standard, können gar kein kalkulierbarer Mensch mit „normgerechter“ Entwicklung sein. Noch einmal: Das enthält keine absolute Wertung – aber Sie müssen irgendwo in Ihrer Persönlichkeit „anders“ sein als die anderen in Ihrer Gruppe. So etwas ist potenziell nicht ungefährlich – und muss keinesfalls schon nach sechs Monaten im ersten Job durchschlagen, kann es aber nach sieben Jahren im dritten. Seien Sie also gewarnt! Schon heute zeigt Ihre Sprache eine gewisse, anderen Jungakademikern nicht eigene „Lässigkeit“, die nicht jeder mag.

Sagen wir es so: Sich auf anderem Wege entwickelt zu haben als die anderen, birgt Chancen und Risiken gleichermaßen. Hier muss vor allem über Risiken gesprochen werden. Seien Sie vorsichtig damit, sich stets spontan so zu geben wie Sie sind oder intuitiv handeln möchten. Schauen Sie interessiert auf jene anderen mit Norm-Hintergrund. Sie müssen die nicht imitieren, aber Abweichungen müssen gut überlegt sein. Oder: Ein auf Norm-Mitarbeiter ausgerichtetes System neigt dazu, Menschen mit abweichender Persönlichkeit als Fremdkörper einzustufen und irgendwann auszuspucken. Ein unkonventioneller Weg geht oft mit einer unkonventionellen Persönlichkeit einher – was dabei Ursache und Wirkung ist, spielt hier keine Rolle.

 

3. Was ich in Ihnen noch nicht sehe, ist der intelligente und ehrgeizige und leistungsorientierte ehemalige Schüler, der bis zum Abitur alles aus sich herausholte, was drinsteckte – und drei Tage später, ab Studienbeginn nur noch dem lustigen Studentenleben anhing. Das entspricht nicht dem üblichen menschlichen Verhalten.Mein Verdacht: Sie haben schon als Schüler „mit halber Kraft“ gearbeitet, viel Fußball gespielt etc. und Ihre Abiturnote wie auch Ihre spätere Examensnote liegen, obwohl vorzeigbar, noch deutlich unterhalb dessen, was bei üblichem Aufwand eines ehrgeizigen Menschen herauszuholen gewesen wäre.Wenn das so ist – und vieles spricht dafür -, dann haben Sie ein zusätzliches Problem: Dann war nicht nur Ihr individueller und ja durchaus kritikwürdiger Weg unbefriedigend (u. a. hohes Alter beim Abschluss durch zu langes Studium), auch das Ergebnis bliebe sowohl hinter Ihren Möglichkeiten als auch hinter Ihren – vielleicht künftigen – Erwartungen zurück. Das ist eine tolle Basis für Frustrationen bis ins hohe Alter. Weil beispielsweise eines Tages ein Vorgesetzter ein deutlich besseres Examen und eine Promotion haben könnte, Sie sich aber vielleicht weigern, ihn als fachlich überlegen anzuerkennen („das und viel mehr hätte ich auch gekonnt“ – aber das Leben honoriert „hätte“ nicht).

 

4. Nun zur Empfehlung, die nicht eindeutig sein kann:

4.1 Nach üblichen Maßstäben sind Sie für eine „hauptberufliche“ Promotion zu alt, Sie wären es auch für den späteren Neustart als Dr.-Ing. Und wenn in fünf Jahren gerade Wirtschaftskrise ist, können Sie beim Einstellprozess total durchs Raster fallen.

4.2 Für den Berufsstart eines nichtpromovierten Dipl.-Ingenieurs ist ein Alter von 28 Jahren ziemlich normal (leider). Wenn Sie jetzt im Job bleiben, sind Sie in zehn Jahren alle Vergangenheitsprobleme los. Sie haben dann mit gutem Examen im Durchschnittsalter angefangen, die Studiendauer verliert gegenüber dem in der Praxis Erreichten später sehr an Bedeutung. Passen Sie sich an, zeigen Sie Leistung und werden Sie schneller mehr als andere. Dann haben Sie die Scharte ausgewetzt, aber Sie sind nicht in der allerhöchsten Qualifikationsstufe angekommen. Andere leben prächtig damit, prüfen Sie, ob Sie diesen Preis zahlen möchten resp. wollen. Aber ein bisschen „Strafe“ wäre ja auch nur gerecht.

4.3 Jenseits reiner Vernunft, aber menschlich verständlich: Falls ich mit meiner Vermutung gem. 3. richtig liege und Sie Ihr für eine tolle Begabung nur zweitklassiges Resultat unsagbar wurmt, dann werfen Sie halt den Job hin und nehmen die Promotionsstelle an. Die paar Beschäftigungsmonate würden andere, nicht so wahrheitsliebende Menschen später im Lebenslauf schlicht „vergessen“. Aber: Das zu hohe Promotionsalter begleitet Sie berufslebenslang. Nur: Was der Mensch braucht, muss er haben …

4.4 Oder Sie machen Ihren Job weiter und bemühen sich um eine nebenberufliche Promotion. Das verlangt etwas mehr Einsatz – aber Sie haben es ja …

4.5 Wer schon in der Schule alles aus sich herausholt und später in diesem „Trott“ bleibt, erspart sich und anderen (z. B. mir) später sehr viel an Aufwand (dieser erhobene Zeigefinger muss sein).

Warum ich mich diesem Beitrag in dieser Breite widme? Ich finde ihn im Sinne unserer Thematik sehr interessant – und das in mehrfacher Hinsicht. Und wenn ich drei mögliche Nachahmer damit abschrecken konnte, habe ich der Volkswirtschaft einen Dienst erwiesen (ob die Volkswirtschaft meine Kontonummer kennt?).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2181
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-12-21

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