Heiko Mell

Mit Auslandssemester zu alt?

1.990. Frage: Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Spaß die Lektüre Ihrer gelungenen Serie trotz des sachlichen Themas macht.

Ich bin sicherlich einer der jüngeren Leser der VDI nachrichten, hoffe aber dennoch, dass eine Antwort auf meine Frage auch für andere Leser von Interesse ist.

Ich befinde mich mitten im Studium (Maschinenbau) und es stellt sich für mich die Frage, ein Semester im Ausland zu studieren. Da ich bereits während meiner Schulzeit ein Jahr in den Vereinigten Staaten zur Schule gegangen und deshalb ohnehin schon ein Jahr älter bin als meine Kommilitonen, habe ich Bedenken, dass das später als verbummelte Zeit ausgelegt werden könnte.

Würden Sie einen weiteren Auslandsaufenthalt eher positiv bewerten oder eher nicht?

Antwort:

Antwort: Mal ganz etwas anderes, wo ich gerade mit einem angehenden Ingenieur rede: Ich bin ein alter Heimwerker und bastele an einer Konstruktion, bei der ein schräger Träger eine ziemliche Last tragen muss. Ich habe den schon mehrfach anbohren müssen. Glauben Sie, ich könnte es aus statischen Gründen verantworten, ganz weit unten noch ein Loch in diesen Träger zu bohren?

Was ist die einzig vorstellbare Reaktion des (künftigen) Ingenieurs auf diese Zumutung? Ein tiefes Aufstöhnen und dann der Ausspruch: „Fakten. Warum liefert der Bursche keine Fakten? Wenn ich das schon höre: schräger Träger, schwere Lasten, überall ‚Löcher’ – was soll ich damit anfangen? Ich brauche eine Zeichnung mit allen Maßen, mit Werkstoffen und klaren Aussagen über die zu tragende Last sowie zur Lage und Größe der noch geplanten Bohrung.“

Jetzt verstehen Sie a) warum viele Leser so viel Spaß an der Serie haben (solange sie nicht selbst mein „Opfer der Woche“ sind) und b) warum es auf manche Fragen einfach keine Antwort gibt – es fehlt an Informationen.

Für den Fall, dass Ihnen das nicht spontan einleuchtet, hier ein ganz einfaches Argument von mir (auf das Sie mühelos auch hätten selbst kommen können – soll doch ein Studium zum systematischen Denken, zum geordneten Durchdringen von Problemstellungen erziehen): Sie schreiben, Sie seien ein Jahr älter als Ihre Kommilitonen. Das ist „technisch“ gar nicht möglich. Denn das Alter von Studenten in einem bestimmten Stadium des Studiums (z. B. nach Ablegen des Vordiploms) streut außerordentlich stark. Es ist daher mathematisch nicht darstellbar, dass eine einzelne Person ein Jahr älter ist als diese altersmäßig heterogen strukturierte Gruppe der anderen.

Sie müssen das ja aus der Perspektive späterer Bewerbungsempfänger sehen. Bei denen stapeln sich dann 50 oder 100 Unterlagen von Kandidaten aus allen Teilen der Republik. Wie Ihr Alter im Verhältnis zu dem dieser Mitbewerber aussieht, das ist die interessante Frage (und „ein Jahr älter“ als diese Gruppe können Sie nicht sein).

Bliebe höchstens noch der Durchschnitt der Kommilitonen Ihres Umfeldes, auf den allerdings beziehen Sie Ihre Aussage nicht. Sie sehen, ich hätte mir viele belehrende Worte erspart, hätten Sie mir schlicht mitgeteilt, wie alt Sie beim Berufseintritt sein würden. So bleibt mir nur der Hinweis: Sie haben ein Jahr durch Schüleraustausch verloren, schön. Manche mussten zur Bundeswehr, viele nicht (Mädels überhaupt nie), einige blieben in der Schule sitzen, manche absolvieren vor dem Studium noch eine Lehre, eine Studiendauer von 13 Semestern kommt ebenso vor wie eine von 8 oder 9. Sie sehen: Mein Beispiel mit den „Löchern“ im Träger war gar nicht so schlecht.

Und so kennen wir denn 22-jährige FH-Absolventen und 32-jährige promovierte TH-Ingenieure. Daher gibt es keine pauschale Aussage zur Frage, wie alt ein Ingenieur beim Start sein darf, man muss stets die Fakten seiner Bewerbung und die ähnlich qualifizierter Vergleichsgruppen betrachten.

Auslandsbezug ist nicht nur überwiegend positiv (entbehrlich bei einer Bewerbung als Vertriebsingenieur in Süd-Bayern), viele Großunternehmen machen ihn offenbar bereits zur Bedingung beim Einstieg in Nachwuchs-Laufbahnen wie z. B. Traineeprogramme. Auslandssemester zählen ebenso dazu wie Auslandspraktika (Schülerzeiten im Ausland eher nicht).

Es ist absolut nicht zwingend, für ein oder zwei Auslandssemester Studienzeit „opfern“ zu müssen: Viele Hochschulen haben Partnerinstitutionen im Ausland, die dort verbrachten Semester werden hier angerechnet.Wenn Sie also sagen würden, ohne Auslandssemester wären Sie mit 25 Jahren fertig, mit wären Sie dann 26, rate ich zu. Wären Sie aber ohne schon 29, mit jedoch 30, wäre ich skeptisch – 30 ist für einen Anfänger ohne Promotion entschieden zu alt (und klingt dramatischer als 29).Und da ich gerade dabei bin: Für eine Karriereberatung gilt ein etwas engerer Maßstab. Das sieht etwa so aus:

– Irgendwo (beim Alter, bei der Studiendauer, bei den Noten) im Durchschnittsbereich zu liegen, ist fast schon bedenklich, jedenfalls keine Empfehlung.

– Schlechter als der Durchschnitt zu sein, das gibt es gar nicht, auch wenn gerüchteweise gelegentlich davon die Rede ist.

– Da aber natürlich schon aus der mathematischen Definition des Durchschnitts hervorgeht, dass keinesfalls alle darüber liegen können, gilt: Zumindest muss es irgendwo einen klar erkennbaren Ausgleich für Schwächen geben – und sei es beim Auslandsbezug. Nichts ist schlimmer als Durchschnitt auf der ganzen Linie, z. B. dokumentiert durch ein Examenszeugnis mit unterschiedslos „befriedigenden“ Noten.

Interessant ist auch noch diese Betrachtung, wenn man „höheres Alter“ gegen „Auslandstouch“ abwägt: Das höhere Alter, wenn es denn nicht extrem hoch ist, spielt eigentlich nur beim Berufseinstieg nach dem Studium eine – negative – Rolle. Später verliert sich das, bei der Bewerbung eines 40-jährigen Akademikers ist ein Jahr mehr oder weniger beim Studienabschluss bedeutungsarm. Auslandsbezug jedoch behält viel länger seinen Wert.

Kurzantwort:

Der Auslandsbezug, den eine Bewerbung durch ein oder zwei Auslandssemester im Studium bekommt, ist im Normalfall durch eine entsprechende Verlängerung der Gesamtstudiendauer nicht zu „teuer“ bezahlt, sondern eine lohnende Investition (Ausnahme: Man wäre auch so schon recht „alt“ beim Berufseinstieg).

Frage-Nr.: 1990
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 54
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-01-27

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