Heiko Mell

Verzettelt

Frage/1: Ich bin 27 Jahre alt und studiere im 16. Semester Informatik. Momentan schreibe ich meine Diplomarbeit, die ich in einigen Monaten beenden werde. Seit dem vierten Semester habe ich zusätzlich BWL und VWL an der FernUni Hagen studiert und mit den Graden Dipl.-Kfm. und Dipl.-Volksw. abgeschlossen. In Ihren Publikationen habe ich mehrfach gelesen, dass der „rote Faden“ eines Lebenslaufes erkennbar sein muss. Ist das in diesem Fall noch gegeben?

Frage/2: Ich habe beim Hauptstudium in BWL und VWL jeweils gute Noten erzielt. Während der Diplomarbeit hatte ich allerdings erhebliche Schwierigkeiten mit dem betreuenden Professor. Im Ergebnis habe ich eine 3,7 als Note der Diplomarbeit, mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Abschlussnote. Soll ich in meiner Bewerbung auf die Note der Diplomarbeit näher eingehen?

Antwort:

Antwort/1: Wieder einmal ein Beispiel für „das Leben schlägt die Phantasie“. Will heißen, dass man bei theoretischen Überlegungen gar nicht auf alle Merkwürdigkeiten kommt, die manchen Leuten in der Praxis mühelos einfallen.

Die Geschichte mit dem „roten Faden“ im Lebenslauf meint, dass sich durch die Phasen „Studium“, „Branche/Tätigkeit beim ersten Arbeitgeber“, „Branche/Tätigkeit beim zweiten Arbeitgeber“ usw. eine irgendwie sinnvolle Linie (eben ein „roter Faden“) durchzieht, dass alles irgendwie logisch zusammenpasst und/oder auf ein erkennbares Ziel hinführt.

Auf die Idee, dass jemand das schon während des Studiums in Frage stellt, bin ich noch gar nicht gekommen.Also in Ihrem Fall meine ich: Sie haben sich schlicht verzettelt. Statt sich auf ein Ziel zu konzentrieren und das mit tollem Ergebnis zu erreichen, haben Sie extrem lange für Ihr zentrales Studium gebraucht und dieses dafür mit zwei(!) anderen Hauptstudien garniert – eine Kombination, die so niemand braucht und niemand gezielt sucht(!).

Konsequenz: Sie passen nirgendwo richtig hin und erzielen wegen der langen Studiendauer bei Bewerbungsempfängern eher Stirnrunzeln als Begeisterung. Und wenn denen eines Tages von Ihrem Briefkopf drei(!) akademische Titel entgegenleuchten, bekommen die eher Angst vor Ihnen, nicht etwa vorrangig Lust darauf, Sie kennen zu lernen. Ein zeitgleiches ergänzendes Zweitstudium geht bei hochintelligenten Menschen ja noch an – sofern deswegen der Zweck des Hauptstudiums nicht gefährdet wird (kurze Dauer, schneller Abschluss). Aber der Typ Mensch, der „alles“ will, statt eins davon richtig und gut zu machen, ist auch im betrieblichen Alltag nicht sehr gesucht.

 

Antwort/2: Das Problem dabei: „Schwierigkeiten mit dem Professor“ darf es nie gegeben haben! Dieser Mann steht stellvertretend für die Vorgesetzten, die Sie in Zukunft haben werden. Und für einen Angestellten ist die Fähigkeit, problemlos mit jedem(!) Vorgesetzten auszukommen, eine Säule seiner Gesamtqualifikation – absolut gleichwertig mit seinem fachlichen Können. Wahrscheinlich ist diese Fähigkeit sogar noch etwas wichtiger – es scheitern kaum Ingenieure und andere Naturwissenschaftler wegen „erwiesener fachlicher Unfähigkeit“, aber viele wegen ihres Unvermögens, mit ihrem Chef harmonisch zusammenzuarbeiten.

Diese Wahrheit ist also nicht schmeichelhaft für Sie.

Akzeptabel wäre es, die Schuld/den Fehler bei sich selbst zu suchen. Etwa so: „Leider ist die Examens-Gesamtnote dieses Studiums trotz guter Prüfungsnoten hinter meinen Erwartungen zurückgeblieben. Die Ursache liegt allein in der ausnehmend schlecht benoteten Diplomarbeit, bei der ich es offensichtlich versäumt hatte, mich während der Erstellung stärker mit dem betreuenden Professor abzustimmen. So geriet ich mit meiner Interpretation des Themas auf einen Weg, den er nicht für optimal hielt. Für mich war das letztlich ein wertvoller Lernprozess.“Aber Sie kommen auch ohne Erklärung aus. Schließlich werden Sie sich ja vorrangig als Informatiker bewerben. Übrigens ist das ein Beispiel für die Gefahr solcher Verzettelungen: Man ist auf zu vielen „Kriegsschauplätzen“ gleichzeitig tätig, vernachlässigt zwangsläufig einen davon – und „peng“.

Ich erlaube mir abschließend noch den warnenden Hinweis auf einen anderen Spruch von mir: „Sie tun es immer wieder.“ Sie waren jetzt einmal unkonventionell bei der Anlage Ihres Studiums, haben dabei Ihr Hauptziel vernachlässigt (zu langes Studium), sich auf Ihren „Nebenkriegsschauplätzen“ eine schlechte Bewertung eingefangen und hatten Ärger mit einem Vorgesetzten. Es wäre ein kleines Wunder, kämen Sie in der viel komplizierteren Berufswelt ohne Reibungsverluste davon!

Kurzantwort:

Unsere Studiengänge sind so aufgebaut, dass ein(!) Studium genügt, um den Absolventen ausreichend auf die Ausübung eines anspruchsvollen Berufs vorzubereiten. Weitere Kenntnisse können durch klassische Weiterbildung oder durch ausdrücklich als aufbauend/ergänzend gekennzeichnete Studien erworben werden (z. B. Dipl.-Wirtsch.-Ing., auch der MBA für Ingenieure fällt noch in diese Rubrik), ein zweites akademisches Vollstudium jedoch schadet eher mehr als es nützt.

Lehrer und Professoren stehen schon ein wenig stellvertretend für spätere Vorgesetzte im Beruf. Und es gibt Menschen, die bekommen Krach mit Chefs – und solche, die das vermeiden. Letztere sind gesucht.

Frage-Nr.: 2070
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 45
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-11

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