Heiko Mell

Wirtschaftsingenieur – Segen oder Fluch?

Ich studiere derzeit Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni in …Wie sehen Sie die Zukunftsperspektiven für Wirtschaftsingenieure? Ich höre immer öfter, dass gerade das so hochgelobte Allgemeinwissen der Wirtschaftsingenieure nicht mehr so gefragt sei, sondern dass wieder mehr die Spezialisten gefragt sind.

Antwort:

Als Einführung muss gesagt werden, dass ich selbst dazu gehöre, also irgendwie Partei bin (wenn ich auch in einer ganz anderen Zeit an einer in dieser Form längst nicht mehr existierenden anderen Institution studiert habe).

Und dann müssen Sie mir zugute halten, dass jemand wie ich, der sich öffentlich dazu äußert, eine große Verantwortung übernimmt: Da pflegen Hochschulen ihren entsprechenden Fachbereich, viele Professoren widmen ihr ganzes Berufsleben diesem Thema, tausende von Studenten lernen dort oder haben kürzlich ihr Studium abgeschlossen. Wenn jetzt jemand auftritt und ernstzunehmende Negativargumente vorträgt, könnte er ein ganzes Studiensystem aus der Balance werfen. Und sich mächtige Feinde machen. Aber hier nun dennoch meine – subjektive – Betrachtung, nach bestem Wissen und Gewissen:

Die Grundkonzeption des Wirtschaftsingenieurs ist eine in vielen Einzelfällen überzeugt habende Problemlösung. Es gibt in der Industrie zahlreiche Schnittstellenfunktionen, in der technische Aufgabendetails ebenso zu lösen sind wie kaufmännische, ohne dass der absolute Tiefgang des technischen Wissens eines „reinen“ Dipl.-Ingenieurs und der absolute Tiefgang des kaufmännischen Wissens eines Dipl.-Kaufmanns erforderlich wären. Folgerichtig versucht auch die kaufmännische Seite immer wieder einmal, einen irgendwie vergleichbar gestrickten „techn. Kaufmann“ auf die Beine zu stellen, z. B. mit der Disziplin „techn. Betriebswirtschaft“.

Es gibt also durchaus diverse Einsatzbereiche für Wirtschaftsingenieure: z. B. in Planungsfunktionen, in der Projektarbeit, in der AV, in der EDV, im Controlling, in der Beratung. Viele dieser Absolventen haben ihren erfolgreichen Berufsweg gemacht. Und ich meine, dass eigentlich nahezu alle Vertriebsingenieure eigentlich Wirtschaftsingenieure sein könnten oder sollten.Aber es gibt aus meiner Sicht mindestens zwei Einschränkungen:

1. Ich beobachte, dass Unternehmen vielfach für manche Aufgaben zwar auch Wirtschaftsingenieure akzeptieren und einstellen – aber eben „auch“. Dass sie also diese Berufsgruppe dabei nur sehr selten ganz gezielt und allein ansprechen, so wie sie etwa andererseits einen „Dipl.-Ing. Maschinenbau für die Konstruktion“ anfordern. Daraus folgt: Der Wirtschaftsingenieur muss sich seine Startposition und seinen weiteren Weg oft suchen, muss ihn sich neben den vorrangig (und oft aus Gedankenlosigkeit!) ausschließlich angesprochenen „reinen“ Ingenieuren oder Kaufleuten regelrecht erkämpfen.

Daraus wiederum resultiert: Wer Personalanzeigen analysiert, stößt auf viel weniger explizit nachgefragte Wirtschaftsingenieure als tatsächlich beschäftigt werden. Auch ich kam relativ mühelos erst in der Organisationsabteilung, dann im Personalwesen eines Konzerns unter, war dort aber stets „weißer Rabe“ und mit meiner Ausbildung zwar akzeptiert, aber nie gezielt gesucht worden.

2. In die klassischen „Säulen“ der industriellen Organisation, die z. B. im (auch gehobenen) Mittelstand vom Sachbearbeiter durchgängig bis zum Geschäftsführer führen, passt der WI nicht ganz nahtlos hinein: Zum technischen GF mit den vorgeschalteten Laufbahnpositionen Entwicklungsleiter bzw. Produktionsleiter reicht es technisch nicht, auf der anderen Seite gilt Entsprechendes für den kaufmännischen GF mit den Laufbahnstationen Leiter Finanz- und Rechnungswesen oder Controlling.

Fazit: Im Grunde ist der Wirtschaftsingenieur ein Kompromiss – mit allen diesbezüglichen Besonderheiten. Sagen wir es so: Gegen den „reinen“ Dipl.-Ingenieur mit anschließendem Aufbaustudium zum Dipl.-Wirtschaftsinge­nieur spricht eigentlich gar nichts – bis auf den individuell zu gewichtenden Verbrauch an Zeit. Den reduziert das WI-Studium deutlich. Dafür jedoch … (s. o.).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2053
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 36
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-09-09

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