Heiko Mell 01.01.2016, 21:09 Uhr

Selbstmord aus Angst vor dem Tode?

Zuerst einmal vielen Dank für Ihre außerordentlich wertvolle Hilfe, die Sie mir seit fünfzehn Jahren geben. Ohne dieses „Öl“ wäre mein „Motor“ nie so lange rund gelaufen.
Nach über zehn Berufsjahren beim ersten Arbeitgeber bin ich dort mittlerweile in meiner zweiten Abteilungsleiter-Position. Da nun im obigen „Motor-Sinne“ eine größere Inspektion ansteht, schreibe ich Ihnen das erste Mal selbst.

Immer wieder, auch erst kürzlich, wiesen Sie auf die Gefahren einer zu langen Betriebszugehörigkeit hin. Ich verstehe Ihre Warnung vor tatsächlicher oder vermuteter Betriebsblindheit, Unflexibilität und Bequemlichkeit, was zu Problemen bei einem freiwilligen oder erzwungenen Arbeitgeberwechsel führt. Ich bitte Sie um Rat, mit welcher Priorität ein vorsorglich geplanter Wechsel zur Vermeidung einer überlangen Betriebszugehörigkeit erfolgen soll.

Mein Dilemma ist, dass ich mich bei meinem aktuellen Arbeitgeber sehr wohl fühle. Ich bin erfolgreich und geschätzt. Durch mehrfachen Chef- und Positionswechsel ist die Arbeit abwechslungsreich und ich lerne noch immer ständig hinzu. Ein vorsorglicher Wechsel des Betriebes käme mir mit den damit verbundenen Risiken vor wie ein Selbstmord aus Angst vor dem Tode. Oder zeige ich hier das u. a. an Politikern und Vorständen oft kritisierte Verhalten des Vermeidens von kleineren kurzfristigen Risiken auf Kosten der langfristig richtigen Entscheidung?

Antwort:

Lassen Sie mich meine Empfehlung systematisch aufbauen:

1. Die früher übliche Strategie, in ein (größeres) Unternehmen einzutreten und sich darauf zu verlassen, dass dort im Regelfall die Pensionierung abgewartet werden kann, ist tot, mausetot. Fast jeder Konzern hat Werke geschlossen, Geschäftsbereiche stillgelegt oder verkauft, ist bei einer Fusion untergegangen oder wurde von den Aktionären wegen ein paar Euro pro Aktie zur Zerschlagung freigegeben. Ich erinnere nur an die Namen Ford und General Motors, die derzeit im Gespräch sind und bei denen mit gravierenden personellen „Maßnahmen“ zu rechnen ist: Arbeitgeber sind heute nicht mehr „Ehepartner“ fürs Leben, sondern „Lebensabschnittsgefährten“.

Sie als Angestellter müssen also mit der Notwendigkeit rechnen, eines Tages ungeplant wechseln zu müssen. Nicht zu 100 %, aber doch mit nennenswerter Wahrscheinlichkeit. Und (Ihr Lebenslauf liegt bei) auch Ihr Konzern hat schon in der Presse gestanden mit entsprechenden „Aktionen“.

2. Wenn Sie also eines Tages nach deutlich mehr als zehn (z. B. achtzehn) Dienstjahren wechseln müssten, schlagen Ihnen die schon von Ihnen genannten Vorurteile entgegen. Sie gelten dann schnell als „unkorrigierbar auf jenes eine Unternehmen fixiert“, so auf dessen Regeln, Prozesse und Gepflogenheiten eingeschworen, dass man Sie nur noch schwer (ich habe nie gesagt „gar nicht“) in eine neue Umgebung eingewöhnen kann. Sie müssten also mit Nachteilen bei Ihren Bewerbungen rechnen. Hinzu kommt, dass solche Katastrophen immer in konjunkturschwachen Zeiten geschehen (viele Bewerber, wenig Jobs).

Und Sie hätten nach achtzehn Dienstjahren keine Routine in Sachen Bewerbung, hätten nicht gelernt, sich in Vorstellungsgesprächen sowohl zu verkaufen als auch sich den richtigen Arbeitgeber auszusuchen. Ihr Kontakt zum Arbeitsmarkt wäre längst „tot“.

3. Also sollten Sie so ab zehn Jahren Dienstzeit an dieses Problem denken (das tun Sie!), sollten Langfristüberlegungen anstellen – und nicht „automatisch“ in eine „ewig lange“ Zeit hineinrutschen (wie es so viele tun).

4. Wenn es innerhalb Ihres Arbeitsverhältnisses häufig Veränderungen, Versetzungen, vor allem aber Beförderungen gibt, sind Sie in dieser Frage stark entlastet. Insbesondere Beförderungen „ersetzen“ leicht einen Arbeitgeberwechsel in diesem Zusammenhang. Gegenbeispiel: Achtzehn Jahre lang Sachbearbeiter in derselben Abteilung (gibt es viele!).

5. Ich an Ihrer Stelle würde jetzt auch nicht nur wegen dieses Aspektes wechseln. Sie haben mindestens noch fünf Jahre Zeit, bis Sie neu nachdenken müssen!

Kurzantwort:

Beförderungen (und z. T. auch andere gravierende Veränderungen) entlasten stark vom Vorwurf zu langer Dienstzeiten pro Arbeitgeber.

Frage-Nr.: 2071
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-11

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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